• The Wall Street Journal

Die Erholung in Europa ist nicht für alle schmerzfrei

Frankreich und Deutschland sind sich über den Euro nicht einig. Der französische Präsident François Hollande bezeichnete die Gemeinschaftswährung in dieser Woche als überbewertet und meinte, man dürfe die Bewertung nicht „den Launen des Marktes" überlassen. Deutschland antwortete mit der Einschätzung, der Euro sei keineswegs überbewertet.

Wer hat recht? Beide. Aus dem Berliner Blickwinkel ist der Euro wenn irgendwas, dann günstig. Auf dem aktuellen Niveau funktioniert die deutsche Exportschaft außerordentlich gut. Vielen Dank also. Aber für Frankreich ist der Euro alles andere als günstig.

Berechnungen der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley, die in dieser Woche veröffentlich wurden, sehen den fairen Wert des Euro, wenn nur Deutschland ihn als Währung hätte, bei 1,53 US-Dollar. Für Frankreich läge der faire Wert aber bei 1,23 Dollar. Das bedeutet: Für die deutsche Wirtschaft ist der Euro signifikant unterbewertet, für die französische Wirtschaft dagegen deutlich überbewertet.

Frankreichs Dilemma ist hinlänglich beschrieben in dem Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft, der unter Federführung von Ex-EADS-Chef Louis Gallois für die französische Regierung verfasst und im November vorgestellt wurde. Er kommt zu folgendem Schluss: Anders als jenseits des Rheins sind Frankreichs Industrieunternehmen im falschen Segment der globalen Produktmärkte unterwegs. Frankreichs Industrie ist „in der Mittelmäßigkeit gefangen", sagte Gallois.

Für Frankreich ist der Euro zu teuer

Deutsche Industrieunternehmen genießen einen gewissen Schutz vor dem rauen Wind der Globalisierung, weil sie gewissermaßen auf den meisten ihrer Märkte im Premiumbereich unterwegs sind, wo es auf die Preise der Produkte weniger ankommt. Außerdem hat Deutschland bei der Senkung von Kosten erhebliche Fortschritte gemacht. Um es auf den Punkt zu bringen: Für BMW und Mercedes ist es deutlich einfacher, die Preise für ihre Autos heraufzusetzen als für Peugeot und Renault.

dapd

Deutschland und Frankreich schauen unterschiedlich auf die aktuelle Eurostärke. Im Bild der französische Staatspräsident Francois Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel im Januar im Bundeskanzleramt in Berlin.

Frankreich kommt auch noch von einer anderen Seite unter Druck. Französische Exporteure müssen sich gegen Wettbewerber aus Niedriglohnländern behaupten und in zunehmendem Maße auch gegen südeuropäische Staaten wie Spanien, wo die Lohnstückkosten derzeit auch massiv gesenkt werden.

In Frankreich haben viele Unternehmen im zurückliegenden Jahrzehnt ihre Gewinnmargen sinken lassen, nur um am Markt zu bleiben. Dabei haben sie den Anschluss bei der Produktivität verloren. „Frankreichs Industrie ist es nicht gelungen, in die gehobenen Segmente vorzudringen", schlussfolgerte der Gallois-Bericht – wenn es auch einige Ausnahmen gebe: Luxusgüter, Flug- und Atomtechnik, Pharmazie und einige Bereich der Lebensmittelbranche.

Wenn der Euro nicht scheitert, wird er stark

Der aufwertende Euro ist nicht nur für Frankreich schmerzhaft. In anderen europäischen Volkswirtschaften, vor allem jenen in der krisengeschüttelten Peripherie wie Spanien oder Griechenland, droht die Stärke des Euro die Anstrengungen, endlich wieder wettbewerbsfähig zu werden, zunichte zu machen.

„Alle schmerzhaften Maßnahmen, die diese Länder für die interne Abwertung unternehmen – Einschnitte bei den Löhnen, um sie unter dem Wachstum der Produktivität zu halten – kann durch die Aufwertung des Euro nutzlos verpuffen", warnte der Ökonom Nouriel Roubini kürzlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Die Euro-Stärke scheint der inzwischen schwindenden Gefahr, dass die Eurozone zerbricht, auf dem Fuß zu folgen. Dass diese lange beherrschende Angst schwindet, ist ein Verdienst der Europäischen Zentralbank und ihres Versprechens, sie werde alles tun, was nötig sei, um den Euro zu erhalten. Die aggressive Lockerung der Geldpolitik in den USA, in Großbritannien und Japan hat dazu geführt, dass der Euro jetzt allein dasteht.

Wenn man unterstellt, dass das Schlimmste in der Krise vorüber ist, dann bieten die Anleihemärkte in Spanien und Italien interessante Renditen für Investoren verglichen mit den Alternativen. Analysten von Morgan Stanley schreiben deshalb, es seien die Japaner gewesen, die „als erstes den Weg zurück zu den europäischen Märkten gefunden" haben. Wenn der Euro nicht mehr vor dem Scheitern steht, dann ist er wohl dazu verurteilt, zu den stärksten Währungen der Welt zu gehören.

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