• The Wall Street Journal

Britische Aufseher knöpfen sich ausländische Banken vor

[image] Lefteris Pitarakis/AP/dapd

Der Libor-Skandal zieht seine Kreise - auch über die Londoner City hinaus. Die britische Bank Barclays hat sich als erstes Kreditinstitut mit britischen und amerikanischen Aufsehern über eine Strafe geeinigt.

Der ins Gerede gekommene Libor-Satz verdankt seinen Namen dem Finanzplatz London. Die Abkürzung Libor steht schließlich für London Interbank Offered Rate. Trotzdem legen die britischen Finanzaufseher äußersten Wert auf den internationalen Charakter des wichtigen Referenzzinses im Interbankengeschäft: Sie wollen verhindern, dass der Skandal um Libor-Manipulationen zu einem Synonym für die gesamte Londoner Bankenbranche wird.

Gut fünf Monate nach der umstrittenen Einigung zwischen amerikanischen und britischen Aufsehern und dem Londoner Bankhaus Barclays verhandeln etliche andere Banken in Europa und den USA über ähnliche Regelungen. Auf die Finanzinstitute dürften ähnlich drakonische Strafen für die Libor-Tricksereien zukommen - Barclays musste für das Fehlverhalten rund 450 Millionen US-Dollar berappen.

Absichtliche Verzögerung bei Einigung mit RBS?

Besonders weit gediehen sind die Gespräche mit der Royal Bank of Scotland (RBS), die ebenfalls aus dem Vereinigten Königreich stammt. Doch das ist der britischen Finanzaufsicht (FSA) gar nicht recht, wie Vertreter der Bankenbranche, der britischen Regierung und von Aufsichtsbehörden sagten. Demnach äußerte die FSA sich gegenüber britischen Bankvertretern und US-Behörden besorgt über den Eindruck, der entstehen könnte, wenn die beiden ersten bestraften Geldhäuser aus Großbritannien stammen. Angesichts einer ganzen Flut an schlechten Nachrichten über die britische Bankenwelt käme der FSA eine Einigung mit einer ausländischen Bank zu diesem Zeitpunkt deutlich gelegener. Später könnte auch wieder eine britische Bank an die Reihe kommen.

Der Vorbehalt der FSA könnte zur Verzögerung bei der Einigung mit der RBS beigetragen haben, erklärten die genannten Vertreter. Zum Teil auch deswegen wird wahrscheinlich nun die Schweizer Großbank UBS das nächste Finanzinstitut sein, mit dem eine Einigung gelingt. Die Verhandlungen mit der UBS seien aber noch im Fluss, sagten die hohen Offiziellen weiter. Die zu 81 Prozent verstaatlichte RBS würde dann zu einem späteren Zeitpunkt folgen.

FSA weist Vorwürfe von sich

Die FSA bestreitet, bei den Verhandlungen nach Nationalität der Banken zu unterscheiden. "Der Zeitplan wird bestimmt vom Fortschritt der Verhandlungen und nichts anderem", sagte der hohe FSA-Aufseher Tracey McDermott.

Die entschiedene Klarstellung der FSA in Reaktion auf die inoffiziellen Aussagen zeigt, wie hoch auf der Agenda der Libor-Skandal weiter steht. Der Libor dient als Basis für den Zinssatz bei Krediten und Finanzkontrakten im Wert von hunderten Billionen Dollar. Aufseher aus der ganzen Welt ermitteln gegen Dutzende von Banken auf mehreren Kontinenten, die den Referenzzins mutmaßlich gefälscht haben sollen.

Bisher hat nur Barclays sich mit den Aufsehern geeinigt und im Juni einer Strafzahlung von rund 450 Millionen Dollar zugestimmt. Die Einigung löste einen politischen und öffentlichen Aufschrei aus, denn Barclays hat eine lange Geschichte von Regelverstößen und außerdem waren in diesem Fall allerhöchste Bankvertreter in den Skandal verwickelt. Innerhalb weniger Tage warfen der Chairman, der CEO und ein Vorstandsmitglied das Handtuch.

