Von MICHAEL OTTO DENZIN
Eine Kursrally bei Aktien, der Dax auf Jahreshoch – Jubelstimmung bei allen Anlegern? Angesichts des turbulenten Jahresverlaufs dürfte der Spruch des alten Börsengurus Andre Kostolany, „Aktien kaufen und schlafen legen – und wenn Sie wieder aufwachen, haben Sie Geld verdient" – kaum zutreffen. Wer konstante Erträge sucht und dafür nicht täglich disponieren wollte, steht angesichts des niedrigen Zinsniveaus weiter ratlos da.
Die Alternativen zu Aktien werden zunehmend weniger. Bei Unternehmensanleihen bringen Unternehmen mit guter Bonität Renditen, die nur noch wenig über dem Niveau von Staatsanleihen liegen. Wer lieber direkt in vielversprechende Unternehmen investieren will, sollte sich auf die alte Dividendenstrategie bei Aktien besinnen.
Die Strategie ist dabei nicht neu. Genau genommen handelt es sich hier nur um ein „Back to the Roots", denn schon frühere Generationen von Anlegern wählten ihre Investitionen so aus. Aktien wurden mit Blick auf die Dividenden gekauft, Fonds ebenfalls nur mit Blick auf die jährlichen Ausschüttungen. Geändert hat sich das in den 1980er und 1990er Jahren, als etliche Phasen mit veritablen Kurshaussen das Element des Kursgewinns in den Vordergrund des Denkens rückten und eine ganze Generation von Anlegern prägten.
Angesichts volatiler Zeiten an den Aktienmärkten könnte es sich jetzt wieder lohnen, Aktien einfach wieder als das zu sehen, was sie einmal waren: „Dividenden"-Titel. Und das muss nicht schlecht sein. „2013 wird das Jahr der Dividendentitel", sagt etwa die Deutsche Bank . Die erwartete Kursentwicklung spielt bei der Auswahl der Aktien keine Rolle: Ein möglicher Kursgewinn ist eher nettes Zubrot, ausgewählt wird die Aktie wegen der zu erwartenden Ausschüttungen.
Und auch wenn klassische Dividendentitel wie E.On und Deutsche Telekom die Dividende kürzen oder ganz in Frage stellen, sollte man sich hier nicht abschrecken lassen. Dividenden entwickeln sich nämlich stabiler als Unternehmensgewinne. So zeigt eine Untersuchung der Investmentbank Morgan Stanley klar, dass trotz der jüngsten Kürzungen die Dividenden von Unternehmen weniger stark gefallen sind als die Gewinne. Dieses Muster läuft seit 1974 ungebrochen. Obwohl die Anzahl der Dividendenschnitte seit Jahresbeginn 2012 um über 10 Prozentpunkte gestiegen ist, war ihr Umfang wesentlich geringer als der der Gewinneinbrüche.
Sparen mit Dividendenrenditen
Der „Dividenden-Sparer" könnte damit zum Anleger-Modell der Zukunft werden. Dabei richtet sich der erste Blick des Anlegers natürlich auf die Dividenden-Rendite – also dem Verhältnis von gezahlter Dividende zum aktuellen Aktienkurs. Eine Dividendenrendite von 5,8 Prozent, wie sie die Deutsche Telekom selbst noch nach ihrer Dividendenkuerzung auf 50 Cent anbieten wird, hört sich natürlich besser an als die 1,3 Prozent, die man momentan bei einer 10-jährigen Bundesanleihe bekommt. Doch wichtig ist vor allem der Blick auf die Stabilität der Zahlungen und eine eventuelle Steigerung der Ausschüttungsquote.
Welche Aktien stabile Ausschüttungen versprechen, zeigt oft ein Blick auf die Vergangenheit. Mit dem Blick auf vergangene Konjunkturzyklen können Anleger leicht ein Gefühl dafür bekommen, mit welchen Schwankungen in der Dividende sie bei bestimmten Unternehmen rechnen müssen.
Die Aktien des Jahres
So war der Dividendenstrom bei der stark von der Konjunktur abhängigen Deutschen Lufthansa ziemlich volatil: Mal gab es 70 Cents wie in 2008, mal nichts wie in 2009 und mal auch ein bißchen etwas wie die 25 Cents in 2011. Ganz anders das Bild dagegen bei Nestle . Hier stieg die Dividende in diesen vier Jahren konstant von 1,40 auf 1,95 Franken an. Einen Ausfall der Dividende gab es nicht.
