• The Wall Street Journal

Anleger verschließen die Augen vor der Fiskalklippe

Es ist schon verblüffend, wie viele Anleger die Gefahr, dass die US-Wirtschaft über die Fiskalklippe stürzt, als gering einschätzen. Noch befremdlicher ist es, dass sie anscheinend überhaupt nichts tun, um sich zu schützen, falls sie falsch liegen.

An der Wall Street wird die Geschichte von der Fiskalklippe in einer Kurzfassung erzählt. Und die geht so: Unternimmt Washington nichts, um die automatischen Steuererhöhungen und Ausgabekürzungen, die im nächsten Jahr drohen, zu verhindern - dann gehen die Märkte auf Tauchstation, die Wirtschaft leidet und die Amerikaner werden wütend. Deshalb wird Washington nicht zulassen, dass die Fiskalklippe Realität wird.

Das Problem an der Geschichte ist, dass sie genau das ist – eine Geschichte. Und es bleibt auch dann eine Geschichte, wenn man das Ganze mit Zahlen unterlegt – beispielsweise mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent, dass die Klippe umschifft werden kann. Man kann genauso gut eine andere Geschichte erzählen. So wie Erskine Bowles, der Co-Vorsitzende der präsidialen Kommission, die 2010 dem Abbau des Haushaltdefizit widmete. Er sagte vergangene Woche, dass die USA kurzzeitig über die Klippe gehen werden, ehe die Verantwortlichen in Washington zu Sinnen kommen und einen Kompromiss schließen. Man sollte glauben, dass ein wenig Absicherung gut tun würde – für den Fall, dass Geschichten wie die von Bowles wahr werden.

Am Aktienmarkt herrschte in den vergangenen Wochen aber entspannte Ruhe. Nach wie vor ist es günstig, ein Aktienportfolio mit Hilfe von Optionen und Futures gegen eine unerwünschte Zunahme der Volatilität abzusichern. Der Volatilitätsindex der Chicago Board Options Exchange, besser bekannt als VIX, der die Preise von Kauf- und Verkaufsoptionen auf den amerikanischen Leitindex S&P 500 abbildet, liegt bei niedrigen 16,3 Punkten. Das zeigt an, dass die Nachfrage nach Schutz gegen unstete Märkte zum Jahresende gering bleibt.

Ungewöhnlich ist diese Art von Selbstgefälligkeit nicht. Auch wenn der VIX gerne als „Angstbarometer" bezeichnet wird, ist er im Grunde genommen rückwärts blickend. In den vergangenen zehn Jahren lag die Korrelation zwischen dem VIX und der tatsächlichen Volatität des S&P 500 in den zurückliegenden 30 Handelstagen bei 92,5 Prozent. Eine Regressions-Analyse hat ergeben, dass die historische Volatilität für Anleger als Indikator für die künftigen Marktschwankungen in etwa genau so tauglich war wie der VIX.

Die Geschichte zeigt: Selbst in Marktphasen, in dem eigentlich jedem klar sein sollte, dass ein wenig Absicherung gut tun würde, reagieren viele Anleger erst dann, wenn Aktien schon den ersten Schlag hinnehmen mussten. Während der Wirren um die Anhebung der Schuldenobergrenze für die USA im vergangenen Jahr zog der VIX erst an, als die Märkte bereits schwach geworden waren. Und das trotz anhaltender Warnungen von Politikern und anderer Insidern aus Washington, dass der Weg zu einer Einigung schwierig sei.

Dass das geringe Interesse der Anleger an Absicherungen gegen Turbulenzen im Zusammenhang mit der Fiskalklippe so vorhersehbar ist, bedeutet allerdings nicht, dass dieses Verhalten irgendeinen Sinn ergibt. Wer in der Vorweihnachtszeit beruhigt schlafen möchte, tut allemal gut daran, über etwas Sicherheit im Portfolio nachzudenken.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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