• The Wall Street Journal

Alle Spiele, alle Tore – wer bietet mit?

Jan Lehmann und Holger Blask wissen, dass es auf diesen einen Satz ankommt: „Es sind auch andere ernsthafte Interessenten an uns herangetreten." Damit haben die beiden Direktoren der Deutschen Fußball Liga (DFL) genau das, was Spieltheoretikern Freude macht: Wettbewerb um ein exklusives Gut – und eine Auktion vor der Brust. Die DFL vergibt die Radioreporterplätze ab der Saison 2013/14 erstmals per Ausschreibung. Die ARD und das Webradio 90elf sind nicht länger gesetzt, sondern müssen mitbieten, wenn sie ihre Mikros verteidigen wollen.

Bodo Goeke

90elf-Moderator Manni Breuckmann. Bis jetzt bei fast jedem Spiel von Borussia Dortmund und Schalke 04 zu hören. Früher war er einer der Stars der Bundesliga-Schalte der ARD.

Gut gelaunt sitzen Lehmann und Blask im fünften Stock der Frankfurter Zentrale der Liga, haben die Jalousien heruntergelassen und präsentieren Charts zur geplanten Hörfunkrechteausschreibung. „Es geht uns nicht primär um mehr Geld", sagen die DFL-Strategen bei Schnittchen und Kaffee. „Wir wollen erstmals den Audiorechtemarkt strukturieren, um einen Rahmen auch für künftige Ausschreibungen zu besitzen."

WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz sitzt zeitgleich in seinem Kölner Büro in Domnähe. Den Ärger hätte er sich gerne erspart, man hört es seiner Stimme an. Der DFL-Ankündigung folgen schnell unerfreuliche Schlagzeilen: „Ist die ARD-Bundesligakonferenz bald Geschichte?" Es liegt an Schmitz, das abzuwenden. Und dazu ist der Kölner entschlossen.

Schmitz wird als ARD-Verhandlungsführer im kommenden März eine Zahl auf ein Blatt Papier schreiben und geheim der Deutschen Fußball Liga überreichen müssen. Es ist die Summe, die es ihm und den Intendanten wert ist, weiterhin auf den öffentlich-rechtlichen Wellen per UKW Liveberichte die Bundesliga zu präsentieren. Dem kribbeligen Durcheinander am Samstagnachmittag lauschen nach Schmitz Angaben bis zu acht Millionen Zuhörer. „Die Bundesligakonferenz hat längst Kultstatus", sagt er. Dass die ARD ein Gebot abgibt, kann als sicher gelten: Man wolle weitermachen wie bisher, sagt Schmitz, „natürlich zu vertretbaren Kosten".

Schon jetzt bezahlt die ARD für Fußballradioberichte

Angeblich 6,8 Millionen Euro pro Jahr überweist die ARD im Rahmen einer „Hörfunkkooperation" an die Liga. „Wir hätten die bewährte Medienkooperation mit der DFL gerne fortgesetzt, haben aber auch kein Problem mit einer Ausschreibung", sagt Schmitz. Ihm bleibt auch nichts anderes übrig.

Die DFL ist entschlossen aufzuräumen, auch mit alten Gewohnheitsrechten. „Der Startblock steht für alle an der gleichen Stelle", sagt DFL-Direktor Blask. Dass die populäre ARD-Konferenz jahrelang auch auf die Marke Bundesliga eingezahlt hat, scheint zweitrangig zu sein. „Einen Bonus bringt niemand ins Verfahren ein", sagt Blask.

Ein Zwist zwischen den langjährigen Partnern ARD und DFL scheint die Bundesligamacher dazu ermuntert zu haben, auch im Hörfunkmarkt den Weg einer Ausschreibung zu gehen. Vorbild ist der höchst erfolgreich exerzierte Fernsehrechteverkauf. Dort steigerte die DFL ihre Erlöse von im Schnitt 412 auf 628 Millionen Euro im Jahr. Die Rechteperiode soll sich nun im Hörfunk parallel zu der im Fernsehen erstrecken – sie reicht über vier Spielzeiten bis 2016/17.

Laut Medienberichten hätte die DFL die ARD-Hörfunkkooperation im Frühjahr 2012 durchaus auf dem kleinen Dienstweg gegen einen zehnprozentigen Aufpreis verlängert, doch die Verhandlungen gerieten ins Stocken. Der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, soll nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gezögert haben, die gewünschten 700.000 Euro draufzulegen, weil er zunächst die Fernsehausschreibung abwarten wollte.

Es darf vermutet werden, dass die DFL-Spitze dies als Brüskierung empfand. „Wir schaffen jetzt mehr Transparenz. Auch neue Interessenten können sehen, was es zu erwerben gibt", sagt Holger Blask.

