Von ELIZABETH BERNSTEIN
Tamara Wilson flirtet gerne. Der Chancengleichheit wegen. Sie schäkert spielfreudig und mit Vorsatz mit ihrem Metzger (der ihre Messer kostenlos schleift), mit Sicherheitspersonal am Flughafen (einmal ließ man sie in ein Flugzeug, obwohl sie ihren Ausweis zuhause vergessen hatte) und der UPS-Lieferantin herum (die Pakete nun auf der Veranda liegen lässt).
„Ich habe meine großen blauen Augen und mein Lächeln dafür benutzt, all das zu bekommen, was ich mir immer gewünscht habe", sagt Wilson. Die 52-Jährige ist Inhaberin einer Marketingfirma aus Seattle. „Flirten öffnet Türen."
Doch Flirten kann auch Probleme verursachen. So wurde Wilson zum Beispiel nicht mehr zur exklusiven Geburtstagsfeier eines Kollegen eingeladen, nachdem sie sich zuvor mit einem verheirateten männlichen Gast einen feurigen Schlagabtausch geliefert hatte. Außerdem sei es denkbar, dass ihr Kunden abgesprungen sind, weil sie ihre „verbalen Volleybälle" falsch verstanden hätten.
Aber ist Flirten trotzdem in Ordnung? Viele von uns flirten hin und wieder mit Freunden, Mitarbeitern und zufälligen Begegnungen. Wenn man sich jedoch in einer Beziehung befindet, dann ist Flirten etwas problematischer. Was dann noch als akzeptables Flirten bezeichnet werden kann, hängt unter anderem davon ab, wie bedeutend es für einen selbst ist und was der Partner darüber denkt. (Ein Tipp: Wenn Sie es heimlich tun, dann riskieren sie mächtige Probleme).
Doch woran erkennt man, dass eine Person flirtet? Vielleicht ist sie auch einfach nur freundlich? Kurz gesagt: Es ist nicht einfach. Diese Unsicherheit ist jedoch genau das, was Flirten so aufregend und spannend macht.
Experten bezeichnen Flirten als zweideutiges aber zielgerichtetes Verhalten mit potenziellen sexuellen oder romantischen Untertönen. In anderen Worten: Wir flirten mit einem Hintergedanken. Doch weil wir uns in unbekanntes Terrain vorwagen, zeigen wir nicht deutlich, was der genaue Zweck unseres Handelns ist.
Flirten kann auch digital erfolgen
Die meisten von uns erkennen Flirten jedoch, wenn sie es sehen. Es kann verbal sein, wenn zum Beispiel jemand Komplimente macht oder den Gegenüber neckt. Es kann aber auch ein Lächeln sein, ein ständiger Blickkontakt, ein Berühren der Haare oder des Arms. Und – natürlich – es kann auch eine E-Mail oder eine Textnachricht sein, mit vielen bunten Smileys.
Wir können uns bei der Evolution für all das bedanken. Und bei all den billigen Onlinern. („Fährst du in meine Richtung", fragte mich kürzlich ein gut aussehender Mann im Anzug, als ich in Miami in mein Cabrio stieg.)
Forschungen zeigen, dass Menschen aus sechs Gründen miteinander flirten. Manche suchen natürlich einen Partner, klar. Doch wir flirten auch, weil es uns Spaß macht. Und diese Form des Flirtens „ist ein bisschen wie Racquetball", sagt Dave Henningsen, Kommunikationsprofessor an der Northern Illinois University. In Untersuchungen und beim Durchforsten einschlägiger Literatur konnte Henningsen sechs Ziele identifizieren. „Es macht Spaß. Und wir tun es gemeinsam, um Beziehungen aufzubauen."
Manchmal wollen wir erforschen, wie eine romantische Beziehung zu einer anderen Person aussehen würde. Oder wir wollen die Intimität einer Beziehung vertiefen, in der wir uns bereits befinden. Wir wollen das Selbstwertgefühl steigern – sei es das eigene, oder das einer anderen Person. Und einige von uns flirten, um das zu bekommen, was sie wollen. Eine dunkle Kunst, die Henningsen als „instrumentalisiertes Flirten" bezeichnet. (Ich „bewunderte" einmal vor einem Flug die Uhr eines Piloten am Gate und freute mich anschließend über ein Upgrade in einen viel besseren Sitz.)
