• The Wall Street Journal

Kohlestrom erlebt eine paradoxe Renaissance

FRANKFURT - Die Entscheidung der Bundesregierung zum beschleunigten Atomausstieg im vergangenen Jahr hat die großen deutschen Energieversorger komplett auf dem falschen Fuß erwischt. Wie stark lässt sich gut an ihren Aktienkursen ablesen, denn die Profite von RWE und Eon haben mächtig gelitten.

Verstärkt setzen die Versorger wieder fossile Brennstoffe ein, um die Atomkraft zu ersetzen. Deutschland wirft das bei seinen Bemühungen zurück, den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids zu senken. Mehr noch: Die Energiewende führt gar zu einem ungewollten Comeback von Braun- und Steinkohle. Die Versorger greifen bei der Stromerzeugung nämlich verstärkt auf billige Kohle zurück, das umweltschonendere Gas ist teurer und schmälert die Gewinne.

Zwei Faktoren verschärfen aus Sicht der Versorger die Situation. Das ist zum einen die Eurokrise, die die Stromnachfrage hat sinken lassen. Zum anderen spielt die rapide Ausweitung der Stromerzeugung mit Erneuerbaren Energien eine Rolle. Deren Förderung, schon beschlossen von der rot-grünen Bundesregierung, trägt jetzt richtig Früchte. Beide Faktoren führen derzeit zu einem Überangebot an Strom.

dapd

RWE erzeugt mehr als 60 Prozent seines Stroms mit Kohle. Im Bild das Braunkohlekraftwerk Neurath bei Grevenbroich im Rheinland.

Weil der „grüne" Strom Vorrang hat im deutschen Energienetz, dürfen die Gas- und Kohlekraftwerke der großen Versorger nur dann ihren Strom einspeisen, wenn Sonne und Wind den Bedarf nicht decken können. Schon mehr als ein Fünftel seines Strombedarfs erzeugt Deutschland mit Erneuerbaren Energien. Deshalb hängen die konventionellen Kraftwerke weniger am Netz. Besonders bei den modernen Gaskraftwerken kommt das die Versorger teuer.

Gerade für Eon ist das ein Riesenproblem und ein Grund dafür, dass der Konzern im dritten Quartal einen Verlust melden musste und seinen mittelfristigen Ausblick einkassierte. Deutlich zeigt sich das Dilemma des Konzerns am Kraftwerk Irsching 5, einem modernen Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk mit einem Wirkungsgrad von fast 60 Prozent. Seit Jahresbeginn ist es weniger als 1.600 Stunden gelaufen, sagte Eon-Chef Johannes Teyssen bei Vorlage der Quartalszahlen. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es rund 4.000 Stunden. Die Marge deckt hier nicht einmal mehr die Kapitalkosten.

RWE steht derzeit zumindest im Erzeugungsgeschäft besser da als Eon, denn der Versorger aus Essen betreibt viele Kohlekraftwerke. Und der Preis für Kohle ist den letzten Monaten rapide gefallen. Auch Eon setzt zunehmend auf die Kohleverfeuerung. Für 26 Prozent der Stromerzeugung stand der feste Brennstoff in den ersten neun Monaten. Bei 22 Prozent lag die Quote vor einem Jahr.

Ein weiterer Umstand macht Kohle für die Versorger attraktiv. Das ist der Markt für CO2-Emissionszertifikate. Der funktioniert zwar grundsätzlich, setzt aber aus Sicht der EU-Klimapolitik falsche Anreize. Eine Tonne CO2 auszustoßen, ist wegen der niedrigen Nachfrage bei gleichzeitiger Überversorgung des Marktes mit Zertifikaten nämlich derzeit so billig wie noch nie.

Der EU-Kommission ist allerdings bewusst, dass der Handel mit Verschmutzungsrechten nicht so läuft wie gewünscht und will deshalb die Auktion von 900 Millionen Emissionszertifikaten um einige Jahre zu verschieben, damit die Preise wieder steigen, wie sie zu Wochenbeginn erklärte. Erwogen wird inzwischen, die CO2-Zertifikate am Markt dauerhaft zu vermindern, sagte Klimaschutzkommissarin Connie Hedegaard am Mittwoch in Brüssel.

Bis es soweit ist, ist RWE mit seiner Konzentration auf Kohle fein raus. Während Eon zuletzt unter einem Drittel seiner Energie mit Stein- und Braunkohle erzeugt hat, setzt RWE ungleich stärker auf die Kohle. Sie machte im Zeitraum von Januar bis September mehr als 60 Prozent des Energieeinsatzes aus - Tendenz steigend.

—Mitarbeit: Claudia Wiese

Kontakt zum Autor: jan.hromadko@dowjones.com

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