Von SAM DAGHER
Irakische Soldaten und ein Geländewagen der Armee stehen vor dem Coral Boutique Hotel in Bagdad, einem glänzenden Gebäude aus Aluminium und blauem Glas, das vor kurzem hier entstanden ist. An der Tür stehen muskelbepackte Sicherheitskräfte in blauen T-Shirts, auf denen zu lesen ist: „Let us impress you." Ugandische Hotelpagen begrüßen die Gäste. In der Lobby aus Marmor und Holz wird beruhigende Lounge-Musik gespielt. In diesem Hotel kostet eine Suite bis zu 300 US-Dollar pro Nacht.
Das Luxushotel, das im August eröffnet wurde, ist bisher das einzige seiner Art in Bagdad. Sonst gibt es hauptsächlich Motels im Familienbetrieb und kantige Staatsunterkünfte aus den Siebzigern und Achtzigern. Ein Luxushotel würde hier nur ein Wagehals eröffnen – in diesem Fall Emad al-Yasiry. In den Neunzigern hat er trotz Sanktionen der Vereinten Nationen Öl geschmuggelt.
Bagdad kämpft mit politischer Stagnation, Korruption, einer schlechten Infrastruktur und Sicherheitssorgen. Doch Yasiry ist nicht der einzige, der auch den Anfang eines Booms sieht. Die Hauptstadt zieht immer mehr ausländische Unternehmen und Geschäftsmänner an. Im August hat Irak das benachbarte Iran als zweitgrößten Ölproduzenten der OPEC überholt. Im September enthüllte die Regierung Pläne für Infrastrukturprojekte im Umfang von fast 42 Milliarden Dollar. Vergangene Woche segnete sie einen Jahreshaushalt von fast 119 Milliarden Dollar ab. Das riesige Gewinnpotential macht die Risiken wett, sagt Yasiry. „Es ist ein Experiment."
Andere Iraker scheinen seine großen Ambitionen zu teilen. Ein paar Häuser weiter lässt die irakische Notenbank vom weltbekannten Architekten Zaha Hadid eine neue Zentrale bauen. Auf der anderen Seite des Tigris entsteht für 100 Millionen Dollar ein neues Einkaufszentrum, nahe des Mansour-Distrikts, wo Fast-Food-Ketten ihre Kundenflut bedienen. Ihre Namen klingen irgendwie bekannt: Florida Fried Chicken, Pizza Hat.
Yasiry, ein 43-jähriger Nachkomme einer Familie von schiitischen Geistlichen, trägt lieber Jeans und italienische Designerhemden als Turban und Kaftan. Er ist Anteilseigner und Aufsichtsratsmitglied von Pepsi Bagdad und vertreibt französische Luxuszigaretten und saudische Milchprodukte.
Ein Hotel zu bauen und zu betreiben sei jedoch etwas ganz neues für ihn, sagt er. Er nimmt gerne die Hürden und zusätzlichen Kosten in Kauf, die viele Privatunternehmen in Irak matt setzen.
Korruption und schlampige Arbeit behindern Projekte
Yasiry sagt, er musste an verschiedene Regierungsbehörden Schmiergelder zahlen, um das Projekt am Laufen zu halten und um hochwertige Materialien und Experten ins Land bringen zu können. Der Bau dauerte fast zwei Jahre und kostete 13 Millionen Dollar, sagt er. Er erinnert sich daran, wie er und einige Prüfer der Stadt einander anbrüllten, als diese seine gepflegten Hotelgärten mit Schotter oder Beton zuschütten wollten – aufgrund obskurer Vorschriften. Der Streit endete mit einem Anruf an den Bürgermeister.
Saber al-Issawi, der zu dem Zeitpunkt Bürgermeister war, wurde mehrmals der Korruption beschuldigt und trat im September zurück. Der Sprecher der Stadt, Hakim Abdel-Zahra, gibt zu, dass Korruption immer noch ein Problem ist, doch die Stadt arbeite hart daran, sie auszumerzen. „Wir können 14.000 Angestellte nicht kontrollieren", sagt er – so argumentiert auch die Zentralregierung.
