• The Wall Street Journal

Billiges amerikanisches Gas wird für europäische Industrie zum Albtraum

Es klingt wie eine Geschichte, die Kafka für einen europäischen Unternehmer geschrieben haben könnte: Anstatt im eigenen Land zu investieren, baut ein Stahlproduzent aus den Alpen ein Werk im weit entfernten Nordamerika. Dort mischt er Erdgas und Eisenerz – um das daraus entstandene Produkt mit dem Schiff wieder den ganzen Weg nach Europa zu transportieren und Stahl herzustellen. Und das ist immer noch günstiger, als das gleiche zuhause zu machen.

In Europa ist dieser Albtraum keine Fiktion. Der österreichische Stahlkonzern Voestalpine will 500 Millionen Euro in ein neues Werk in den USA oder Kanada investieren. Dort soll mit Erdgas heißbrikettiertes Eisen (HBI) produziert und in Europa zu Stahl weiterverarbeitet werden. Das ist eine Alternative zur traditionellen Methode, bei der Hüttenkohle verwendet wird.

dapd

Erdgasproduktion in den USA: Die amerikanische Industrie profitiert von den niedrigen Preisen.

Voestalpine hat mit der schweren Wirtschaftskrise in Europa zu kämpfen. Das Unternehmen versucht, Kosten zu senken, indem es von nordamerikanischem Gas profitiert, das laut Konzern dort nur ein Drittel soviel kostet wie in Europa.

Die Entscheidung ist klug. Sie zeigt aber, dass sich in Sachen Energiekosten eine Lücke zwischen Nordamerika und Europa auftut. Und es gibt andere Verlierer. Einer von ihnen ist Gazprom. Der staatliche russische Gaskonzern hat lange darauf vertraut, dass die Europäer aus Mangel an Alternativen weiter teures russisches Gas abnehmen. Nun aber wird der Wettbewerb härter. Auch die Betreiber amerikanischer Kohlebergwerke gehören zu den Verlierern. Sie mussten bereits zusehen, wie der Anteil von Kraftwerkskohle bei der Energieerzeugung zugunsten von billigerem – und saubererem – Erdgas zurückgeht. Nun gerät die Hüttenkohle zunehmend unter Druck.

Doch während das billige Gas für die Europäer ein Albtraum ist, profitiert die amerikanische Industrie davon, allen voran energieintensive Branchen. Nach Jahrzehnten des Niedergangs geht es für Erdölraffinerien, petrochemische Unternehmen und sogar Stahlproduzenten wieder bergauf. Neben Voestalpine baut der heimische Stahlhersteller Nucor ein neues Werk, in dem mit Erdgas Stahl produziert wird. Außerdem hat es kürzlich einen Deal mit der kanadischen Encana gemacht. Gemeinsam wollen sie Anteile an Gasfeldern kaufen.

Bei der Diskussion über Gas aus Nordamerika ging es bisher vor allem darum, wie viel für den Export verflüssigt werden soll. Doch mit Projekten wie dem von Voestalpine könne das Gas viel schneller in Form von Industriegütern exportiert werden, sagt Michelle Applebaum, Analystin bei Steel Market Intelligence.

Barclays Capital hat mehr als 80 Industrie-Projekte gezählt, die im kommenden Jahrzehnt entstehen und bei denen Unternehmen von niedrigen Erdgaspreisen profitieren würden. Wenn alle umgesetzt würden, könnte die tägliche Industrienachfrage nach Gas – Ölraffinerien ausgenommen – um bis zu 170 Millionen Kubikmeter oder fast ein Drittel ansteigen.

Doch die Analysten der Bank glauben nicht, dass alle Projekte verwirklicht werden. Sie rechnen mit einem tatsächlichen Wachstum von täglich rund 97 Millionen Kubikmetern. Auch das wäre noch eine ganze Menge. Nach der jüngsten Prognose des US-Energieministeriums wird die tägliche Nachfrage bis 2020 um 63 Millionen Kubikmeter wachsen. Diese Schätzungen könnten sich als zu niedrig erweisen – wie es auch mit den Prognosen zur nordamerikanischen Gasproduktion der Fall war.

Für die Amerikaner sieht das nach einem Happy End aus.

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