Von ADAM ENTOUS und SIOBHAN GORMAN
WASHINGTON – Die letzten Tage von David Petraeus im Chefsessel der CIA waren von Zank und Streit geprägt. Der US-Geheimdienstchef legte sich nicht nur mit den Leitern anderer US-Behörden an, er stieg auch gegen seinen eigenen Vorgesetzten, den Nationalen Geheimdienstdirektor James Clapper, in den Ring.
Im Mittelpunkt der Kontroversen stand die Frage, ob die CIA ihr Schweigen über ihre Rolle bei den Terroranschlägen auf das amerikanische Konsulat im libyschen Bengasi brechen sollte. Petraeus wollte sich gegen die zunehmende Kritik wehren, die sich in diesem Fall gegen die CIA und gegen seine eigene Person richtete, sagen hochrangige, mit dem Vorgang vertraute US-Beamte.
Petraeus drängte seine Mitarbeiter dazu, hart in die Offensive zu gehen. Sie sollten ihren eigenen Bericht über die Chronologie Attacken vom 11. September 2012 auf das Konsulat in Bengasi und einem nahe gelegenen, geheimen Unterschlupf des CIA veröffentlichen. Der hoch dekorierte General wollte damit die Sachlage richtig stellen und die Rolle der CIA in ein günstigeres Licht rücken, heißt es.
Sein Vorgesetzter Clapper und andere US-Behörden, darunter auch das Pentagon, lehnten sein Vorgehen ab. Doch Petraeus wies seine Untergebenen an, trotzdem wie geplant weiter zu machen, berichten die Regierungsvertreter.
Bengasi war sein erster großer Prüfstein
Nach allgemeiner Lesart musste Petraeus am vergangenen Freitag seinen Hut nehmen, weil seine außereheliche Affäre mit seiner Biographin aufgedeckt worden war. Doch neue Einzelheiten über die letzten Tage von Petraeus bei der CIA geben Aufschluss darüber, wie stark die tragischen Vorfälle in Bengasi dazu beigetragen hatten, die Atmosphäre zwischen den zuständigen Behörden zu vergiften. Die Unterstützung, die der frühere Vier-Sterne-General bei der Regierung von Barack Obama genossen hatte, schwand dadurch zusehends, während er noch mit der Entscheidung rang, ob er zurücktreten solle.
Am 7. November sprach der oberste Geheimdienstchef Clapper mit Petraeus am Telefon. „Ein Rücktritt wäre der richtige Schritt", riet Clapper, wie sein Sprecher Shawn Turner mitteilt. Es sei Clapper nicht leicht gefallen, Petraeus dies sagen zu müssen, fügt Turner hinzu. Zwischen Clappers Empfehlung und den Bemühungen der Geheimdienstbehörde, ihre Rolle in Bengasi zu erklären, habe kein Zusammenhang bestanden, bekräftigt Turner.
Eine Woche, bevor Clapper von der Affäre in Kenntnis gesetzt wurde, war Petraeus gerade dabei, eine aggressive Verteidigung der CIA bezüglich der Angriffe in Bengasi auf die Beine zu stellen. Wie einer, der seinen Rücktritt einreichen wolle, habe er dabei nicht gewirkt, sagen viele Regierungsvertreter. Die Krise in Bengasi sei der erste größere Prüfstein während der 14 Monate langen Amtszeit von Petraeus bei der CIA gewesen, heißt es.
Anfangs hatte Petraeus Schwierigkeiten dabei, die CIA-Mitarbeiter für sich einzunehmen. Die Geheimdienstmitarbeiter hatten ihn zunächst misstrauisch beäugt. Sie sind, was die Hierarchie angeht, eher locker organisiert. Und er war schließlich als hochdekorierter General die strenge Rangordnung und die Respektsbezeugungen des Militärs gewohnt. „Das war eine große Veränderung für ihn", erzählt der ehemalige CIA-Agent Michael Hurley. „Beim Militär verleiht dir der Rang deine Autorität. Aber CIA-Direktoren müssen sich den Respekt der Mitarbeiter erst verdienen."
Viel reglementierter und straffer organisiert sei die CIA unter seiner Leitung gewesen, berichten Geheimdienstler. Während der Amtszeit seines Vorgängers Leon Panetta sei es dagegen relativ unkompliziert gewesen, bei den Spitzenbeamten des Dienstes vorbeizuschauen. Petraeus schien auch überrascht zu sein, wenn Analysten, die viel jünger waren als er, einem seiner Argumente nicht zustimmten, erzählt ein Ehemaliger.
Als Held verehrter Vorzeigemilitär
Petraeus versuchte, eine Verbindung zu den Geheimdienstmitarbeitern aufzubauen, indem er sie zu gemeinsamen Joggingrunden einlud. Doch seinem hohen Lauftempo war kaum ein Agent gewachsen und so scheiterten die Annäherungsversuche des Ex-Generals oft an der mangelnden Kondition seiner Untergebenen.
