• The Wall Street Journal

Israel tötet Hamas-Führer - Naher Osten vor der Zerreißprobe

Reuters

Rauchsäulen standen in der Nacht zum Donnerstag über dem Gazastreifen, nachdem Israels Militär nach eigenen Angaben mehrere Luftangriffe gegen militante Palästinenser gestartet hatte.

GAZA-STADT--Israel hat den Gazastreifen am Mittwoch vom Boden und aus der Luft bombardiert und bei einem von rund 20 Luftangriffen den Obersten Militärführer der Palästinenserorganisation Hamas, Ahmed Dschabari, getötet. Bei den schwersten Angriffen auf den Gazastreifen seit vier Jahren kamen mindestens sieben weitere Menschen ums Leben.

Mit dem Beschuss reagierte Israel auf die anhaltenden Raketenangriffe auf israelisches Gebiet. Militante Palästinenser feuerten daraufhin am Mittwoch Dutzende von Raketen in nahegelegene israelische Ortschaften. Der wieder aufgeflammte Konflikt zwischen Israel und Palästina gerät nun zur Zerreißprobe für den Nahen Osten, in dem sich das Kräfteverhältnis seit dem Arabischen Frühling vor knapp zwei Jahren stark verändert hat: In Ägypten hat eine islamistische Regierung die Macht inne; in Syrien, an der Ostgrenze Israels, tobt ein blutiger Bürgerkrieg.

Ägypten macht politisch und diplomatisch Druck

Nun stellt sich die Frage, wie die neu gewählte ägyptische Regierung mit der Gewalt zwischen Israel und der Hamas umgehen wird. Fraglich ist auch, wie sich der offene Bruch der Hamas mit dem syrischen Regime - einem langjährigen Verbündeten - auf die politische Lage auswirken wird.

Die von Islamisten geführte ägyptische Regierung, die Gazas Südgrenze kontrolliert und ideologisch enge Bande zur Hamas pflegt, verurteilte die Attacke auf Ahmed Dschabari und warf Israel vor, die Region zu destabilisieren. Ägyptens Regierung zog erstmals seit mehr als zehn Jahren aus Protest gegen den Angriff ihren Botschafter aus Israel ab. Sie drohte zudem damit, den Antrag der Palästinensischen Autonomiebehörde bei den Vereinten Nationen zu boykottieren, mit dem Palästina auf die Anerkennung als internationaler Staat hofft.

dapd

Schaulustige betrachten das ausgebrannte Autowrack, in dem der Hamas-Anführer Ahmed Dschabari bei einem gezielten Anschlag Israels getötet wurde. Das israelische Militär kündigte weitere Attacken an.

Der Schritt der regierenden Muslimbrüder zeigt, dass der neue ägyptische Präsident Mohammed Mursi unter größerem Druck steht, eine härtere Gangart gegenüber Israel einzuschlagen als sein Vorgänger Husni Mubarak. Die Muslimbruderschaft forderte Mursi offen auf, den Friedensvertrag mit Israel „zu prüfen".

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beraumte am späten Mittwochabend einen Krisengipfel an. Die Arabische Liga will nach eigenen Angaben am Samstag ein Blitz-Treffen abhalten.

Der tödliche Luftangriff auf einen Hamas-Anführer markiert für Israel nur den Auftakt einer neuen Offensive gegen Extremisten im Gazastreifen. Die Attacke vom Mittwoch sei der „Beginn einer größeren Operation", sagte die Sprecherin der israelischen Streitkräfte, Avital Leibovitch. Der Generalstabschef habe wegen der anhaltenden Raketenangriffe aus dem Gazastreifen Einsätze gegen Terrorziele autorisiert.

Seit Samstag feuerten Islamisten über 100 Raketen

Dschabari habe „Blut an seinen Händen gehabt", fuhr sie fort. Mindestens 20 weitere Ziele seien angegriffen worden, darunter Lager und Startrampen für Raketen. Nach Angaben der Hamas wurden auch zwei Trainingscamps der Islamisten getroffen. Die Hamas kündigte Vergeltung an.

Israels Militär hat es weiter auf militante Flügel der Hamas und weitere Terrorgruppen abgesehen, die für den erheblich zugenommenen Raketenbeschuss israelischer Ortschaften aus dem Gazastreifen verantwortlich sind. Allein seit Samstag beschossen Islamisten israelisches Gebiet mit über 100 Raketen und Granaten. Ihre Raketen sind inzwischen so modern und weitreichend, dass sie eine Millionen Menschen bedrohen.

dapd

Ägypter rufen Parolen gegen das Attentat der Israelis. Die Regierung in Kairo hat ihren Botschafter aus Israel abgezogen.

