Von JACOB BUNGE
Jeffrey Sprecher glaubt, dass der Aktienmarkt frischen Wind braucht. Und er ist in der Position, für diesen Wind zu sorgen. Sprecher ist Chef der Derivatebörse ICE, der künftig auch die traditionsreiche New Yorker Börse kontrolliert.
Die IntercontinentalExchange kündigte in der vergangenen Woche an, die NYSE Euronext für 8,2 Milliarden US-Dollar (etwa 6,2 Milliarden Euro) zu übernehmen. Sprecher hat zwar keine langjährige Erfahrung im Aktiengeschäft. Trotzdem hat er eine dezidierte Meinung dazu – die in vielen Aspekten den Einstellungen und Geschäftsmodellen vieler Aktienhändler widerspricht.
Der 57-Jährige gründete die ICE vor zwölf Jahren; zuvor arbeitete er in der Strombranche. Er spricht sich dagegen aus, große Händler mit Rabatten an Börsen zu locken. Diese Praxis ist weit verbreitet; Börsenvertreter sagen, sie sei nötig, um die Märkte in Bewegung zu halten. Sprecher kritisiert auch die immer breitere Streuung des Aktienhandels auf eine Vielzahl von Börsen und privaten Märkten. Banken und Broker setzen auf diesen Trend zu außerbörslichen Geschäften, weil sie dadurch höhere Gewinne erzielen können.
Als Besitzer der NYSE wäre Sprecher in einer einflussreichen Position, um seine Ansichten durchzusetzen. „Es ist klar, dass es Veränderungen im Aktienhandel geben wird", sagte Sprecher in der vergangenen Woche bei einer Telefonkonferenz mit Analysten. „Die treibende Kraft hinter diesen Veränderungen wird von der New York Stock Exchange kommen". Eine Sprecherin der ICE wollte das nicht weiter kommentieren.
Bis jetzt hat die in Atlanta ansässige ICE wie ihr größerer Konkurrent im Future-Geschäft, die CME Group, das Aktiengeschäft vermieden. Aktiengeschäfte werden in den USA an über 60 Standorten abgewickelt; die Branche betreibt eine gemeinsame Verwahrstelle. Dadurch ist der Wettbewerb hoch und das Geschäft weniger profitabel als die Terminbörsen. Diese können eigene Kontrakte aufsetzen, die nur auf ihren Plattformen gehandelt werden.
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Die ICE, auf der Termingeschäfte und andere Derivate gehandelt werden, hat im abgelaufenen Quartal eine operative Gewinnmarge von 60 Prozent erzielt. Das ist etwa das Doppelte der NYSE Euronext, die neben einem beträchtlichen Derivategeschäft auch Aktien handelt und markttechnologische Dienstleistungen anbietet.
Die Rohstoffmärkte, von denen die ICE lebt, sind in den vergangenen Jahren gewachsen. Der Aktienhandel hat jedoch in den letzten drei Jahren an Volumen verloren, auch wegen einiger prominenter Crashs und dem intensiven Wettbewerb zwischen Börsen und großen Brokern.
Gebühren für Hochfrequenzhändler
Sprecher hat bereits beim Derivatehandel für Wirbel gesorgt, etwa bei den Hochfrequenzhändlern. 2011 etwa führte die ICE höhere Gebühren für diese Händler ein, wenn sie Preise weit über oder unter dem Marktschnitt für Terminkontrakte verbreiten. Nach Angaben der ICE soll dies die hohe Zahl von Käufen und Verkäufen durch den Computerhandel reduzieren, der die Systeme der Börsen belastet. Im Februar erklärte das Unternehmen, die Maßnahme hätte die Zahl der elektronischen Order durch Hochfrequenzhändler deutlich reduziert. Gregory Eickbush, operativer Vorstand des elektronischen Händlers Infinium Capital Management, sagt, der Schritt habe die Funktionalität der ICE-Märkte verbessert: „Ich respektiere, dass sie dieses Problem angepackt haben."
Das Parkett der NYSE im Lauf der Jahre
Auf dem Aktienmarkt ist diese Idee noch nicht angekommen. Hier haben Hochfrequenzhändler einen deutlich höheren Anteil. Die Nasdaq OMX Group hat in diesem Jahr eine ähnliche Abgabe eingeführt, die NYSE und andere Konkurrenten halten sich aber noch zurück. Der Börsenbetreiber Direct Edge zog in diesem Jahr eine solche Gebühr wieder zurück.
Sprecher hat auch die Praxis der NYSE und anderer Börsen kritisiert, einigen Händlern Preisnachlässe zu gewähren. Die Betreiber sagen, dass mit solchen Rabatten sichergestellt wird, dass es für Order von Investmentfonds oder Privatanlegern immer genügend Käufer oder Verkäufer gibt. Aber durch die Preisnachlässe steigt für einige große Händler der Anreiz, Geschäfte in hohem Volumen zu tätigen, ohne eigentlich an der Aktie interessiert zu sein. Solche Händler würden bei einem volatileren Umfeld schnell den Markt verlassen, sagte Sprecher im vergangenen Jahr in Chicago.
Einige Manager in der Branche bezweifeln, dass Sprecher in der Praxis für große Veränderungen sorgen kann, auch wenn er bald die traditionsreichste Börse der USA kontrolliert. Wenn die Bedingungen zu sehr verändert würden, drohten wichtige Kunden zu anderen Märkten abzuwandern, wo die Rabatte noch gewährt werden. „Das Beste, was er erreichen kann, ist, den Aktienhandel wie gewohnt weiterlaufen zu lassen und die Regulierer zu einem Verbot der Preisnachlässe zu drängen. Das machen andere aber bereits seit 15 Jahren, " sagt Matthew Andresen, Co-Chef von Headlands Technologies, einer elektronischen Handelsfirma aus Chicago. Er half zuvor bei einer Handelsplattform mit, das Rabattmodell zu entwickeln.
Komplexer und vernetzter
Mit der Einführung von neuen Kontrakten und Dienstleistungen hat Sprecher andere Börsen bereits zum Handeln gezwungen. Als die ICE in diesem Jahr beispielsweise den elektronischen Handel für Getreidekontrakte einführte, reagierte der Rivale CME mit einer Verlängerung des Handelstages für diese Produkte.
In einigen Punkten stimmt Sprecher aber mit der aktuellen NYSE-Spitze überein. Beide Seiten kritisieren seit langem die Streuung des Aktienhandels auf eine Schar von Börsen, Maklern und den so genannten „Dark Pools", in denen außerbörslich anonym gehandelt wird. Dieser Trend habe das Vertrauen der Anleger beschädigt und habe zu solchen Katastrophen wie dem „Flash Crash" im Mai 2010 geführt.
Händler sagen, dass der Aktienmarkt komplexer und vernetzter ist als die Termingeschäfte, mit denen Sprecher sich auskennt. „Die NYSE ist eine ganz andere Welt. Es ist viel schwerer, die Struktur des Marktes zu verändern", sagt Neil Catania, Chef des Brokers MND Partners. „Aber wir brauchen neue Denkanstöße."
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