Aber vor allem rieben sich die Agenten an der verstärkten Kontrolle, die Petraeus in ihren Augen ausübte, berichtet der frühere Geheimdienstmitarbeiter. Mit dem Chef für die Terrorismusabwehr sei er wegen des CIA-Drohnenprogramms manchmal lautstark aneinander geraten. Petraeus wollte das Programm, bei dem Terrorverdächtige mit Hilfe von Drohnen getötet werden, besser auf diplomatische Befindlichkeiten abstimmen und schmetterte des Öfteren Anträge für Angriffe auf bestimmte Ziele ab.
Vertreter der US-Regierung zollten Petraeus wegen seiner Erfolge in Irak und Afghanistan Respekt. Und am Mittwoch rühmte Präsident Obama auf einer Pressekonferenz „die außerordentliche Karriere" des einst heldenhaft verehrten Vorzeigemilitärs. Doch im einflussreichen inneren Zirkel um Obama fehlte es Petraeus an einer ausreichenden Zahl von Unterstützern, sagen ehemalige und amtierende Regierungsvertreter.
Wenn man mit der Regierung nicht vollständig auf einer Linie liegt, kann das manchmal gut für einen Leiter eines Geheimdiensts sein, der sich rühmt, apolitisch zu ein, sagt der Ex-Agent.
Einige US-Abgeordnete und Regierungsvertreter haben die Frage aufgeworfen, warum Petraeus sein Amt wegen einer Affäre aufgeben musste, die die nationale Sicherheit offensichtlich nicht gefährdet hat. Doch Obama hat während seiner bisherigen Amtszeit wenig Geduld für Berater aufgebracht, die in Medienspektakel geraten sind, die der Präsident als abträglich erachtet.
CIA-Berichte waren nicht eindeutig
Darüber hinaus sahen einige Präsidentenberater in Petraeus einen möglichen Rivalen Obamas. Schon seit langem hatten die Republikaner den ehemaligen Militärstrategen als einen potenziellen Präsidentschaftskandidaten ins Gespräch gebracht. Petraeus hatte allerdings wiederholt erklärt, kein Interesse an einer Kandidatur zu haben.
Video auf WSJ.com
Nach den Attacken in Bengasi meldeten sich die Petraeus-Kritiker innerhalb der US-Regierung immer öfter zu Wort. Petraeus habe sich nach den Terrorangriffen von den Vorfällen abgekoppelt, hatten ihm einige führende Regierungsvertreter damals vorgeworfen. Die CIA hatte beschlossen, ihre Rolle in Bengasi in punkto Sicherheitsfragen und Nachrichtenbeschaffung geheim zu halten. Petraeus nahm auch an der Beerdigung zweier Sicherheitskräfte im Dienst der CIA nicht teil, die bei den Angriffen ums Leben kamen.
Er sei nach den Anschlägen überaus engagiert gewesen, bekräftigen dagegen Beamte, die eng mit Petraeus zusammenarbeiteten. Er habe Berichte der Nachrichtendienste ausgewertet und Treffen beigewohnt, bei denen die Vorfälle in Libyen besprochen wurden.
Die Berichte der CIA über die Ereignisse in Bengasi waren alles andere als eindeutig. Und einige Regierungsbeamte beschlich das Gefühl, dass sie schlecht dabei weg kamen, nur weil sie sich auf diese Berichte verlassen hatten. Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Susan Rice, und andere Spitzenpolitiker hatten anfänglich Schlüsselargumente der CIA herangezogen. Auf dieser Basis argumentierten sie, dass den tödlichen Übergriffen spontane Proteste wegen eines in den USA produzierten Anti-Islamvideos vorangegangen waren. Diese Einschätzung wurde von der CIA später verworfen. Kritiker führen ins Feld, dass die Anschläge die Handschrift eines organisierten Überfalls durch Militante mit Verbindungen zur Terrororganisation Al-Qaida trugen. Das Weiße Haus habe aber zu Anfang zurückhaltender darauf reagiert, eine derartige Verbindung zu ziehen. Obama sprang Rice am Mittwoch schließlich zur Seite. Sie habe sich auf die Informationen verlassen, die ihr gegeben worden seien.
Petraeus plädierte für aggressive Verteidigung
Im Mai begann das FBI damit, den Beschwerden von Jill Kelley nachzugehen. Die Bekannte von Petraeus aus Tampa in Florida hatte bei der US-Bundespolizei behauptet, ihre werde über das Internet nachgestellt und sie fühle sich bedroht. Die Ermittlungen brachten schließlich die außereheliche Affäre zwischen Petraeus und seiner Biographin Paula Broadwell ans Tageslicht, berichten Beamte, die mit den Untersuchungen vertraut sind.
Es ist nicht klar, wann Petraeus bewusst wurde, dass das FBI über seine Affäre im Bilde war. Die FBI-Ermittlungen gewannen an Fahrt, als sich die Reaktionen auf die Anschläge in Bengasi zu einer immer größeren Herausforderung für die CIA auswuchsen. Broadwell wurde erstmals Ende September vom FBI befragt, einen Monat später kamen die Ermittler zu Petraeus. Beide räumten die Affäre ein, sagen US-Beamte.
