Von HERBERT RUDE und HANS BIELEFELD
Die schwache Konjunktur in Europa hat in den Bilanzen der deutschen Konzerne bislang nur kleine Bremsspuren hinterlassen. Viele Unternehmen haben im dritten Quartal dank guter Geschäfte in Schwellenländern überraschend gut abgeschnitten. Überwiegend enttäuscht haben aber die Ausblicke der Unternehmen. Experten sind sich uneins darüber, ob das Schlimmste noch bevor steht, oder ob die Deutschen die Krise weitgehend abhaken können.
Beim Blick zurück überwiegen noch die guten Nachrichten: Von Juli bis September sind die Geschäfte vieler Großkonzerne besser gelaufen als gedacht. Nach Analyse der Fondsgesellschaft Union Investment haben 44 Prozent der Dax-Unternehmen die Erwartungen übertroffen, bei einem Viertel wurden die Prognosen erfüllt. Nur ein knappes Drittel schnitt schlechter ab als prognostiziert.
Zu den Gewinnern der Berichtssaison gehören für Fondsmanager Carsten Hilck von Union Investment insbesondere Unternehmen mit starkem Geschäft in den Schwellenländern. „Die Quartalszahlen der Unternehmen haben sich damit deutlich von der pessimistischen Stimmung auf der Straße abgehoben", sagt Fondsmanager Trudbert Merkel. Dabei hätten die Unternehmen auch vom schwachen Euro insbesondere gegenüber dem US-Dollar profitiert. Umsätze in Dollar wurden so in die Höhe getrieben.
Dax-Konzerne haben zumeist positiv überrascht
Gut verdienten weiter die Pharma- und Autokonzerne, zumindest die mit starker Präsenz im Ausland. Besonders positiv lief es bei den Versicheren - Allianz und Munich Re überraschten sogar mit höheren Gewinnprognosen. "Die Quartalszahlen der Dax-Konzerne haben mehrheitlich positiv überrascht", lautet das Fazit für Fondsmanager Trudbert Merkel von der Dekabank.
Allerdings hatte die Berichtssaison auch ihre Schattenseiten. Vor allem bei konjunktursensiblen Unternehmen mit Schwerpunkt Europa häuften sich die Gewinnwarnungen in den vergangenen beiden Wochen. Belastet von der schwächelnden Konjunktur in Europa senkten der Stahlhersteller Salzgitter und der Versorger Eon ihre Prognosen. Auch die Kasseler K+S schraubte ihre Prognose etwas zurück. Gebeutelt von schlechten Geschäften in seiner Automotivesparte senkte der Rüstungskonzern und Autozulieferer Rheinmetall ebenfalls seine Gewinnprognose .
Die Ausblicke der Unternehmen seien überwiegend enttäuschend gewesen, erklären die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg in ihrer Analyse. Viele Dax-Konzerne hätten sich bei ihren Prognosen „merklich bedeckt" gehalten und auf die konjunkturellen Risiken verwiesen.
Deutlicher Gewinnrückgang im vierten Quartal erwartet
Heino Ruland von Ruland Research weist auf eine weitere ungünstige Entwicklung hin: Die Auftragsbestände vieler Konzerne sind stark abgeschmolzen. Deshalb dürften die Umsätze im vierten Quartal seiner Einschätzung zufolge unter den Erwartungen liegen. "Das gibt einen richtigen Dämpfer", erwartet der Analyst. Er rechnet mit einem Gewinnrückgang gegenüber dem vierten Quartal 2011 um im Schnitt knapp 30 Prozent.
Insgesamt haben die verhaltenen Ausblicke der Unternehmen eine Trendwende bei den Gewinnschätzungen ausgelöst. Die Anlagestrategen von M.M. Warburg weisen darauf hin, dass die Schätzungen der Analysten vor Beginn der Berichtssaison noch gestiegen waren, seit dem Start der Berichtssaison aber nach unten zeigen.
Trüber sollten die kommenden Monate vor allem für den Automobilsektor werden. "Die Branche hat auch künftig mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Da muss noch was passieren", sagte Carsten Hilck, Fondsmanager bei Union Investment, mit Blick auf die Überkapazitäten in der europäischen Automobilindustrie. "Es werden sicherlich noch ein paar Gewinnwarnungen kommen", befürchtet er. Allerdings habe die Krise – nicht nur in der Autobranche – im Großen und Ganzen ihren Höhepunkt wohl hinter sich. "Das dicke Ende ist bereits erreicht, 2013 geht es wieder leicht bergauf", ist sich Hilck sicher.
Schub muss aus den Schwellenländern kommen
Dieser Einschätzung schließt sich weitgehend auch Fondsmanager Trudbert Merkel an. Er hält es für möglich, dass Unternehmen die schlechten Quartale schon größtenteils hinter sich gelassen haben. "Im Laufe des nächsten Jahres dürfte es - gestützt von Wachstumsimpulsen in Asien - insgesamt wieder bergauf gehen", prognostiziert er.
Allerdings müsse die Initialzündung für die Kehrtwende aus den Schwellenländern kommen. Aus Europa sei nicht viel zu erwarten. Dennoch werde es bereits im Frühsommer erste Wachstumsimpulse geben. "Jubelstimmung" werde sich deshalb im Schlussquartal zwar nicht verbreiten. "Die konjunkturelle Krise in Europa wird sich aber nicht weiter ausdehnen", ist er sich sicher.
Fondsmanager Hilck ist ähnlich zuversichtlich. „Ich bereite mich insgesamt auf eine positive Überraschung nach oben vor", so Hilck. Besonders profitieren dürften von der anziehenden Konjunktur die klassischen Frühzykliker, die Halbleiterbranche sowie die Stahl- und Chemieunternehmen. "Die Lager sind leer. Bei anziehender Konjunktur dürften die Bestellungen in die Höhe schnellen", erwartet Trudbert Merkel.
Weltweit aufgestellte Firmen im Vorteil
Insgesamt ist die Lage der deutschen Unternehmen den Experten zufolge gespalten. Für viele Konzerne mit Fokus auf Europa sieht es düster aus. Sie werden von der schwächelnden Konjunktur vor allem in Südeuropa belastet und dürften auch in Zukunft wenig Grund zur Freude haben. Positiv ist immerhin, dass es in Europa voraussichtlich nicht weiter in den Keller geht.
Für regional breiter aufgestellte Konzerne mit Präsenz in den Schwellenländern sieht es wesentlich besser aus. Gestützt von Währungsgewinnen konnten sie die schwächelnden Geschäfte in Europa weitgehend in Übersee ausgleichen.
Ob es im nächsten Jahr insgesamt wieder bergauf geht, dürfte vor allem von der asiatischen Wirtschaft abhängen. Geht es in Fernost nach oben, dürften davon zunächst die konjunktursensiblen Unternehmen profitieren. Wegweiser für einen möglichen Aufschwung werden auch die Jahresabschlüsse der deutschen Unternehmen sein. Ihre Prognosen zu Jahresbeginn dürften aufzeigen, wann es wieder bergauf geht.
Kontakt zum Autor: herbert.rude@dowjones.com und hans.bielefeld@dowjones.com





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