• The Wall Street Journal

Die biedere Macht der Grünen

Jung, urban, gebildet – so umschreiben Demoskopen gern die Wähler der Grünen. Für die Ökopartei ist das ein Pfund im Wettbewerb mit den Volksparteien CDU/CSU und SPD. Denn mit einem Durchschnittsalter von etwas über 40 Jahren und überwiegend gut situierten Akademikern hat die Ökopartei die am heißesten umworbenen Wähler an sich gebunden.

„Die Grünen sind in der Mitte angekommen", sagt der Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli von der Universität Koblenz-Landau. Er spricht von einer „Konventionalisierung des Unkonventionellen". Will sagen: Die Grünen des Jahres 2012 stehen nicht mehr für Wollpullis, Rauschebärte und selbst gebastelte Anti-Atom-Schilder. Im Gegenteil: Vor allem die Wahl in Baden-Württemberg habe gezeigt, dass das „wertkonservativ behäbige Bürgertum" sein Kreuz bei den Grünen gemacht habe. Der seit Mai 2011 baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann steht symbolisch für diese Entwicklung. Mit seinem seriösen Auftreten stellt er innerhalb der Grünen den Gegenpol zur eher schrillen Parteichefin Claudia Roth dar.

dapd

Das Spitzenduo der Grünen für die Bundestagswahl 2013: Karin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin.

„Ein Schuss Biederkeit ist immer dabei", bringt es Sarcinelli auf den Punkt. Das Spitzenteam der Partei für die Bundestagswahl 2013 trägt dieser Entwicklung Rechnung. Mit der grauen Eminenz Jürgen Trittin und der evangelischen Theologin Katrin Göring-Eckardt haben die Grünen ihr sozio-strukturelles Spektrum erweitert, sind endgültig aus der Bürgerschreck-Ecke herausgerückt.

Thematisch haben sich die Grünen durch ihre Doppelspitze breiter aufgestellt als beispielsweise die SPD, was beim Wähler gut ankommen dürfte. Der linke Pragmatiker Trittin hier, Göring-Eckardt, die ostdeutsche Reformerin, die aufgrund ihrer kirchlichen Herkunft vor allem die Sozialthemen abdeckt, dort. Beide polarisieren weniger als ihre prominenten Mitbewerber, Fraktionschefin Renate Künast und Parteivorsitzende Roth.

Das Spitzenduo selbst hat in den vergangenen Jahren eine Wandlung durchgemacht. Trittin bewegte sich vom linken Flügelkämpfer hin zur politischen Mitte. Er steht heute für die neue grüne Seriosität und hat sich finanzpolitisch einen Namen gemacht. Trittin ist es auch maßgeblich zu verdanken, dass die Grünen in der Euro-Krise inhaltlich vertreten sind. Ihm werden Ambitionen für das Finanzministerium in einer rot-grünen Bundesregierung nachgesagt.

Spekulationen über neue Berliner Pizza-Connection

Göring-Eckardt, von Trittin nach der Urwahl als Mutter Teresa bezeichnet, war während der rot-grünen Koalition Fraktionschefin und organisierte Mehrheiten für die umstrittenen Hartz-IV-Reformen, die sie für alternativlos hielt. Heute ist ihre Meinung dazu differenzierter. Sie meldet sich vor allem zu Themen für eine bessere Gesellschaft zu Wort.

Die neue Biederkeit eröffnet den Grünen auch politisch neue Optionen. Die Urwahl des Spitzenduos hat schwarz-grüne Gedankenspiele neu beflügelt. Plötzlich ist für einige Polit-Strategen ein Bündnis aus CDU/CSU und Grünen auf Bundesebene in erreichbare Nähe gerückt.

Noch winken die Parteizentralen ab. Von einer Neuauflage der legendären Bonner Pizza-Connection will vorerst niemand etwas wissen. Mitte der 90er Jahre trafen sich im Restaurant Sassella junge Abgeordnete von CDU und Grünen, um gemeinsame Machtoptionen auszuloten.

Trittin und Göring-Eckardt wollen sich auf solche Bündnisdiskussionen nicht einlassen – vorerst nicht. Auffällig ist aber, dass ihre Dementis weniger lautstark sind als beispielsweise die von Künast und Roth.

Keine Koalitionsaussage in Richtung SPD

Klar ist, dass die Grünen im Bund mehr mitmischen wollen. Ihr Auftreten ist zunehmend machtbewusst, eine Koalitionsaussage in Richtung SPD gibt es nicht. Schon jetzt wird deutlich, dass das etablierte Machtgefüge in der Berliner Politik gehörig durcheinander gerät. Göring-Eckardt jedenfalls gilt für Schwarz-Grün seit jeher als Hoffnungsträgerin.

Auf kommunaler Ebene etwa in Frankfurt am Main und in einigen Ruhrgebietsstädten ist Schwarz-Grün bereits Wirklichkeit. Ob dies eine Option für den Bund ist, bezweifeln Politik-Experten noch. Kurzfristig sei das nicht erkennbar, sagt Sarcinelli. Vielmehr diskutiere die Union, wie sie sich moderner aufstellt und sich urbanen Wählern öffnet. Das deutet eher auf einen intensiveren Wettkampf um grüne Großstadtwähler als auf eine Annäherung zwischen den beiden Parteien hin.

Andererseits verweist Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen darauf, dass es bei der Bundestagswahl 2009 eine „sehr hohe Lagerorientierung" gegeben habe. Das heißt, dass vergleichsweise wenig Wähler vom konservativen Lager zu den Grünen wechseln oder umgekehrt. Die Wählerwanderung finde vor allem zwischen SPD, Grünen und den Linken statt, sagt Jung.

Je stärker diese Bewegung bei der Wahl 2013 in Richtung der Grünen geht, desto interessanter werden sie als Koalitionspartner – auch für die CDU.

Kontakt zum Autor: susann.kreutzmann@dowjones.com

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