Von CASSIE WERBER
Eine Flut an ausländischen Investitionen in die einheimischen Rohstoffvorkommen und Energieressourcen hat das einst vom Bürgerkrieg geschundene westafrikanische Land Sierra Leone in eines der wirtschaftlich am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt verwandelt. Aber vor den am Samstag anstehenden Wahlen beklagen sich viele in Sierra Leone, dass sie von dem Wohlstand, der mit den Investitionen Einzug gehalten hat, nichts abgekommen haben. Wie in anderen rohstoffreichen afrikanischen Ländern wächst auch hier die Unzufriedenheit in der Bevölkerung.
Der jetzige Präsident von Sierra Leone, Ernest Bai Koroma, wirbt mit den erfolgreich angelockten Investoren aus Europa und China, die sich in die Eisenerz-Konzessionen des Landes eingekauft haben. Sie werden Sierra Leone zu einem der größten afrikanischen Produzenten des Stahlrohstoffs machen. Der 59-jährige frühere Versicherungs-Manager hat außerdem eine kostenlose Gesundheitsfürsorge für Mütter eingeführt und ein großes Straßenbauprogramm aufgesetzt, einschließlich eines 20-Millionen-Dollar-Projekts zur Beleuchtung der Straßen mittels Solarenergie.
Seine Unterstützer sagen, dass das Land seit dem Ende des Bürgerkrieges 2002, der rund 50.000 Menschen das Leben gekostet hat, schon einen weiten Weg gegangen sei. Der Konflikt beschmutzte das Image von Sierra Leone, das praktisch mit „Blutdiamanten" gleichgesetzt wurde. Der Handel mit den Edelsteinen wurde damals von Rebellen kontrolliert, die auch die abgehackten Gliedmaßen von tausenden Zivilisten auf dem Gewissen haben.
"Sierra Leone war praktisch als Paria-Staat gebrandmarkt", sagt Abdulai Bayraytay, ein Sprecher der Partei des Präsidenten APC. "Wir wollen das ändern. Und das Volk wird das durch konkrete, reale und greifbare Ergebnisse sehen."
Am Samstag wählt das Volk den Präsidenten, das Parlament und lokale Amtsträger. Offizielle Umfragen gibt es nicht, aber viele gehen davon aus, dass der Amtsinhaber an der Macht bleiben und seine Partei APC die Mehrheit im Parlament erringen wird. Die Wahlergebnisse werden zehn Tage danach bekannt gegeben, erste Indikationen gibt es aber wohl schon am Montag oder Dienstag.
Die Gegner des Präsidenten wollen verhindern, dass er im Amt bleibt. Sie nehmen die Kritik im Lande auf, dass mehr Menschen vom Rohstoffreichtum des Landes profitieren sollen. Sulaiman Banja Tejan-Sie, der Generalsekretär der Oppositionspartei SLPP, sagt, dass seine Partei – die bis zum Sieg der APC im Jahr 2007 das Land führte – alle Bergbau-Verträge überprüfen wolle, ob sie "den jetzigen Gesetzen (des Landes) und den international gängigen Verträgen entsprechen".
Sierra Leone
1961 Unabhängigkeit von Großbritannien
1991 Letzter Rang unter 160 Ländern beim Human Development Index, dem Wohlstandsindikator der Vereinten Nationen. Rebellen kämpfen gemeinsam mit Truppen aus dem benachbarten Liberia gegen Regierungstruppen.
2002 Ende des Krieges. Die Sierra-Leonische Volkspartei (SLPP) gewinnt die Wahl.
2005 UN-Friedenstruppen verlassen das Land – ein Signal für eine neue Ära der Stabilität.
2007 Der All People's Congress (APC) unter Ernest Bai Koroma gewinnt die Wahl.
2010 Die Regierung vergibt die größte Konzession für die Eisenerzmine Tonkolili, 200 Kilometer östlich der Hauptstadt Freetown, an die in London ansässige African Mineral. Das Bergbauunternehmen wird voraussichtlich zum größten unabhängigen Eisenerzproduzenten in Afrika aufsteigen.
