• The Wall Street Journal

Ägypten plant Front gegen Israel

dapd

Ein Palästinenser rennt durch eine Rauchwolke voll Tränengas im Gazastreifen. Die Zeichen stehen auf Krieg im Nahen Osten.

GAZA-STADT – Der Besuch des ägyptische Ministerpräsidenten Hescham Kandil im seit Tagen umkämpften Gaza-Streifen war ein historischer. Er unterstreicht, vor welches Dilemma der langjährige Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern die neue islamistische Regierung Ägyptens stellt.

Kandil traf am Freitagmorgen in Gaza ein. Sein Besuch ist ein weiteres Zeichen dafür, dass seine Regierung mit der israelfreundlicheren Haltung des Regimes von Hosni Mubarak bricht. Damals hatten ägyptische Amtsträger den Besuch in Palästinensergebieten vermieden. Kandil traf sich mit seinem palästinensischen Amtskollegen Ismail Haniyya von der militanten Hamas und besuchte dann verwundete Zivilisten im aus allen Nähten platzenden Krankenhaus von Gaza.

Blutiger Konflikt um Gaza

Reuters/Ronen Zvulun

In einer chaotischen Pressekonferenz vor Hunderten Reportern und Ärzten in blutbefleckten Kitteln kündigten Haniyya und Kandil an, eine gemeinsame Front gegen Israel bilden zu wollen. „Es ist eine Frage, die die gesamte arabische und islamische Nation angeht", sagte Kandil unter „Gott ist groß"-Rufen. „Wir stehen alle hinter euch, einer kämpfenden Nation, deren Kinder jeden Tag zu Helden werden."

Wie die Hamas erklärte, wurde auch die Residenz von Haniyya bei den heftigen israelischen Luftangriffen der Nacht getroffen. Haniyya war zu dem Zeitpunkt allerdings nicht in seinem Haus. Wenn Israel den Ministerpräsidenten gezielt angegriffen hat, wäre das eine bemerkenswerte Eskalation der umstrittenen israelischen Praxis, Hamas-Führer direkt ins Visier zu nehmen. Das israelische Militär weist den entsprechenden Vorwurf jedoch zurück.

Kandils Besuch erfolgt zwei Tage nach Beginn der heftigen Feuergefechte zwischen Israel und militanten Palästinensern. Die Krise hat sich bereits zu einer der schwersten der vergangenen Jahre entwickelt. Einmal mehr steht der Nahostkonflikt damit weltweit im Rampenlicht.

Selbst während der Pressekonferenz der beiden Ministerpräsidenten war Raketenfeuer der Hamas zu hören. Israel hatte während Kandils Besuch eine Feuerpause angeboten, aber zur Bedingung gemacht, dass auch die Extremisten im Autonomiegebiet das Feuer einstellen. Zunächst feuerte Israel dennoch nicht zurück.

Gamal Sultan, Politikwissenschaftler an der Amerikanischen Universität von Kairo, bezeichnete die Feindseligkeiten in Gaza als einen Prüfstein für die in Ägypten regierenden Muslimbrüder. Diese hatten dem Regime von Mubarak oft eine zu passive und pro-israelische Haltung im Nahostkonflikt vorgeworfen. „Das ist ein Moment der Wahrheit", sagt Sultan. „Präsident Mursi bekommt jetzt aus erster Hand die strategischen Realitäten der Region zu spüren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die im Gazastreifen regierende Hamas für die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten verantwortlich gemacht. Die Kanzlerin betrachte die Entwicklung mit großer Sorge, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter am Freitag in Berlin. Verantwortlich für die zugespitzte Lage in der Region sei die Hamas. Es gebe keinerlei Rechtfertigung für den Abschuss von Raketen, unter denen die Zivilbevölkerung in Israel leide. Der Beschuss Israels müsse sofort eingestellt werden.

Außenminister Guido Westerwelle hatte diese Position bereits am Freitagmorgen vertreten und Verständnis für die militärische Reaktion Israels auf die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen geäußert. Hamas sei eine Terrororganisation, „die mit durch nichts zu rechtfertigenden Angriffen diese Eskalation bewirkt hat", sagte er. Israel habe „das Recht, sich zu verteidigen und hat auch das Recht, seine Bürger zu schützen".

Video auf WSJ.com

Israel hit the Gaza Strip with airstrikes and artillery shells for a second straight day Thursday and Hamas ramped up rocket fire at Israel, as both sides widened hostilities in the conflict's bloodiest escalation in four years. Charles Levinson has the latest from Tel Aviv on The News Hub.

Die Regierung von Benjamin Netanjahu machte am Freitag deutlich, dass sie bereit ist, die Operationen auch zu einer Bodenoffensive auszuweiten. Die Streitkräfte begannen 16.000 Reservisten einzuberufen, wie sie per Twitter bekannt gaben. Verteidigungsminister Ehud Barak hatte einen solchen Schritt am Donnerstag genehmigt. Laut Informationen aus Israel stehen bis zu 30.000 Reservisten zur Verfügung.

Einen etwaigen Einmarsch in den Gazastreifen bereitete Israel auch durch die Stationierung von Panzern und Truppentransportern im Grenzgebiet am Donnerstagabend vor. Zudem wurden zahlreiche Soldaten mit Bussen in die Region gebracht. Israelische Fernsehsender berichteten, die Invasion sei für den Freitag geplant. Die Streitkräfte dementierten und erklärten, bislang sei noch keine Entscheidung über einen Einmarsch in den Gazastreifen gefallen.

Mit dem Ziel, die fortdauernden Raketen- und Mörserattacken von Hamas und anderen militanten Islamisten aus dem Gazastreifen zu stoppen, beschießt Israel seit Mittwoch Stellungen der Hamas im Gazastreifen. „Wir werden die Angriffe fortsetzen und ausweiten", kündigte Generalstabschef Benny Gantz an. „Ich glaube, wir können unsere Ziele erreichen." Netanjahu drohte mit einer „signifikanten Ausweitung" des Militäreinsatzes. Israel werde alles Nötige tun, um sich zu verteidigen, sagte der Regierungschef. Bislang kamen bei den Kämpfen mindestens 19 Palästinenser und drei Israelis ums Leben.

—Mit Material von dapd

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