• The Wall Street Journal

China kuriert seinen Kater mit einem Schnaps

Agence France-Presse/Getty Images

Eine Baustelle in der Provinz Anhui. China greift auf der Suche nach Wachstum wieder verstärkt auf Infrastrukturprojekte zurück.

Einen echten Kater sollte man nicht mit Alkohol bekämpfen. Das gilt auch für die chinesische Wirtschaft, die unter den Nachwirkungen einer unberechenbaren Konjunkturpolitik leidet.

Gerade vollzieht die Staatspartei den alles entscheidenden Führungswechsel für die nächsten zehn Jahre. Wie bestellt kam da die Nachricht, dass sich das Wachstum im September und im Oktober wieder stabilisiert hat. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber: Geholfen, die unschöne Delle auszubeulen, hat ein Rückgriff auf die schlechte Angewohnheit der auf Pump finanzierten Investitionen in Infrastrukturprojekte.

Neue Eisenbahnprojekte zum Beispiel standen den größten Teil des Jahres auf dem Abstellgleis, weil das Eisenbahnministerium bei der Verschuldungsgrenze angelangt und überdies mit einem Korruptionsskandal beschäftigt war. Doch zuletzt kam die Bahn wieder unter Dampf, 81 Milliarden Yuan (umgerechnet 10,2 Milliarden Euro) flossen nach Recherchen des Datenanbieters CEIC bis Oktober in Investitionen für den Ausbau der Schiene. Verglichen mit dem Vorjahr ist das eine Steigerung von 141 Prozent.

Chinas Aufstieg in Zahlen - Zehn Indikatoren

Auch die Investmenttrusts der chinesischen Provinzregierungen, die den Löwenanteil der Konjunkturanreize in der Weltwirtschaftskrise 2009 und 2010 geliefert hatten, sind wieder im Spiel. Kaum reguliert, stellen sie eine Alternative zu den üblichen Bankfinanzierungen dar. Sie stellten im dritten Quartal 200 Milliarden Yuan für Infrastrukturprojekte zur Verfügung, auch das ein deutliches Plus gegenüber den 76 Milliarden aus dem Frühjahrsquartal.

Chinas heimliches Konjunkturpaket kommt zwar nicht daher wie die Prasserei aus den Jahren 2009 und 2010, als die Banken Billionen Yuan für Bauprojekte der lokalen KP-Chefs zur Verfügung stellten, viele davon mit einem höchst zweifelhaften Nutzen. Trotzdem: Indem China das Wachstum wie in all den Jahren mit Infrastrukturprojekten anheizt, schiebt die Partei die notwendige Reform einer Neuverteilung der wirtschaftlichen Gewichte zwischen Staat und Privatwirtschaft erneut auf die lange Bank.

Mindestens genauso problematisch ist, dass China sich die Erholung schuldenfinanziert erkauft. Es bedeutet, dass der Abbau der finanziellen Altlasten aus den Stimulusjahren 2009 und 2010 ebenfalls hinausgeschoben wird. Janet Zhang, Volkswirtin bei dem auf China spezialisierten Marktforscher GK Dragonomics, schätzt, dass die Bruttoverschuldung von privaten Haushalten, Unternehmen und Staat in diesem Jahr bis auf 206 Prozent der Wirtschaftsleistung steigt. 2011 lag die Quote noch bei 198 Prozent.

China hat sich keinem Besäufnis hingegeben, um seinen Kater auszukurieren. Das ist wohl wahr. Aber der Preis dafür, dass das Wachstum für den Übergang der Macht in Peking wieder läuft, wird den neuen Führern noch größere Kopfschmerzen bereiten.

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