2012 Das Volk wählt den Präsidenten, das Parlament und lokale Amtsträger.
Sierra Leone gehört zu den wenigen, früher konfliktbeladenen Staaten Afrikas, der aus der Asche wiederauferstanden ist. Aber den plötzlichen Reichtum so zu managen, dass er auch jenseits der Eliten aus Wirtschaft und Politik ankommt, habe sich als schwierig erweisen, sagt Yvonne Mhango, Volkswirtin bei Renaissance Capital in Johannesburg. "Auf lange Sicht besteht die Herausforderung für die Regierung darin, in die physische und soziale Infrastruktur zu investieren, um sicherzustellen, dass die Industrien jenseits des Bergbaus nicht zurückbleiben", sagt sie.
Dabei ist Sierra Leone umgeben von Ländern mit ähnlichen Problemen. Nach jahrzehntelangen Diktaturen und Kriegen strebt die Region Westafrika jetzt nach oben. Einige Länder dort gehören in diesem Jahr zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Aber die Ansprüche der Jugend steigen schneller als Jobs geschaffen werden.
Im vergangenen Jahr hat die liberische Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, eine Friedensnobelpreisträgerin, ihr Amt beinahe an einen Konkurrenten verloren, der mit einem bei der Jugend beliebten Vizekandidaten antrat: George Weah, ein Fußballstar, der mit seinem Hummer oft in Armenvierteln einfällt. Im Dezember steht der ghanaische Präsident John Dramani Mahama vor einem engen Wettkampf mit dem Oppositionsführer Nana Akufo-Addo, der das ganze Land mit Plakaten zugepflastert hat, die ihn vor vielen Kindern zeigen und auf denen er kostenlose Schulden für alle verspricht.
Der International Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die Wirtschaft von Sierra Leone in diesem Jahr um 21 Prozent wachsen wird. Stärker geht es nur in Libyen aufwärts. Der größte Teil davon geht auf den Eisenerzbergbau zurück. Die größte Konzession – für die Tonkolili-Mine östlich der Hauptstadt Freetown – besitzt die in London ansässige African Minerals. Wenn Tonkolili das Produktionsziel von 20 Millionen pro Jahr 2013 erreicht, wird das Unternehmen der größte unabhängige Eisenerzproduzent in Afrika sein.
Viele junge Menschen sind arbeitslos
Im vergangenen Jahr sind nach Sierra Leone Direktinvestitionen im Wert von 1,23 Milliarden Dollar geflossen, vor allem in die Eisenerzgewinnung und die Zuckerrohrproduktion für Biodiesel. 2010 strömte mit 445 Millionen Dollar nicht einmal halb so viel Geld ins Land.
Dennoch: Viele junge Menschen in Sierra Leone – die rund 60 Prozent der sechs Millionen Einwohner stellen – sind arbeitslos und ohne Ausbildung. Die Lebensbedingungen für die meisten haben sich kaum verbessert. An den Hängen von Freetown gibt es viele provisorische Häuser, die keinen Strom, Wasser oder Kanalisation kennen. Regelmäßig sieht man nach starken Regenfällen, wie diese Bruchbuden einstürzen. Die Teuerung wird 2012 bei 11 Prozent liegen, nachdem sie auch in den Jahren zuvor zweistellig war. Für Menschen mit festen Einkommen sinkt der Lebensstandard deshalb beträchtlich.
"Die Menschen leiden", sagt ein beim Staat angestellter Fahrer, der nur seinen Vornamen Patrick nenne wollte. „Das ist es, was den Krieg zuletzt ausgelöst hat – die Riesenlücke zwischen Arm und Reich."
Sowohl die Partei von Präsident Koroma als auch die SLPP schlagen die gleiche Lösungen vor: Das Bildungssystem auf Ingenieurberufe, auf Geologie und andere mit dem Bergbau verbundene Bereiche ausrichten. Diese Strategie könnte das Arbeitslosenproblem mindern und käme den ausländischen Unternehemn entgegen, die einheimische Arbeitskräfte suchen. Aber es hilft nicht den Menschen, die jetzt eine Arbeit und eine bessere Bezahlung brauchen.
—Drew HinshawKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de









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