Von LOTHAR LOCHMAIER
Das internationale Industriekonsortium Desertec will in Marokko, Algerien und Tunesien Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung mit einer Kapazität von 2,5 Gigawatt zu bauen. Die Sahara-Lage macht für das Konsortium vornehmlich die Solarenergie interessant.
2009 startete das Wüstenstromvorhaben praktisch und mit großen Erwartungen. Die sonnenreichsten Standorte in Nordafrika sollten genutzt werden, um nachhaltigen Strom für den energiehungrigen zu produzieren. Die Vision einer transkontinentalen Stromtrasse von Afrika nach Mitteleuropa sollte mit Hilfe der so genannten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung Wirklichkeit werden.
Derartige HGÜ-Leitungen sind anders als herkömmliche Wechselstromleitungen in der Lage, sauberen Strom bei geringen Übertragungsverlusten über weite Distanzen zu transportieren. Etwa drei Prozent bleiben je 1.000 Kilometer auf der Strecke. Mit Hilfe einer solchen Trasse, so die kühne Hoffnung, könnten bis zum Jahr 2050 zirka zehn bis 25 Prozent des europäischen Strombedarfs mit Wüstenstrom gedeckt werden.
Doch das ambitionierte Vorhaben wird kontrovers diskutiert. Die Befürworter werden nicht müde zu betonen, dass die nordafrikanischen Wüsten binnen weniger Stunden mehr Sonnenenergie aufnehmen, als Europa in einem ganzen Jahr verbraucht.
Wenn man dies nutzen würde, könnten die endlichen Öl-, Gas- und Kohlevorkommen Schritt für Schritt durch Wüstenstrom ersetzt werden. Die bei der Energieerzeugung freigesetzten Schadstoffe würden außerdem deutlich reduziert.
Allerdings ruft das Vorhaben nicht nur Befürworter, sondern auch Kritiker auf den Plan. Um Desertec zu realisieren, müssten neue Stromtrassen gebaut und flankierende Rahmenabkommen für den Energieexport vereinbart werden.
Die Kosten allein für den Kraftwerkspark nebst Leitungen schätzt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt auf rund 400 Milliarden Euro. Vor allem die Wirtschaftlichkeit solarthermischer Großanlagen mit ihren riesigen Parabolspiegeln ist unter Experten noch immer umstritten.
Doch auch unter den Gesellschaftern und Partnern im Industriekonsortium mehren sich die Zweifel an dem Vorhaben. So kündigten vor kurzem mit Siemens und Bosch zum Jahresende zwei wichtige Sympathieträger den Rückzug an. Sie begründeten den Schritt zwar nicht primär mit Problemen, die mit Desertec verbunden sind, doch seien sie wegen der Krise in der Solarbranche gezwungen, ihre geschäftlichen Schwerpunkte zu überdenken.
Die Entwicklung des Desertec-Vorhabens scheint den Kritikern Recht zu geben. Nur schleppend kommt das Konsortium bei der Realisierung voran. Während die Regierungen von Frankreich, Italien, Malta, Luxemburg und Deutschland grünes Licht gegeben haben, verweigert die spanische Regierung bislang ihre Zustimmung zur Stromnetzanbindung.
Der Weg von der Vision zur Wirklichkeit bleibt also steinig. Von den Referenzprojekten ist erst eines auf den Weg gebracht, ein weiteres soll im kommenden Jahr starten.
Das Fazit: Eine Stromtrasse von Afrika nach Europa ist teuer und mit unwägbaren politischen und technischen Schwierigkeiten verbunden. Deshalb stellt sich die Frage, ob ein derart gigantisches Projekt unbedingt sinnvoll ist.
Nach Meinung des Stromzählers lohnt es sich vielmehr darüber nachzudenken, ob die Lösung für die Energieversorgung der Zukunft nicht vielmehr in dezentralen Projekten liegt, bei denen der Strom genau an dem Ort erzeugt wird, an dem er schließlich auch verbraucht wird. Damit wäre die Wüstenstrom-Initiative keineswegs hinfällig. Im Klartext: Desertec sollte vorrangig als regionales und nicht transkontinentales Joint Venture fortgesetzt und fortentwickelt werden.
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Lothar Lochmaier arbeitet als freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de





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