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Südafrika bekommt sein eigenes Heldenepos

GREYTON – Die „Ilias" ist bereits in Dutzende Sprachen übersetzt worden. Es gibt allein 70 englische Versionen, die in den vergangenen vier Jahrhunderten von Forschern, Dichtern und sogar einem britischen Premierminister übersetzt wurden. Doch nur eine davon enthält das Wort „Braai". So nennt man in Südafrika eine Grillparty, in der übrigen Welt auch bekannt als „Barbecue".

Die neue Übersetzung ist das Werk von Richard Whitaker, einem pensionierten Altphilologen. Er glaubt, der südafrikanische Slang könne etwas Neues zu Homers 3000 Jahre alter Geschichte von Mut und Rache beitragen. Zehn Jahre lang begab er sich auf eine Odyssee, um den altgriechischen Text in südafrikanisches Englisch zu übersetzen – ein Dialekt, der aus dem britischen Englisch der Kolonialzeit und einem halben Dutzend afrikanischer Sprachen entstanden ist. „Südafrikanisches Englisch hat heute ein ganz eigenes Vokabular", sagt der 61-jährige Professor Emeritus. „Das verdient Anerkennung."

Giovanna Dell

An der Ausgrabungsstätte des antiken Troja steht dieses trojanische Pferd. Richard Whitaker hat das Epos um Paris, Helena, Achilles und Odysseus in südafrikanischem Dialekt übersetzt.

Einige sind da anderer Meinung. Vier südafrikanische Universitätsverlage wollten seine Version der „Ilias" nicht abdrucken. Auch die früheren literarischen Versuche des Professors sind missglückt: In seiner Freizeit hat er drei Romane geschrieben.

In einem stellt er sich vor, der irische Autor James Joyce wäre 1908 nach Südafrika ausgewandert und hätte ein Kino eröffnet. Ein zweites Buch beschreibt einen Don-Quijote-artigen Träumer in der Zeit der ersten freien Wahlen in Südafrika im Jahr 1994. Ein drittes beschreibt einen Professor, der in einer kleinen Stadt lebt. Keines davon ist bisher veröffentlicht worden. „Ich glaube nicht, dass ich ein besonders guter Romanautor bin", gesteht er ein.

Doch für die südafrikanische „Ilias" hat er wieder Hoffnung. Für 3.500 US-Dollar hat er 300 Exemplare von seiner Übersetzung drucken lassen. 90 hat er bisher verkauft, für je etwa 23,50 Dollar. Am wichtigsten sei ihm, dass seine „Ilias" von Akademikern ernst genommen und von durchschnittlichen Südafrikanern gelesen werde. Darin zumindest hat er schon Fortschritte gemacht.

Die Rhodes University nahe der Küste des Indischen Ozeans wird neuen Studenten nächstes Jahr das 528 Seiten starke Werk zur Lektüre aufgeben. Die Universität von KwaZulu-Natal in Durban wird die Studenten Auszüge lesen lassen. In Whitakers langjähriger Heimatstadt, an der Universität von Kapstadt, soll sein Buch ebenfalls Pflichtlektüre für Studenten werden, die sich mit der Ilias befassen

„Es wird wahrscheinlich viel Desinteresse geben", sagt Roman Roth, ein Altphilologe an der Universität. „Aber ich glaube, es wird auch viele positive Reaktionen geben."

Nationalhymne in fünf Sprachen

Das Buch ist eine Hommage an eine Form des Englisch, das in Südafrika aus britischem Englisch, Zulu, Afrikaans und anderen Sprachen während der vergangenen Jahrhunderte entstanden ist, seit die Kolonialmächte am Kap der Guten Hoffnung anlegten.

Patrick McGroarty / The Wall Street Journal

Der pensionierte Professor Richard Whitaker hat die Ilias in südafrikanisches Englisch übersetzt.

