• The Wall Street Journal

Der Irrsinn der Energiewende

Die vier Eigentümer des hochmodernen Gaskraftwerkes Irsching 5 im oberbayerischen Vohburg wollen die Anlage wegen anhaltender Verluste für zwei bis drei Jahre stilllegen. Der 400 Millionen Euro teure Gasblock gehört zu den effizientesten weltweit und wurden erst vor zwei Jahren in Betrieb genommen. Jetzt wird das Kraftwerk ein Opfer der Energiewende. Weil die Deutschen so viel Sonnenstrom erzeugen, lässt es sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben.

Die drei kleineren Betreiber haben einen Brandbrief an den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer geschrieben, in dem sie auf die wirtschaftlich unhaltbare Situation der Kraftwerksbetreiber hinweisen. Vor dem Winter dürfte der Fall Irsching die Debatte um einen drohenden Blackout in Deutschland wieder anheizen.

Zwar hat der Netzbetreiber Tennet erst am Dienstag verkündet, dass weitere 1.000 Megawatt Kaltreserve zur Sicherung der Stromversorgung im Winter gesichert worden seien. Eine Abschaltung des Kraftwerks Irsching 5 mit seinen rund 850 Megawatt Leistung könnte die Diskussion über die Versorgungssicherheit aber neu anheizen. Irsching 5 kann rund 800.000 Haushalte mit Strom versorgen.

dapd

Besucher in Irsching vor dem Gaskraftwerk.

"Voraussichtlich in Kürze" wollen die vier Eigner, neben Eon sind das die drei Regionalversorger N-Ergie aus Nürnberg, Mainova aus Frankfurt und HSE aus Darmstadt die zeitweilige Stillegung beschließen, wie ein Eon-Sprecher Dow Jones Energy Daily sagte. Die drei kommunalen Eon-Partner gehen in die Offensive. „Rein wirtschaftlich gesehen muss Irsching 5 stillgelegt werden. Wir erhalten dort die Versorgungssicherheit aufrecht, aber auf unsere Kosten", sagte eine Sprecherin des Nürnberger Regionalversorgers N-Ergie, der mit rund einem Viertel an der Anlage beteiligt ist.

Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios haben die drei kleinen Betreiber sich in einem Brief an Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) gewandt und das Abschalten des Gaskraftwerks angekündigt. Eine Kopie ging auch an den Präsidenten der Bundesnetzagentur Jochen Homann. „(Gas-) Kraftwerke werden aufgrund der Preisbildung an der Börse durch zunehmende Einspeisung von erneuerbaren Energien aus dem Markt gedrängt", heißt es in dem Brief. Und weiter: „Für dieses Kraftwerk (Irsching 5) hat sich die wirtschaftliche Situation (...) derart verschlechtert, dass eine vorübergehende Stilllegung aus ökonomischen Gründen erforderlich ist."

Die kommunalen Versorger hoffen offenbar auf die öffentlichkeitswirksame Wirkung ihres Briefes und setzen auf die Hilfe der Politik. Eon gehört zwar nicht zu den Unterzeichnern, wie der Sprecher des Stromgiganten sagte. Doch auf das Grundproblem hatte Eon-Chef Johannes Teyssen schon bei Vorlage der Neunmonatszahlen Mitte November hingewiesen. Weil immer mehr Strom mit Wind und Sonne in Deutschland erzeugt werden und nach dem Gesetz Vorrang haben, laufen die eigentlich auf Dauerbetrieb ausgelegten Gaskraftwerke immer seltener.

Die Folge: Irsching 5 war bis Mitte November nur 1.600 Stunden in Betrieb, 4.000 Stunden waren es im Jahr zuvor gewesen. Die Gewinnmarge decke nicht einmal mehr die Kapitalkosten, hatte Teyssen beklagt. Dabei gehört das Kraftwerk mit einem Wirkungsgrad von fast 60 Prozent zu den effizientesten weltweit.

Als es im Frühjahr 2010 in Betrieb ging, hatte Eon-Vorstand Klaus-Dieter Maubach erklärt: „Irsching 5 kann ein Beispiel dafür sein, wie das Kraftwerk der Zukunft aussieht. Ein Kraftwerk, das extrem schnell die Leistung regeln kann, und damit perfekt geeignet ist, die Erneuerbaren auf den Thron zu heben: Als Stütze unseres Energiesystems von morgen." Nun droht das Aus.

Die lange hochprofitable Stromerzeugung macht deutschen Energieversorgern seit längerem Sorgen. Die Margen sind wegen fallender Großhandelspreise im Sinkflug. Wegen des gesetzlich festgelegten Vorrangs für erneuerbare Energien lohnt sich die Stromproduktion mit Steinkohle und vor allem mit Gas immer weniger, die Kraftwerke stehen immer häufiger still.

Matthias Schrader/AP/dapd

Besucher begutachten das Gaskraftwerk Irsching in der Nähe von Ingolstadt. Es beheimatet die leistungsfähigste Gasturbine der Welt - und soll trotzdem abgeschaltet werden.

Die Kraftwerksbetreiber drängen deshalb auf Hilfe von der Politik, wollen am liebsten Geld für das Bereithalten der Kraftwerkskapazitäten bekommen. Doch die Bundesregierung gibt sich bislang zugeknöpft: „Wir wollen keine neuen, flächendeckenden Subventionstatbestände schaffen", sagte jüngst Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU).

Die Überlegungen zur Stilllegung der Prestigeanlage Irsching 5 dürften die Debatte um Stromengpässe in diesem Winter und künftig knappe Kraftwerkskapazitäten vor allem in Süddeutschland zusätzlich anheizen. Erst kürzlich hatte der Übertragungsnetzbetreiber Tennet vor einem Stromausfall im Winter gewarnt. Die Situation habe sich im Vergleich zum Frühjahr nicht entspannt, sagte Tennet-Chef Martin Fuchs und verwies auf die beiden Eon-Gaskraftwerke Irsching 3 und Staudinger 4, die vom Markt genommen werden und in die Winterreserve gehen sollen. Bundesnetzagentur-Präsident Homann hatte die Versorgungssituation dieses Winters jüngst erst als „angespannt aber beherrschbar" bezeichnet.

Wegen der kritischen Lage vor allem in Süddeutschland - wo die meisten Atomkraftwerke abgeschaltet wurden - hat der Bundestag in der vergangenen Woche ein so genanntes Abschaltverbot beschlossen. Danach müssen die Übertragungsnetzbetreiber der Bundesnetzagentur bis März 2013 eine Liste „systemrelevanter" Kraftwerke vorlegen. Stehen diese wegen geringer Betriebsstunden vor der Abschaltung, kann gegen eine Prämienzahlung der Weiterbetrieb verfügt werden. Die Kraftwerke müssen Stilllegungspläne mit zwölf Monaten Vorlauf anzeigen. Die nicht mehr vom Erfolg verwöhnte Energiebranche dürften diese Vorschläge wenig erfreuen.

Kontakt zu den Autoren: klaus.hinkel@dowjones.com und jan.hromadko@dowjones.com

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