Von SUSANN KREUTZMANN
Es ist schon lange ein offenes Geheimnis, dass DDR-Häftlinge für westeuropäische Unternehmen als billige Arbeitskräfte dienten. So ließen vor allem die großen Versandhäuser Kleidung, aber auch Elektrogeräte in der damaligen DDR fertigen. Jetzt musste der schwedische Möbelhersteller Ikea zugeben, dass auch politische Gefangene für die Produktion seiner Stühle, Regale und Sofas in der DDR eingesetzt wurden. Eine in Auftrag gegebene Studie zur Untersuchung der Vorwürfe macht deutlich, dass für die Ikea-Produktion in der DDR „ab dem Jahr 1978, spätestens aber ab dem Jahr 1981" auch politische Gefangene eingesetzt wurden. Unklar bleibt, ob und welchem Umfang Ikea zum damaligen Zeitpunkt darüber Kenntnis hatte. Auch die Frage, wie viele DDR-Zwangsarbeiter auf diese Weise billig für den Export produzierten mussten, konnte nicht geklärt werden.
Der Geschäftsführer von Ikea Deutschland, Peter Betzel, betonte bei der Vorstellung der Studie mehrfach, dass diese Geschäftspraktiken auch damals „völlig inakzeptabel" gewesen seien. Den anwesenden Opfern drückte er sein „tiefstes Bedauern" aus. Das Image von Ikea hat aber dennoch gehörig Schaden genommen. Das Unternehmen hat zwar kein juristisches, aber ein moralisches Problem.
Mit einer neuen wissenschaftlichen Untersuchung will Ikea jetzt Aufklärung leisten. Über einen Entschädigungsfonds für die Opfer wird verhandelt. "Wir möchten, dass dieses Kapitel SED-Diktatur aufgeklärt wird", mahnt der Beauftragte für Unterlagen der Staatssicherheit, Roland Jahn. Ob die von Ikea jetzt vorgelegte Studie einen Beitrag "zur Aufklärung oder zur Verklärung" liefert, müsse geklärt werden.
Doch den Opfern, die in die Räume der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde nahe dem Checkpoint Charlie gekommen waren, geht es nicht vorrangig um Geld. „Das Wichtigste ist die Aufarbeitung", sagt Alexander Arnold, der als politischer Gefangener in Naumburg einsaß und dort unter unmenschlichen Bedingungen Zubehör für Ikea-Stühle fertigte. Dem Unternehmen wirft er vor, erst auf Mediendruck reagiert zu haben. „Es gab schon Anfang der 80er Jahre Gerüchte", sagt der heute 51-Jährige. Doch damals habe Ikea nicht reagiert. Immer wieder kommt auch die Frage auf, warum Ikea seine Geschäftsbeziehung mit der DDR damals nicht beendet habe. Geschäftsführer Betzel bleibt eine Antwort schuldig und verweist auf die historische Situation. „Es war eine Zwangsarbeit, die in DDR-Gefängnissen üblich war, die man nach heutigem Verständnis Folter nennt", bringt es der Vorsitzende der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), Rainer Wagner, auf den Punkt.
Auch für Arnold ist die Erinnerung an seine Haftzeit in der DDR noch allgegenwärtig. Mehrstündiges Antreten im Hof und oft 15-stündige Arbeit bei einem „Höllenlärm" seien normal gewesen, sagt er. Wer weniger als 80 Prozent der Arbeitsnorm erreichte, wurde für zehn Tage in eine Dunkelzelle gesperrt. Ohne Licht, ohne Toilette, ohne Heizung. Wer die Arbeit verweigert habe, sei bis zu fünf Tage in einem dunklen Raum angekettet worden, erzählt Arnold mit stockender Stimme. Nur für zehn Minuten seien die Gefangenen morgens, mittags und abends für den Toilettengang und zum Essen losgebunden worden. Arnold hat als einer der ersten den Kontakt mit den Medien gesucht und so das Unternehmen mit den Vorwürfen konfrontiert.
Detailliert listet die Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young auf, wie sich die Geschäftsbeziehungen von Ikea mit der damaligen DDR gestalteten. So war der Möbelhersteller auf den jährlichen Leipziger Messen dabei. Dort wurden wohl auch die Kontakte zu zukünftigen Vertragspartnern der volkseigenen Betriebe geknüpft. Ab 1980 unterhielt Ikea eine eigene Repräsentanz im Internationalen Handelszentrum in Ost-Berlin. Auch in welchem Umfang der Möbelhersteller die DDR als billige Werkbank benutze, wird deutlich: Von 117 untersuchten Betriebsstätten seien mindestens 66 volkseigene Unternehmen „mit direktem Ikea-Bezug" identifiziert worden, heißt es in der Studie.
Kontakt zum Autor: susann.kreutzmann@dowjones.com







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