Von JOSH DAWSEY
Bevor der Supersturm Sandy aufzog, wollte der Amerikaner Stanley Metzler Vorkehrungen treffen. Er begann damit, die Bäume über seinem Schuppen in Manheim, Pennsylvania, zu stutzen. Ein Ast fiel herunter und traf den 74-Jährigen unglücklich. Metzler starb, doch sein Tod am 28. Oktober wurde nicht Sandy zugeschrieben.
Drei Tage später, nachdem der Sturm über den Bundesstaat Maryland hinweggezogen war, räumte der 50-jährige Santiago Lopez Trümmerteile von einem Hinterhof in Annapolis. Dabei wurde er von einem fallenden Baum getroffen und starb. Obwohl der Unfall dem ersten ähnelte, machten die Landesbehörden in diesem Fall den Sturm verantwortlich.
Bisher beträgt die offizielle Zahl der Todesopfer durch Sandy 122. Das sind mehr als der Hurrikan Andrew 1992 oder Hurrikan Irene im vergangenen Jahr forderten. Aber wer von den Toten auf der Liste landet, hängt ganz vom Urteil der Gerichtsmediziner ab. Deren Erfahrung ist verschieden, einige sind ausgebildete Ärzte, andere üben andere Berufe aus und wurden in dieses Amt gewählt. Was sie alle eint ist, dass sie keine Richtlinien dafür haben, welche Verstorbenen sie als Sturmopfer klassifizieren.
Wie Sandy die amerikanische Ostküste heimsuchte
Dabei haben ihre Entscheidungen gravierende Folgen. Sie haben Einfluss darauf, ob die Hinterbliebenen Anspruch auf Entschädigungszahlungen haben - auch wenn Versicherungen und Anwälte selbst Untersuchungen anstellen. Wenn die Zahl der Opfer hoch sei, würde in den vom Sturm verwüsteten Gegenden wohl auch mehr Geld gespendet und es würden sich mehr Freiwillige beim Wiederaufbau beteiligen, heißt es bei den Behörden. Außerdem können die genaue Opferzahl und die Umstände ihres Todes den Behörden dabei helfen, sich besser gegen solche Katastrophen zu wappnen.
Langfristig gesehen wird die zerstörerische Kraft eines Sturms neben den meteorologischen Daten und der Zahl der zerstörten Gebäude vor allem an der Anzahl der Toten gemessen.
In den meisten Fällen kommen keine Fragen auf – wenn zum Beispiel jemand im Hochwasser ertrinkt oder durch einen Schlag von einem heruntergefallenen Strommast stirbt. Manchmal ist es aber nicht eindeutig. Beim Supersturm Sandy dürfte das für fünf bis zehn Todesfälle gelten, wie eine Analyse von Behördendaten, Medienberichten und Interviews des Wall Street Journal mit Behördenvertretern in den vom Sturm betroffenen Staaten ergibt.
„Es ist eine Frage der Interpretation", sagt Steve Diamantoni, der Rechtsmediziner und Arzt, der den Tod von Metzler untersucht hat. „Wenn man alle Fälle miteinbezieht, in denen Menschen bei Vorbereitungen auf den Sturm sterben, würde dieser Todesfall dazuzählen. Wenn es nur für diejenigen gilt, die während des Sturms umkommen, wäre dieser Fall ausgenommen."
Es gab bereits einige wissenschaftliche Versuche, eine klare Definition dafür zu finden, wer als Sturmopfer gilt, unter anderem in einem Bericht der Fachzeitschrift International Journal of Epidemiology von 1999. Dennoch konnten zwei Forscher, die sich nach dieser Definition richteten, sich nicht über die Zahl der durch den Hurrikan Andrew verursachten Todesfälle einigen.
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Rechtsmediziner verlassen sich meist eher auf ihre Erfahrung und den Rat von Kollegen als auf feststehende Regeln. In manchen Fällen verschaffen sie sich einen Überblick am Ort des Geschehens, sprechen mit Familienmitgliedern oder Zeugen, lesen Polizeiberichte und führen Autopsien durch. In anderen Fällen sind die Untersuchungen lange nicht so umfassend.
Nachdem Mitte der 1990er Jahre in Chicago eine Hitzewelle geherrscht hatte, entwarf eine Gruppe von Rechtsmedizinern eine Richtlinie, wer als Hitzetoter galt. „Das ist der einzige Leitfaden, den ich kenne", sagt Gregory Schmunk, designierter Präsident der amerikanischen Organisation der Rechtsmediziner. Schmunk, der seit 20 Jahren als Rechtsmediziner arbeitet, war Mitglied eines Teams, das nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans zum Einsatz kam. Bei dem Sturm kamen laut einem Bericht der US-Wetterbehörde 1.833 Menschen ums Leben. Das war die schlimmste Naturkatastrophe in Amerika seit Jahrzehnten.
„Wenn es um die Toten geht, gibt es viele Meinungen", sagt der erfahrene Pathologe Michael Baden, ehemaliger oberster Gerichtsmediziner von New York City. „In 90 Prozent der Fälle sind sich alle einig, bei den anderen gehen die Ansichten auseinander."
Obwohl es einige bekannte Fachzeitschriften und nationale Konferenzen für Gerichtsmediziner und Forensiker gibt, fehlen einheitliche Standards. In New York und New Jersey sind es ausgebildete Ärzte, die die Todesursache bestimmen. In anderen Staaten wie Pennsylvania bestimmen die Wähler die Rechtsmediziner, von denen viele keine medizinische Ausbildung haben. Sie müssen sich zwar kontinuierlich weiterbilden, aber die Anforderungen sind niedrig. In einigen Staaten ist ein Mindestalter von 18 Jahren die einzige Voraussetzung.
Aus diesem Grund unterscheiden sich die Urteile erheblich. In New York wurde der Tod eines Mannes, der bei der Reparatur seines von Sandy beschädigten Daches hinunterstürzte, nicht als Sturmopfer gezählt. „Jeder Fall wird individuell entschieden", sagt Ellen Borakove, Sprecherin des rechtsmedizinischen Instituts. Er hätte diesen Todesfall dem Sturm zugeschrieben, sagt der Rechtsmediziner Baden. „Es ist ein Domino-Effekt. Wenn Sandy nicht gewesen wäre, hätte er nicht auf dem Dach gestanden."
Bis alle Fälle im Zusammenhang mit Sandy geklärt sind, wird es wohl noch dauern. So haben die Behörden immer noch nicht über alle Entschädigungsforderungen von Einsatzkräften, die nach den Terroranschlägen des 11. September auf dem Gelände des zerstörten World Trade Centers gearbeitet hatten, entschieden – und das nach elf Jahren.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de



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