Seitdem verzögern sich jedoch die Einigungen mit den anderen vom Skandal erschütterten Banken und die Ermittlungen werden immer komplexer. Weitere Regulierer in einer Anzahl von Ländern ermitteln jetzt selbst. Dadurch werde es schwerer, die Verhandlungen über Einigungen zu koordinieren, sagten mit der Angelegenheit vertraute Personen. Die Banken haben dagegen eine klare Präferenz: Sie würden sich gerne mit mehreren Aufsehern auf einmal einigen.

FSA-Vertreter wurden von der wütenden politischen und öffentlichen Reaktion auf die Libor-Einigung mit Barclays auf dem falschen Fuß erwischt, wie ein Aufseher sagte, der die Behörde jüngst verlassen hat. Seitdem erschütterten weitere Skandale, in die britische Geldhäuser verwickelt sind, die Bankenwelt. Ein US-Senatsausschuss beschuldigte HSBC Holdings, im großen Stil Geldwäsche betrieben zu haben. Darüber hinaus warf ein New Yorker Bankaufseher der Standard Chartered vor, US-Sanktionen gegen den Iran umgangen zu haben. Beide Geldhäuser bestritten die Vorwürfe, räumten aber einige Fehler ein.

Dieser Schatten auf der britischen Bankenwelt macht die FSA zusätzlich vorsichtig, als nächstes eine Libor-Einigung mit einem inländischen Institut zu erzielen. Hinzu kommt: Die British Bankers' Association, die für die Festsetzung des Libor verantwortlich ist, sitzt auch in London. "Wenn als nächstes wieder eine britische Bank in den Fokus gerät, könnte der Libor-Skandal als reines Londoner Thema erscheinen", sagte Giles Williams, Partner beim Wirtschaftsprüfer KPMG. "Und das ist nicht der Fall."

RBS-Vertreter wollten eigentlich inzwischen eine Einigung erreicht haben. Sie haben öffentlich ihren Unmut über die Länge des Verfahrens geäußert. Die Bank hat eine Anzahl von Angestellten auf die Straße gesetzt, die versucht hatten, Zinssätze zu manipulieren. Wenig Illusionen macht sich RBS über die Reaktion der Aufseher: Eine drastische finanzielle Strafe wird erwartet. Anfang diesen Monats hatte RBS-Chef Stephen Hester erklärt, er wäre enttäuscht, wenn die Gespräche bis Februar ohne Einigung blieben.

"Wir selbst sind bereit, allen nur erdenklichen Tempo- und Koordinierungsaufwand vorzunehmen, der möglich ist", sagte Hester. "Offensichtlich ist die FSA unser globaler Aufseher in dem Sinne, dass sie im Zentrum des Verfahrens steht. Deswegen warten wir auf sie."

Die Verzögerungen in der Einigung mit der RBS könnten auch daran liegen, dass die Aufseher noch Informationen sammeln müssten, sagten einige mit der Angelegenheit vertraute Personen. Die RBS hat jüngst auf Informationsnachfragen der FSA reagiert und das US-Justizministerium wandte sich im Rahmen der Ermittlungen an zehn Händler der Bank.

Derweil kommt die RBS unter Beschuss der kanadischen Aufseher. Die kanadische Wettbewerbsbehörde beschuldigte die britische Bank, über die eigene Kooperationsbereitschaft eine "falsche" Aussage gemacht zu haben. Es geht um illegale Absprachen bei der Bestimmung von Yen-Interbankzinssätzen. Auslandsfilialen von fünf Großbanken sind involviert. Die Wettbewerbshüter sagen, die RBS kooperiere nicht voll, was die britische Bank energisch bestreitet. RBS argumentiert, manche Unterlagen könne die Bank an die Aufseher nicht weiterreichen, da sie damit gegen britische Gesetze verstöße.

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