• The Wall Street Journal

Benedikt sagt leise Servus

[image] Associated Press

Das Pontifikat begann im April vor acht Jahren im Nieselregen. Bei seinem letzten öffentlichen Termin als Oberhaupt der katholischen Weltkirche spielte das Wetter hingegen mit. Unter strahlend blauem römischen Himmel verabschiedete sich Benedikt XVI. am Mittwoch bei seiner letzten Generalaudienz von den Gläubigen und von der Welt, für die er in Zukunft "verborgen sein will".

Mehr als 200.000 Menschen waren gekommen, um den Papst noch ein letztes Mal zu sehen. Es ist ein besonderer Augenblick, in dem alles neu ist. Denn, dass ein Papst zurücktritt, hat es vor 700 Jahren unter Coelestin V. zum letzten Mal gegeben und in der neueren Kirchengeschichte noch nie.

Mit großer Spannung war Benedikts letzte Ansprache erwartet worden. Was würde er den Gläubigen mit auf den Weg geben? Würde er noch einmal die Beweggründe seines Rücktritts erläutern? Oder Bilanz ziehen? Schließlich gilt sein Pontifikat als eines der krisenreichsten der Kirchengeschichte - vom Mohammed-Zitat bis zum Missbrauchsskandal. Noch die letzten Tage seiner Amtszeit waren belastet von Gerüchten und anrüchigen Geschichten.

Spekulationen belasteten auch Benedikts letzte Tage

So gab es Spekulationen über die Hintergründe seines Rücktritts: Eine römische Tageszeitung veröffentlichte Berichte, denen zufolge die Untersuchung der letzten großen Affäre seines Pontifikats - des "Vatileaks"-Skandals um gestohlene Geheimdokumente - der eigentliche Grund für den ungewöhnlichen Entschluss Benedikts gewesen sei.

Von Sex-, Geld- und Machtgelüsten im Vatikan war die Rede, von einer "Schwulen-Lobby" und von Erpressung in der Kurie. Und auch der weiter schwelenden Missbrauchsskandal kam wieder ans Licht: Schwere Anschuldigungen wurden in Großbritannien gegen den konservativen schottischen Kardinal Keith O'Brien laut, er habe vor 30 Jahren Priester belästigt. Fast gleichzeitig nahm der Papst das Rücktrittsgesuch des Kardinals aus Altersgründen an.

Wer auf klare Worte zu den zahlreichen Krisen in der Ära Benedikt gehofft oder neue Erläuterungen zu seiner Rücktrittsentscheidung erwartet hatte, wurde enttäuscht. Benedikt wiederholte seine bereits bekanntes Motiv der schwindenden körperlichen Kräfte. Auf die einzelnen Krisen seines Pontifikats ging er nicht ein. Dennoch äußerte sich der deutsche Papst ungewöhnlich persönlich.

Gott sitzt mit im Boot"

Mehrfach erinnert sich der 85-Jährige an jenen 19. April im Nieselregen, als er "das Amt Petri" auf sich nahm. Mehrfach kommt er auf die Schwere der Bürde zu sprechen, die in dem totalen Einsatz für Gott und die Kirche gelegen habe unter Aufgabe jeder Privatheit. "Wer das Amt des Heiligen Petrus übernimmt hat keinerlei mehr. Er gehört immer der ganzen Kirche." Wie eine Konfession über seine persönlichen Schwierigkeiten in jenem Moment wirkten die Worte.

In einem anderen Licht erscheinen die Pläne Benedikts, sich nach seinem Rücktritt am Donnerstag in ein Kloster zurückzuziehen - "für die Welt verborgen", wie er am Aschermittwoch klargemacht hatte. Das "immer" sei auch ein "für immer", beruhigte der Pontifex am Mittwoch seine Kirche. Er werde nicht "vom Kreuze steigen", wie manch einer ihm vorgeworfen hatte, "sondern bleibe auf neue Art dem gekreuzigten Herrn nahe", sagte Benedikt - im Gebet, zurückgezogen.

Einen Rückblick auf die großen Kirchenkrisen hat der scheidende Papst bei der letzten Generalaudienz an diesem sonnigen Mittwoch nicht hinterlassen wollen, wohl aber eine Ermutigung, ein Leitwort. "Ich habe auch in schwierigen Momenten immer gewusst, dass Gott mit in jenem Boot sitzt, dass das Boot der Kirche nicht mein, nicht unser, sondern sein ist. Und dass er es nicht untergehen lässt."

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