Drei Pakete stehen zur Wahl

Auf drei Pakete soll geboten werden, sie orientieren sich im Zuschnitt grob am Status Quo, der über eine Vielzahl bilateraler Lizenzvereinbarungen besteht: Die ARD überträgt derzeit vor allem per UKW – sie dürften am Paket „Audio Broadcast" (Bundesweite UKW-Ausstrahlung) interessiert sein. Anders als bisher wird bei der Bundesligakonferenz auf die Stoppuhr geschaut – 220 Minuten dürfen die Reporter pro Spieltag on air sein, während der Ball rollt.

Das Webradio 90elf, das das Leipziger Unternehmen Regiocast veranstaltet, bringt derzeit Vollreportagen plus Konferenzen auf digitalen Wegen an den Hörer. Dem entspricht das Paket „Audio Netcast" (Internetradio), das auch mögliche Bezahlmodelle, etwa für den App-Bereich, umfasst. Es ist das einzige Paket, das vollumfängliche Reportagen möglich macht.

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Dritter Bestandteil der Ausschreibung ist ein „Audio Erweiterungspaket". Es kann hinzugekauft werden, um sich einen Stellplatz für einen Übertragungswagen zu sichern, drei weitere Akkreditierungen und Zutrittsrechte im Stadioninnenraum. Luxus oder eine kleine Gemeinheit in Richtung ARD? In jedem Fall dürften die Extras vor allem den Käufer von „Audio Broadcast" betreffen.

Hinzu kommen 39 Einzelvereinbarungen unter anderem mit regionalen Privatsendern, die ausschnitthaft live berichten. Auch die Verträge mit Regionalsendern wie Antenne Bayern oder Radio Hamburg werden neu geordnet, in manchen Fällen limitiert und stärker vereinheitlicht – dies aber außerhalb der Ausschreibung.

Anfang Januar erfolgt die Ankündigung der Ausschreibung, Ende März sollen die Gewinner durch eine Entscheidung des Ligaverbandes feststehen. „Wir sind nicht verpflichtet, das höchste Gebot anzunehmen", stellt Lehmann klar. Auch wenn ein „Reservationspreis" nicht erreicht werde, müsse man das Recht nicht verschleudern, sondern könne in bilaterale Verhandlungen eintreten oder als Liga eine Rundfunk-Eigenproduktion erwägen.

Selbst Radiorechte sind im Fußball teuer

Dass es dazu kommt, ist nicht wahrscheinlich. „Die DFL registriert hohes Interesse sowohl von Rundfunkanbietern sowie aus dem Bereich Neue Medien, als auch von Unternehmen aus Radio-nahen Bereichen", beschreiben Blask und Lehmann die Ausgangslage. Namen von Interessenten nennen sie nicht. Die Erlöserwartung liege bei „einem bis zwei Prozent der TV-Rechte", das entspräche nach neuem Stand 6,3 bis 12,5 Millionen Euro. Zum Vergleich: Bei kumuliert nicht einmal fünf Millionen Euro liegt die Jahressumme, die die Topligen im deutschen Eishockey, Handball und Basketball im Jahr aus Fernsehgeldern bekommen.

Florian Fritsche, Geschäftsführer von Regiocast, lässt keinen Zweifel daran, dass er das Projekt 90elf weiterführen will. „Wie eine Löwenmama" wolle er um die Webradio-Rechte kämpfen. „Wir sind im ungeschützten Raum, die Hürden für Netcast sind relativ gering", sagt Fritsche.

Er ahnt, dass sein avisiertes Webradio-Paket für Fantasie bei manchen Marktteilnehmern sorgt, nimmt es aber sportlich: „Wir haben das Fußball-Internetradio aus der Taufe gehoben. Wir wissen, welchen Preis wir vernünftigerweise refinanzieren können. Aber nun kann jeder einsteigen und mitbieten. Rockstar oder Roggenbrötchen, beides ist für uns jetzt möglich." Dass die DFL mit der Ausschreibung klare Grenzen einzieht und definierte Exklusivitäten vergibt, hält Fritsche für sehr löblich.

Regiocast

Florian Fritsche, der neue Chef von Regiocast

Woher der Wettbewerb im UKW-Bereich kommen könnte, kann auch Fritsche nicht erahnen, sagt er. Hindernis zum munteren Mitbieten ist die Knappheit an Frequenzen – bundesweite Abdeckung hat alternativ zur ARD nur das DeutschlandRadio. Ein Konsortium von Privatsendern könnte antreten, vorausgesetzt, die Refinanzierung über Werbung erscheint solide, existierende Animositäten werden überwunden und ein Konsortialführer tritt auf den Plan. WDR-Direktor Schmitz wartet das gelassen ab: „Ich sehe da keinen weißen Ritter oder überhaupt jemanden, der uns dazwischenfunken könnte."