Schon Afrikaans ist eine Mischsprache aus dem Niederländisch des 17. Jahrhunderts, mit Entlehnungen aus den portugiesischen, malaiischen und afrikanischen Sprachen. Afrikaans war die Lingua Franca der weißen Minderheitenregierung während der Apartheid, als eine rassistische Regierung die schwarze Bevölkerung des Landes unterdrückt.

Der Eifer der Regierung, alles nach Rassen zu trennen, erstreckte sich auch auf die Sprachen. Um deren Reinheit zu bewahren, gab es separate Nachrichtensender auf Englisch, Afrikaans und in anderen afrikanischen Sprachen. Selbst importierte amerikanische Fernsehsendungen wurden in verschiedenen Sprachen synchronisiert. Seit dem Ende der Apartheid sind all diese Sprachen ineinander übergegangen.

Das beste Beispiel ist die Nationalhymne von Südafrika. Der Text beinhaltet Zeilen auf Xhosa, Zulu, Sesotho, Afrikaans und Englisch. Außerdem gibt es heute Fernsehsendungen wie „Isidingo", eine Soap über eine Goldmine und ambitionierte Geschäftsmänner in Johannesburg. Die Personen darin wechseln problemlos zwischen Englisch und den zehn anderen offiziellen Sprachen von Südafrika hin und her. Unter allem laufen englische Untertitel.

„Wenn ein Schauspieler etwas auf Sesotho zu mir sagt, habe ich die meiste Zeit keine Ahnung, was er sagt", sagt Linda Sokhulu, die Englisch und Zulu spricht und in der Sendung eine vielsprachige Bergbauingenieurin spielt.

Nächstes Projekt schon in Planung

Selbst einfache Wörter bedeuten auf Englisch und Südafrikanisch manchmal unterschiedliche Dinge. „Robots" sind auf Südafrikanisch Ampeln, „geysers" sind Wasserboiler. „Just now" heißt später, „now now" heißt jetzt direkt.

„Meine Studenten wundern sich immer, wenn ich ihnen sage, dass diese Wörter in England in keinem Wörterbuch stehen", sagt Rajend Mesthrie, ein Linguistikprofessor an der Universität von Kapstadt.

Einige afrikanische Studenten sind immer noch verlegen, wenn sie so schreiben sollen, wie sie reden. „Ich will keine einheimischen Ausdrücke verwenden", sagt Rolf Rhodes, ein 24-jähriger Altphilologiestudent in Kapstadt, der Romanautor werden will. „Ich weiß nicht, ob das irgendwen außerhalb von Südafrika interessieren würde. Ich will für ein größeres Publikum schreiben."

Whitaker lässt sich nicht davon aufhalten, dass die Leserschaft seiner Übersetzung womöglich begrenzt ist. Als nächstes will er sich an die „Odyssee" machen und diese hoffentlich in weniger als zehn Jahren übersetzen. So lange hat Odysseus gebraucht, um von Troja wieder heimzukehren. „Es sollte etwas Zeit sparen, dass ich die homerische Welt schon einmal mit südafrikanischem Vokabular durchreist habe", sagt er.

Er verkauft „Die Ilias von Homer: Eine südafrikanische Übersetzung" auf einer Internetseite, bei Lesungen und kürzlich auch bei einem Kurs für Erwachsenenbildung an seiner Alma Mater während der südafrikanischen Sommerferien.

Whitaker hofft, dass die Odyssee in seiner Übersetzung bei Südafrikanern besser ankommt als das Original oder andere englische Übersetzungen.

In seiner Version verlassen die Griechen ihre „Kraals" (Afrikaans für Heim, aus dem Portugiesischen) und ziehen nach Troja, wo ihr Held Achilles die vielen „Impis" (Zulu für Regiment) mit seinem „Assegai" (ein traditioneller Speer) dezimiert, bevor er den trojanischen Helden Hektor besiegt. Nach dem Kampf gibt es für die Griechen dann ein „Braai".

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