• The Wall Street Journal

Kohlekraftwerke überschwemmen den Strommarkt

Trotz tiefer Börsenstrompreise und Überkapazitäten gehen 2013 so viele neue Kohlekraftwerke ans Netz wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das geht aus den Daten der Bundesnetzagentur hervor: Demnach werden in Deutschland neue Steinkohleblöcke mit einer Leistung von knapp 5.300 Megawatt ihren Betrieb aufnehmen. Darüber hinaus sollen auch neue Gaskraftwerke mit insgesamt 1.340 Megawatt an das Stromnetz angeschaltet werden.

So will beispielsweise der Essener Energiekonzern RWE das neue Kohlekraftwerk in Hamm mit einer Leistung von rund 1.500 MW noch in diesem Jahr fertigstellen. Das Kohlekraftwerk Karlsruhe (840 MW) von EnBW soll ebenfalls 2013 an den Start gehen, wie auch die Vattenfall-Anlage in Hamburg-Moorburg (760 MW). Weitere Kohleblöcke bauen auch GDF Suez, Steag und Trianel mit einer Kapazität von jeweils rund 700 MW.

dapd

Ein Kühlturm des Neubaus des RWE-Steinkohlekraftwerks in Hamm. Das Kraftwerk soll Ende 2013 ans Netz gehen.

Im Gegenzug werden mehrere alte Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von rund 1.000 MW abgeschaltet. Unterm Strich drängen damit zusätzliche konventionelle Anlagen mit einer Leistung von etwa 5.600 Megawatt auf den schon jetzt gesättigten Markt. Hinzu kommen neue Öko-Kraftwerke: Nach bisherigen Prognosen sollen etwa 3.900 MW an Solarkapazitäten und 2.000 bis 3.000 MW Windkraftkapazitäten in diesem Jahr noch ans Netz gehen.

Die neuen Gas- und Kohlekraftwerke sind von langer Hand geplant. Doch nach der Energiewende wurden Ökostrom-Anlagen im großen Stil zugebaut - und haben die Preise gedrückt.

Die Wirren der Energiewende

Wie sich die neuen Blöcke unter diesen Bedingungen rechnen sollen, ist völlig unklar. Nach Einschätzung des Kraftwerksexperten Michael Ritzau vom Aachener Planungsbüro BET wird es frühestens ab 2018 einen Bedarf an weiteren konventionellen Anlagen geben. Fast keines der Kraftwerke, die bis 2014 gebaut werden, könnte seine Kosten decken, sagte Ritzau zum Wall Street Journal Deutschland: "Weder für ein Gaskraftwerk noch für ein Kohlekraftwerk werden die Vollkosten aus heutiger Sicht verdient."

"Der Zuwachs an erneuerbaren Energien und der Rückgang des Stromverbrauchs haben die Stromlücke durch die acht AKW-Abschaltungen im Jahr 2011 bereits heute vollständig kompensiert", sagt Norbert Allnoch, Direktor des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien in Münster. Dies sei auch aus dem deutschen Stromexportüberschuss ersichtlich, der 2012 auf 23 Milliarden Kilowattstunden (kWh) stieg.

"Es ist erstaunlich, dass sich die politische Debatte derzeit nur auf das Ausbremsen der erneuerbaren Energien konzentriert, während gleichzeitig weitgehend unbemerkt neue Kohlekraftwerke mit einer Rekordleistung ans Netz gehen", meint Allnoch. Er geht davon aus, dass sich der Druck auf die Strompreise im Großhandel noch weiter verschärfen werde, zumal weitere große Kohlekraftwerke geplant seien. "Wer jetzt Grundlaststrom an der Börse bis zum Jahr 2017 kauft, der zahlt mit knapp über vier Cent pro kWh bis zu 55 Prozent weniger als 2008 und hat darüber hinaus für die nächsten vier Jahre Preisstabilität", rechnet Allnoch vor.

Allerdings erfüllen konventionelle Kraftwerke weiterhin eine wichtige Funktion: Sie gewährleisten die Versorgungssicherheit. So können sie auf starke Schwankungen bei der Stromerzeugung und -einspeisung von erneuerbaren Energien - wie Solar- oder Windkraft - reagieren und werden bei Bedarf hoch- bzw heruntergefahren. Doch mit diesen eher kurzen Einsätzen können die Betreiber von Kohle- und Gaskraftwerken heute kaum noch Geld verdienen. Daher diskutiert die Politik über ein neues Strommarktsystem - so genannte Kapazitätsmärkte oder Kapazitätsmechanismen.

In diesem neuen Marktdesign wird nicht nur die tatsächlich verbrauchte Strommenge der konventionellen Anlagen vergütet. Sondern die Betreiber erhalten auch für die Bereitstellung von flexiblen Kapazitäten eine Sondervergütung. Auf genau diese Vergütung dürften die Stromkonzerne hoffen, die jetzt die Kraftwerke ans Netz geschlossen haben.

Zurzeit gibt es einen Modellvorschlag des Münchner Versorgers Thüga, wie ein Kapazitätsmarkt mit Hilfe von Kraftwerksauktionen gestaltet werden kann. Der Verband kommunaler Unternehmen will am Freitag einen eigenen Entwurf für das künftige Strommarktdesign vorstellen.

Kontakt zum Autor: ali.ulucay@dowjones.com

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