Wie die israelischen Streitkräfte per Twitter mitteilten, könnten die Angriffe noch ausgeweitet werden. „Alle Optionen liegen auf dem Tisch." Das Militär sei „dazu bereit, notfalls eine Bodenoffensive in Gaza zu beginnen." Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu traf sich am Mittwochabend mit seinem Sicherheitskabinett. Er muss sich am 22. Januar der Wiederwahl stellen.

Die Hamas bestätigte den Tod ihres Militärführers Ahmed Dschabari. Der Luftangriff habe ihn in seinem Auto getroffen, mit dem er in Gaza unterwegs gewesen sei, hieß es. Eine weitere Person soll bei dem Angriff getötet worden sein. Der Hamas-Vertreter Chalil al-Haja drohte Israel: „Der Kampf zwischen uns und den Besatzern ist eröffnet und er wird nur mit der Befreiung von Palästina und Jerusalem enden."

In der Vergangenheit kam es nach Raketenangriffen aus dem Gazastreifen immer wieder zu israelischen Vergeltungsschlägen. Dschabari alias Abu Mohammed ist der ranghöchste Hamas-Funktionär, den Israel seit seiner Invasion des Gazastreifens vor vier Jahren gezielt getötet hat. Sein Name stand weit oben auf der Liste der Sicherheitsbehörden in Israel, die ihm eine ganze Reihe von Anschlägen vorwerfen. Er soll auch an der Entführung des Soldaten Gilad Schalit im Jahr 2006 beteiligt gewesen sein, der erst im Oktober 2011 wieder frei kam.

Der Hamas-Führer hatte zuvor vier Anschläge überlebt

Dschabari hatte zuvor vier Anschläge überlebt. Im Jahr 1960 geboren, gehörte er ursprünglich zur moderaten Fatah, der Partei des heutigen palästinensischen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas. Nach 13 Jahren Haft in israelischen Gefängnissen schloss sich Dschabari jedoch der Hamas an und stieg dort 2006 zum Anführer des militärischen Arms auf. Als solcher befehligte er den blutigen Bürgerkrieg gegen die Fatah-Kräfte im Gazastreifen im Jahr 2007.

Zudem baute er das Militärarsenal und die Netzwerke der Hamas im Iran, Sudan und Libanon aus. Dschabari soll nach Angaben der israelischen Streitkräfte mittels „präziser Geheimdiensterkenntnisse" identifiziert worden sein, die monatelang gesammelt wurden.

Hochrangige israelische Politiker und Militärangehörige sind offensichtlich bereit, ihre Politik der national wie international umstrittenen gezielten Tötungen wiederaufzunehmen. Nach Einschätzung der Befürworter sind diese ein effektives Mittel zur Abschreckung - ohne die Nachteile von Bodeneinsätzen wie etwa Verluste unter den eigenen Truppen. Zudem könne die Tötung von Vordenkern und Führern künftige Anschläge verhindern.

Kritiker argumentieren hingegen, dass gezielte Tötungen Racheakte provozieren und Anschläge auf die israelische Führung nach sich ziehen könnten. Vor allem seien die Attacken als außergerichtliche Tötungen zu sehen.

Als Reaktion auf eine Serie von Selbstmordanschlägen hatte Israel bereits vor zehn Jahren diese Taktik genutzt, um die Hamas-Führungsspitze auszulöschen.

—Mitarbeit: Matt Bradley und dapd

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Diese Villa ist die teuerste Immobilie der USA

    20 Hektar Fläche, dazu ein kilometerlanger eigener Strand und zwei Inseln obendrauf: Dieses opulente Anwesen in Connecticut ist die derzeit teuerste Immobilie in den USA, die zum Verkauf steht. Und das hat seine Gründe.

  • [image]

    Das sind die beliebtesten Länder der Welt

    Deutschland ist nach einer Umfrage des britischen Senders BBC das beliebteste Land der Welt. Allerdings geht es nicht darum, wo es sich am besten leben lässt, sondern welche Nation den besten Einfluss hat.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 23. Mai

    Haben Sie das Wetter gerade satt? Menschen weltweit geht es genauso: In England hagelt es, in Nepal und Norwegen gießt es in Strömen, in den USA stürmt und blitzt es und in Indien schwitzen sogar die Gänse. Schauen Sie nach in unseren Fotos des Tages!

  • [image]

    Tornados hinterlassen einen Pfad der Zerstörung

    Mit enormer Wucht haben Tornados in der Nacht zu Dienstag Städte und Dörfer im US-Bundesstaat Oklahoma getroffen, darunter auch eine Grundschule. Jetzt beginnen die Aufräumarbeiten. Dabei wird das enorme Ausmaß der Naturkatastrophe deutlich.

  • [image]

    Im Luxusreich der Teenager

    Damit sich ihre Kinder gern zu Hause aufhalten, lassen wohlhabende Eltern für sie luxuriöse Wohnbereiche mit Karaokeanlagen, Billardtischen und riesigen Computern gestalten. Einige treiben es dabei auf die Spitze.