Private Radios müssten sich zusammenschließen

Eine Schlüsselrolle könnte Vermarktungsagenturen zukommen – etwa dem bundesweit führenden Audiovermarkter Radio Marketing Service (RMS) mit Sitz in Hamburg. „Sport ist grundsätzlich ein interessantes Programmfeld, doch wir können eben nur vermarkten, was die Sender uns an Programm geben", sagt RMS-Sprecherin Kirsten Schade. RMS vermarktet nach eigenen Angaben die Radiowerbezeiten sowie Online- und Audioformate von 148 privaten Radiosendern im gesamten Bundesgebiet. Ob ein Vermarkter einen privaten Senderverbund anführen will? Es wäre absolutes Neuland.

Die Superstars der Bundesliga

Bundesliga

„Die Nachfrage kommt vielleicht aus Bereichen, auf die man im Zusammenhang mit Radio nicht auf Anhieb kommt", sagt DFL-Direktor Lehmann. Ein exklusiver Internet-Audiokanal könnte viele reizen, zumal er „alle Spiele, alle Tore" verheißt – und das für eine Lizenzsumme, die derzeit vermutlich noch unter einer Million Euro liegt. Der Bezahlfernsehsender Sky in Unterföhring hätte die Gelegenheit, über den Kauf der Audiorechte auch das letzte vollumfängliche Live-Recht der Bundesliga vom Markt zu nehmen.

Zwar wäre Sky dann auch verpflichtet, ein entsprechendes Hörfunkprogramm anzubieten, aber in der Preisgestaltung ein autarker Liverechte-Monopolist. Die nötige Hörfunkkompetenz ist Sky zuzutrauen, die Rechtekosten wären im Bereich Portokasse anzusiedeln. „Strategisch ergäbe es aus Sicht von Sky durchaus Sinn", sagt ein Kenner der Szene. Wer dann ab der Saison 2013/14 in Wort oder Bild in Echtzeit 90 Minuten mitfiebern will, hätte nur noch eine Wahl: Sky.

Zu diesem Szenario kommt auf Anfrage des WSJ nur ein Kommentar: „Kein Kommentar", lässt ein Sky-Sprecher wissen. Und ob die Liga ein Interesse hätte, das Pflänzlein 90elf sterben zu lassen, steht auf einem anderen Blatt.

Auch Interesse könnte von starken Internet-Playern kommen, die über einen Bundesliga-Livestream ein Alleinstellungsmerkmal erlangen würden. Selbst für die Sportwettenbranche, die mit Macht und Geld auf einen Verdrängungswettbewerb in Deutschland zusteuert, wäre ein kompletter Audiostream aus allen Stadien eine Bereicherung des Angebots.

Hat die Autoindustrie Interesse?

Die Live-Wetten machen einen immer größeren Anteil des Geschäfts aus. Künftig noch befeuert von packender Stadionatmosphäre per Webradio? Möglich wäre es auch, dass Anbieter wie eben Regiocast dies als Service anbieten, um ihr Geschäft voran zu treiben. Prominente Kommentatoren wie Günter Netzer oder Manni Breuckmann hat Fritsche schon an Bord.

Das sind die Top-Sponsoren der Bundesliga

Lennart Preiss/dapd

Selbst die Automobilindustrie wird interessiert verfolgen, wie die Hörfunkrechteausschreibung läuft – schließlich ist das Auto ein beliebter Ort den Live-Reportagen zu folgen. Innovative Modelle werden hier schon getestet. „Wir sehen enorme Chancen im Auto, vor allem im Zusammenhang mit dem digitalen Rundfunk DAB+. Männer, die autofahren, werden nicht gucken können – für uns die ideale Nutzungssituation", sagt Florian Fritsche.

90elf hat bereits mit Mercedes-Benz eine Zusammenarbeit abgeschlossen: Zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine bekamen alle Mercedesfahrer, die über ein DAB+-Radio im Auto verfügten, Daten und Fakten in Echtzeit ins Auto geliefert.

Und auch Volkswagen zählt schon zu den 90elf-Partnern, wenn auch nur auf werblicher Seite: Bei den Partien des DFB-Pokals, die sich Regiocast bis Ende 2015/16 gesichert hat, ist Volkswagen Presenter des 90elf-Programms. Kommt bald der „Golf Bundesliga" auf den Markt? Man wird sehen.

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