Mit dem Partner zu flirten, kann in einer Beziehung sehr gesund sein, sagt Brandi Frisby, Kommunikationsprofessorin an der University of Kentucky. Ihre Forschungen ergaben, dass Menschen in einer Beziehung miteinander flirten, um Konflikte zu vermeiden. Sie kommunizieren, als ob sie sich in ihrer eigenen Welt befinden würden. Außerdem fand Frisby heraus, dass Partner, die miteinander flirten, glücklicher mit- und verbundener zueinander sind.
Wer sich jedoch nicht in einer Beziehung befindet, der kann Signale schon einmal falsch verstehen. In einer Metaanalyse von 15 Studien fand Henningsen 2009 heraus, dass Männer das Flirtverhalten von Frauen oft überbewerten und mehr sexuellen Hintergrund hineinlesen, als eigentlich vorhanden.
Unterschiedliches Rezeptionsverhalten
Frisby hat sich die Unterschiede beim Flirtverhalten von Männern und Frauen genau angeschaut. Sie fand heraus, dass Männer Frauen attraktiver finden, wenn diese sexuell-suggestiv vorgehen. Doch wenn Männer ein ähnliches Verhalten an den Tag legen, werden sie in der Regel als aufdringlich und unattraktiv empfunden.
Vielleicht lag es daran, dass bei David Bakke alles schief lief. Bakke ist 46 Jahre alt, Single und arbeitet als Redakteur bei einer Finanzwebseite. Er sprach vor kurzem eine attraktive Apothekerin auf ihren fehlenden Ehering an. „Sie sagte, das gehe mich erstens nichts an. Zweitens sei sie nur da, um mein Rezept auszufüllen. Und drittens seien meine Flirtversuche hochgradig unprofessionell", berichtet er.
Und so lernte Bakke eine wertvolle Lektion. „Als Mann muss man sehr vorsichtig sein, wie sehr man mit jemandem flirtet", sagt er. „Wenn man sich übernimmt, dann kann man auch eine günstige Gelegenheit zunichtemachen."
Bonnie Russell ist Presseagentin für Anwälte. Sie lebt im kalifornischen Del Mar. Während ihrer Zeit an der High School im texanischen Waco habe sie gelernt, „gewaltig, Texas-style" zu flirten. Heute scherzt sie spielerisch mit Männern, Frauen, Kindern, Pärchen in der Kinoschlange und dem Polizisten, der ihr ein Ticket verpassen will (es hat nichts geholfen).
Manchmal kann es auch schiefgehen
Russell gibt zu, dass es hin und wieder auch schiefgegangen ist. Einmal wurde sie lautstark von einem Leutnant der Air Force zurechtgewiesen, weil sie einen „Offizier nicht respektiert" habe. Sie hatte nicht erkannt, dass der Gegenüber nicht zurückgeflirtet hatte. Und auf einer Party wurde sie von einer Frau frostig darüber informiert, dass sie mit ihrem Ehemann flirten würde. Russell versuchte die Situation zu retten und antwortete mit einem gutgemeinten Lächeln: „Sie haben aber einen guten Geschmack."
Doch natürlich hatte Russell auch Erfolg. Einmal schrieb sie eine „Fan-E-Mail" an einen Anwalt, der sich im Fernsehen mehrfach zu einem Fall geäußert hatte, der sich über Monate hinzog. Russell sagte ihm, sie würde seine Leidenschaft, seinen Respekt für die Opfer und seinen direkten Umgang mit den Medien bewundern – und fügte dann hinzu, dass er auch recht attraktiv sei.
Erst als der Mann zurückschrieb, um zu fragen, wer sie denn sei, ließ sie die Katze aus dem Sack. Sie schrieb, sie sei eine Presseagentin für Anwälte: „Aber Sie brauchen mich sicherlich nicht." Er engagierte sie trotzdem.
„Manchmal hat man Erfolg, manchmal nicht", sagt Russell. „Aber flirten ist ein schneller und günstiger Weg, besser durch den Tag zu kommen."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de









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