Im gleichen Zeitraum wurde die Rolle, die die CIA in Bengasi gespielt hatte, nach der anfänglichen Geheimhaltung immer stärker und immer kritischer beleuchtet. „Er hatte eine Menge um die Ohren", sagt ein leitender Beamter über Petraeus. In der CIA-Zentrale in Langley im Bundesstaat Virginia setzen die Debatten darüber ein, ob sich der Dienst aktiver gegen die Kritik zur Wehr setzen sollte. Im Besonderen Petraeus plädierte für eine aggressivere Verteidigung.
Während sich die Fragen und Zweifel häuften, brachte am 26. Oktober der US-Fernsehsender Fox News einen verheerenden Bericht. Darin wurde behauptet, die CIA hätte die Entsendung von Sicherheitskräften verzögert, die den attackierten US-Botschafter Christopher Stevens und andere Botschaftsangehörige hätten schützen sollen. Stevens und drei weitere Amerikaner starben. Die CIA dementierte den Bericht und begann dann damit, ihren eigenen Bericht über die zeitliche Abfolge der Vorfälle zu verfassen.
Petraeus' Entscheidung kam nicht gut an
Das Pentagon, das Außenministerium und andere Behörden wendeten sich gegen die Entscheidung von Petraeus, sich im Alleingang zu verteidigen. „Wir haben unsere Einwände zum Ausdruck gebracht, so wie zahlreiche andere Behörden auch", sagt ein führender Militärvertreter.
Petraeus' Entscheidung, den CIA-Bericht an die Presse zu geben, sei bei seinem Chef Clapper nicht gut angekommen. Clapper sei sich nicht bewusst gewesen, dass der Bericht veröffentlicht werden würde, sagen Beamte. Andere Regierungsstellen interpretierten den Schritt als einen Versuch, die CIA und Petraeus selbst im besten Licht erscheinen zu lassen, so dass die anderen Behörden keine andere Wahl hätten, als die Hauptlast der Kritik zu tragen.
In Langley war man dagegen der Meinung, es sei wichtig, Stellung zu beziehen. „Wenn Leute in einer gewissen Situation Dinge unterstellen, die einfach nicht wahr sind, dann ist es doch ganz klar, dass man reagieren muss", sagt ein führender US-Beamter. Das Presse-Briefing habe die erwünschte Wirkung gezeigt, fügt er hinzu. „Die Sache wurde richtig gestellt", sagt er. „Kluge Leute können sich darüber streiten, wie man das am besten macht, und trotzdem gleichzeitig darin übereinstimmen, dass etwas unternommen werden muss."
Eine Woche nach den Revierkämpfen über die Veröffentlichung des CIA-Berichts über die Zwischenfälle in Bengasi, unterrichtete das FBI Clapper von Petraeus' Liebesaffäre, sagen mit den zeitlichen Abläufen vertraute Regierungsvertreter.
Mitarbeiter reagierten geschockt
Das Telefonat, das Clapper daraufhin am 7. November mit Petraeus führte, sei „schwierig" und „schmerzhaft" gewesen, erzählt Shawn Turner, der Sprecher von Clapper. Allerdings sei Clapper sich in seiner Einschätzung ganz sicher gewesen, „dass sich Petraeus ehrenhaft verhält, wenn er zurücktritt." Am gleichen Tag unterrichtete er das Weiße Haus darüber, dass Petraeus über die Aufgabe seines Amtes nachdenke, sagen Beamte. Auf vorherige Beratungen mit dem Weißen Haus hatte Clapper verzichtet. Am nächsten Morgen meldete sich Petraeus bei Obamas nationalem Sicherheitsberater Tom Donilon und bat um ein Treffen mit dem Präsidenten.
Danach setzte Donilon Obama von dem Telefonat in Kenntnis. Der Präsident traf sich am 8. November mit Petraeus, der ihm seinen Rücktritt anbot. Obama erbat sich bei Petraeus Bedenkzeit bis zum nächsten Tag aus. Obama habe nicht versucht, Petraeus von seinen Plänen abzubringen, berichten Beamte. Am 9. November meldete sich Obama telefonisch bei Petraeus und nahm sein Rücktrittsgesuch an.
Die Mitarbeiter in der CIA-Zentrale reagierten schockiert auf die Nachricht, erzählt ein ehemaliger Geheimdienstagent, der mit Petraeus zusammen gearbeitet hatte. Es sei oft im Scherz gesagt worden, Petraeus und Broadwell müssten etwas miteinander haben. Aber die Vorstellung sei dann als unwahrscheinlich verworfen worden. Wenn zwei Leute eine Beziehung vertuschen wollten, dann ließen sie sich doch schließlich nicht so häufig zusammen blicken wie die beiden. „Es war so offensichtlich, dass es einfach nicht wahr sein konnte", sagt der ehemalige Agent. „Das war eine echte Überraschung, weil er so diszipliniert ist."
—Mitarbeit: Peter NicholasKontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

Reuters






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