Bagdads erstes Luxushotel
In einem Bericht vom Dienstag an den Kongress sagte der Generalinspektor der US-Regierung für Bau im Irak aus, dass die Korruption nach wie vor eines der größten Hindernisse für demokratische Prozesse sei. Ein hochrangiger irakischer Politiker habe gesagt, dass wöchentlich 800 Millionen Dollar illegal abgeschöpft werden.
Korruption und schlampige Arbeit behinderten auch ein 300 Millionen Dollar teures Projekt, bei dem eine Handvoll staatlicher Hotels in Bagdad renoviert werden sollten. Anlass der Arbeiten war ein Gipfeltreffen arabischer Länder, das Anfang des Jahres in der irakischen Hauptstadt stattfand. Heraus kamen dabei nur halb fertige, schlecht verarbeitete Renovierungen und Zimmer mit billigen, kitschigen Einrichtungsgegenständen aus der Türkei und China. Auch der Service ließ zu wünschen übrig: Oft fehlten den Angestellten einfache Fähigkeiten, um die Wünsche der Gäste zu erfüllen.
Also überwachte Yasiry persönlich den gesamten Bauprozess seines Hotels. Er heuerte Firmen aus den Emiraten, Frankreich und Oman an, um alles von der Wandfarbe über Kissen bis zu hochwertigen Holzmöbeln speziell für sein Hotel herzustellen. Um die Stromversorgung für das 82 Zimmer große Hotel sicherzustellen, mietete Yasiry ein leeres Grundstück in der Nähe, wo er drei Generatoren bereithält.
Inder und Bangladeschis eingestellt
Yasiry hat auch mit fest verwurzelten kulturellen Traditionen zu kämpfen, die den meisten Hoteliers nie begegnen. Seine wichtigsten Kunden sind ausländische Geschäftsmänner, und das Mood Café im Hotel ist oft gefüllt von amerikanischen, deutschen, iranischen, italienischen, türkischen und syrischen Gästen. Doch an den Wochenenden ist das Hotel voll von neureichen irakischen Frischvermählten.
Video auf WSJ.com
Laut der irakischen Tradition begleiten die Familien das Ehepaar mit Gesang und Klatschen auf ihre Hotelzimmer. Ein Familienmitglied wartet dann in der Lobby, bis der Bräutigam den Beweis der Jungfräulichkeit seiner Braut vorzeigt. Einmal gab es bei einer solchen Veranstaltung Probleme, sagt Yasiry. Der Bruder des Bräutigams habe damals verkündet, er werde „auf das Zimmer gehen und die Braut abschlachten", wenn er nicht den Beweis für ihre Jungfräulichkeit zu sehen bekäme. Eltern und Geschwister des Paares brüllten einander in der Lobby Anschuldigungen zu, bis Sicherheitskräfte sie nach draußen brachten, wo eine Schlägerei ausbrach. Trotz Bitten der Familie ließ Yasiry das junge Ehepaar nicht zurück ins Hotel.
Gute Angestellte zu finden sei auch ein Problem, sagt Yasiry. Obwohl ein Viertel der Iraker arbeitslos ist, seien qualifizierte und motivierte Arbeiter rar, sagt er. Um nicht die aufgeblähten Prozesse durchmachen zu müssen, um für ausländische Arbeiter Arbeitsgenehmigungen zu bekommen, hat er Inder und Bangladeschis eingestellt, die ihren Job verloren, als im Dezember die US-Militärbasis im Irak aufgelöst wurde.
Trotzdem dauerte es über einen Monat, um einen Techniker aus Saudi-Arabien ins Land zu bringen, der die elektronischen Schlösser des Hotels neu programmieren konnte. Die Angestellten an der Rezeption mussten den Gästen erklären, warum sie stundenweise aus ihren Zimmern ausgeschlossen wurden.
Wenn das Coral Erfolg hat, sagt Yasiry, will er als nächstes das Babylon Hotel renovieren, an dem er vor kurzem einen Anteil gekauft hat. Die 32 Millionen Dollar teure Renovierung durch die Regierung hat bisher wenige Ergebnisse gebracht. „Die Regierung ist das größte Hindernis", sagt Yasiry.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de



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