• The Wall Street Journal

Venezuela plant neuen Tauschmechanismus für den Dollar

CARACAS – Venezuela will vermehrt US-Dollar im Inland einsetzen, um den Wertverfall der eigenen Währung auf dem Schwarzmarkt zu stoppen. An einem entsprechenden Plan werde derzeit gearbeitet, sagten Personen, die kürzlich mit Vertretern der venezolanischen Notenbank gesprochen haben.

Details dieses Vorhabens sind bislang nicht an die Öffentlichkeit gedrungen. Einige hoffen, dass der Zugang zum Dollar einfach freigegeben wird, sich also Firmen und Privatleute die harte amerikanische Währung auch zu Preisen besorgen können, die oberhalb des offiziellen Wechselkurses liegen.

Agence France-Presse/Getty Images

Venezolanische Bolivar.

Mit einem solchen Schritt könnte die Regierung die Dollar-Knappheit mildern, die sich verschärft hat, seit die Zentralbank des Landes ihr offizielles Dollartauschsystem eingestellt hat und es dazu keine Alternative mehr gibt.

Seit einem Jahrzehnt versucht der sozialistische Präsident Hugo Chávez der Kapitalflucht aus dem Land mit strengen Kontrollen des Devisenverkehrs zu begegnen. Seinerzeit sollte ihn ein Streik in der Ölindustrie in die Knie zwingen. Festgelegt wurde damals, dass allein der Staat Dollar kaufen darf. Alle anderen Dollarkäufe wurden für illegal erklärt. Die Verknappung des Dollar hat den Bolivar geschwächt. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Dollar mittlerweile 23 Bolivar.

Anfang Februar hatte die Regierung den Bolivar um ein Drittel abgewertet. Für einen Dollar gibt es jetzt offiziell 6,30 Bolivar. Volkswirte halten die venezolanische Währung nach wie vor für überbewertet, und zwar erheblich.

Der beschränkte Zugang von Venezolanern zur amerikanischen Währung hat auch zu einer Verknappung von Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern geführt, vor allem seitdem Chávez erneut mit dem Krebs kämpft. Seit Monaten war der Präsident nicht mehr öffentlich zu sehen. Aus Sicht vieler Bürger sind die Aussichten äußerst unsicher.

„Die Regierung weiß, dass sie diese Situation so nicht aufrecht erhalten kann", sagte Analyst Francisco Rodríguez von der Bank of America Merrill Lynch. „Es ist sicher, dass sie etwas tun müssen, um den Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt herunter zu bekommen."

Der Chef eines Brokers aus Caracas erklärte jetzt, ihm sei bei Treffen mit Regierungsvertretern gesagt worden, dass es künftig einen Dollar-Tauschmechanismus geben werde, der parallel zum festen Wechselkurs von 1 Dollar zu 6,30 Bolivar laufe und vorrangig für die Einfuhr wichtiger Erzeugnisse und Waren des täglichen Bedarfs reserviert werde.

Das Parallelsystem werde es erlauben, Dollar zu schwächeren Bolivar-Kursen zu erwerben. Doch warnen Personen, die mit den Regierungsplänen vertraut sind, dass die Regierung wahrscheinlich eine Begrenzung einführen wird, wie weit der Bolivar dabei abwerten darf. Unklar ist ferner, welche Rolle private Banken bei der Dollar-Versorgung haben werden - wenn sie überhaupt eine spielen werden.

„Es gibt da Leute im Finanzministerium, die glauben, dass die Einbeziehung von Privatpersonen der Korruption Vorschub leisten könnte", sagte der Chef des Brokerunternehmens aus Caracas. Nach seinen Worten wird es noch zwei Monate dauern, bis die Regierung ihren Plan fertig hat und umsetzen kann. Sowohl das Finanzministerium als auch der Banco Central de Venezuela reagierten nicht auf die Bitte nach einer Stellungnahme zu den Informationen.

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Erst 2010 ordnete Chávez die Schließung des unabhängigen Devisenmarktes Permuta an. Der Permuta-Markt wurde von privaten Brokern betrieben, die dabei Staatsanleihen verkauften, die in Dollar denominiert waren. Chávez steckte seinerzeit mehrere Broker ins Gefängnis, die er der „Spekulation" beschuldigte. Sie hätten dafür gesorgt, dass die venezolanische Währung auf dem Schwarzmarkt bis auf 8 Bolivar pro Dollar abgewertet habe.

Anschließend startete die Zentralbank ihre eigene Plattform für den Anleihehandel: Sitme. Privatleute konnten hier für einen Kurs von 5,3 Bolivar pro Dollar Staatsschulden kaufen. Seinerzeit erklärte Zentralbankpräsident Nelson Merentes, der Handelsmechanismus sei gesund und könne „50 bis 100 Jahre existieren".

Nachdem die Geldströme über Sitme immer geringer wurden, wurde das System erst kürzlich eingestellt. Es sei nicht sinnvoll, immer mehr Staatsschulden aufzuhäufen, nur um den Vertriebskanal für den Dollar zu füttern, hieß es offiziell zur Begründung. Überdies riskierte die Regierung mit einer massiven Abwertung der venezolanischen Währung, dass die Inflation zusätzlich befeuert wird. Im Januar erreichte die Teuerung 22,2 Prozent.

Mit der Abschaltung von Sitme ohne jede Alternative wurde es vor allem für Importeure schwierig. Die Dollar-Nachfrage wurde damit angeheizt und der Bolivar weiter geschwächt. Analyst Rodríguez von der Bank of America sagt, es sei denkbar, dass sich die Regierung für einen Bargeldtauschmechanismus entscheide. Ein solches System, so schätzt er, könnte den „Schwarzmarktkurs des Bolivar leicht um 20 Prozent oder mehr dämpfen."

Etliche Ökonomen führen die Dollarknappheit in Venezuela darauf zurück, dass die Regierung vor der Wiederwahl von Chávez zu viel importiert habe, um den wachsenden privaten Konsum zu befriedigen und so die Zustimmung der Wähler zu gewinnen.

Nach Daten der Zentralbank, die am Dienstag veröffentlicht wurden, weist die Leistungsbilanz von Venezuela im vierten Quartal ein Defizit von 598 Millionen Dollar auf. Demnach stiegen die Einfuhren gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 33,9 Prozent auf 17,8 Milliarden Dollar.

David Rees, Volkswirt bei Capital Economics in London, schätzt, dass möglicherweise die Hälfte der Einfuhren mit Dollar finanziert wurden, die zu einem schwächeren Wechselkurs beschafft wurden als dies der offizielle Kurs vorsieht.

—Mitarbeit: Ezequiel Minaya.

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