Die Stabilität der Dividende ist damit einer der wichtigsten Auswahlfaktoren. Diese Stabilität hat natürlich einen Preis: Ein Titel mit stabil gezahlter und dann noch steigender Dividende gehört zu den Lieblingen der Investoren. Die Aktie dürfte daher im Kauf teurer sein und damit automatisch nicht so eine hohe Dividendenrendite erbringen wie manch volatilerer Titel.
Das Problem hoher Renditen
Der Verlockung, allein auf hohe Dividendenrenditen zu schauen, sollten Anleger daher widerstehen. Denn eine zweistellige Rendite ist in manchen Fällen einfach nur das rechnerische Ergebnis eines Kurseinbruchs – und der möglicherweise ein Hinweise darauf, dass nächstes Jahr gar keine Dividende mehr gezahlt werden wird.
"Anleger sollten Aktien mit extrem hohen Dividendenrenditen verkaufen und so das Risiko für Kürzungen minimieren", lautet daher die Empfehlung von Thomas Schüssler, Fondsmanager bei Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS. Das größte Risiko für Dividendenkürzungen gebe es bei Dividendenrenditen im zweistelligen Prozentbereich, solche seien nicht "nachhaltig". Aber auch Dividendenrenditen oberhalb von sechs bis sieben Prozent erhöhten das Risiko für Kürzungen stark. Die größte Dividendensicherheit sieht er bei Aktien, deren Dividendenrendite zwischen 3 Prozent und 4 Prozent liegt.
Anleger unterschätzen zumeist die Rolle von Änderungen in der Dividendenpolitik. Die Analysten der Deutschen Bank empfehlen daher, sich die Änderung in der Dividendenpolitik und der Ausschüttungshöhe genau anzusehen. Bei überraschenden Änderungen in der Dividendenpolitik gebe „es eine Menge Informationen, die viel zu häufig übersehen werden".
So sei eine Anhebung der Dividende über das Gewinnniveau hinaus meist ein Zeichen für weiter steigende Dividenden. Firmen, die in einem bestimmten Jahr eine stärkere Dividenden- als Gewinnsteigerung aufweisen, werden im darauffolgenden Jahr oft die beste Gewinnsteigerung zeigen. Der Grund dafür ist einfach: Wenn eine Firma ihre Dividenden anhebt, und dazu noch stärker als es die aktuelle Gewinnsituation nahelegt, ist das ein klares Signal für ein hohes Vertrauen in die Zukunft.
Blick auf Cash Flow lohnt sich
Die größte Chance auf Dividendenerhöhungen sehen die Analysten der Deutschen-Bank bei Unternehmen, die im Vergleich zur eigenen Branche eine noch geringe Ausschüttungsquote bei gleichzeitig hohem Mittelzufluss (freier Cash Flow) ausweisen. Fündig geworden sind die Spezialisten der Deutschen Bank unter anderem bei der schweizerischen Zeitarbeitsfirma Adecco, beim britischen Versicherer Prudential und bei Inchcape, einem Londoner Unternehmen, das als Händler und Importeur in der Automobilbranchen tätig ist.
Gerade Adecco sei ein klassisches Beispiel. Die Schweizer hatten eine solide Bilanz mit einer geringen Ausschüttzungquote von 25 bis 30 Prozent ihres Nettogewinns. Im März änderten sie dann ihre Ausschüttungspolitik und erhöhten sie auf 40 bis 50 Prozent.
Letztlich sind Titel mit einer hohen Dividendenrendite auch für klassische Kursjäger interessant. Denn im Kurs schlägt sich die Dividende ohnehin nieder. In einer Untersuchung des europäischen Aktienmarktes stellten die Analysten der Deutsche Bank fest, dass Unternehmen mit negativen Dividenden-Überraschungen sich in der Folge auch kursmäßig schlechter entwickelten als der Gesamtmarkt. Umgekehrt legten Aktien mit positiven Überraschungen stärker zu. Der Blick auf die Dividenden-Revision lohnt sich damit auch für Anleger, die eher kursorientiert agieren.
Kontakt zum Autor: michael.denzin@dowjones.com



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