• The Wall Street Journal

Microsoft legt sein Windows-Glück in Frauenhand

Nach dem Personalumbau bei Microsoft liegt die Leitung der Windows-Abteilung nun in den Händen von zwei Frauen. Die eine war zuvor als Entwicklerin am Design zahlreicher Microsoft-Produkte beteiligt. Die andere hat viele Erfahrungen im Finanzbereich gesammelt. Ihre Computerkarriere begann sie als Empfangsdame.

Tami Reller, Finanzchefin und Leiterin des Windows-Marketings, soll die Geschäfte in der Windows-Abteilung leiten. Microsoft-Veteranin Julie Larson-Green übernimmt die Verantwortung für die technischen Aspekte. Sie soll die Hardware- und Software-Entwürfe beaufsichtigen, darunter auch den Tablet-Computer Surface. Die Softwareentwicklerin war zuvor unter anderem für das neue Design des Windows-Betriebssystems mit den großen Kacheln auf der Oberfläche verantwortlich.

The Orange County Register/Associated Press

Steven Sinofsky (links) und Julie Larson-Green bei der Präsentation einer Vorschau von Windows 8.

Das neue Führungsduo wird gut zusammenarbeiten müssen, um die Wogen nach dem überraschenden Abgang von Steven Sinofsky wieder zu glätten. Der 47-Jährige war fast 25 Jahre lang bei Microsoft beschäftigt gewesen.

Das neue Duo und der Weggang von Sinofsky sind nicht ohne Risiko. Allerdings unterstreicht der Schritt einen Wunsch von Microsoft-Chef Steve Ballmer. Wie mit den Vorgängen vertraute Personen berichten, wollte der, dass die Entwicklergruppen in seinem Haus in Zukunft besser untereinander und mit Partnern zusammenarbeiten. Windows für Computer und Smartphones, Xbox und Office-Programme: Gegenüber Investoren und Mitarbeitern hatte Ballmer mehrfach von seiner Vision erzählt, Produkte herzustellen, die untereinander besser vernetzt sind.

Sinofsky hatte zwar vor drei Wochen erst den Verkaufsstart von Windows 8 feiern können. Und er war auch gut darin, die Produktentwicklung zu überwachen. Doch galt er weithin als polarisierende Persönlichkeit, dem Zusammenarbeit nicht schmeckte. Wie aus informierten Kreisen verlautet, soll Sinofsky nach dem Start von Windows 8 darüber nachgedacht haben, was der nächste Schritt im Unternehmen für ihn sein könnte. Und das wäre eigentlich nur die Position des CEO gewesen. Immer mehr wurde ihm schließlich klar, dass die Wahrscheinlichkeit, Nachfolger von Steve Ballmer zu werden, eher gering war.

Wie es weiter heißt, sollen die anfängliche Kritik an Windows 8 keine Rolle beim Abgang von Sinofsky gespielt haben. Eine der informierten Personen sagte außerdem, Microsoft-Gründer Bill Gates, Aufsichtsratsvorsitzender und Großaktionär, habe keine große Rolle bei der Entscheidung gespielt. Allerdings gilt er als Unterstützer von Steve Ballmer.

In einer E-Mail an Microsoft-Angestellte, die am Montagabend verschickt wurde, schrieb Sinofsky, der Schritt, das Unternehmen zu verlassen, sei „eine persönliche und private Entscheidung gewesen, die nichts mit den Theorien und Spekulationen zu tun hat, die man vielleicht lesen kann. Weder über mich, noch über eine Gelegenheit, die Firma oder seine Führungsmannschaft". Versuche, Sinofsky am Dienstag zu erreichen, waren nicht erfolgreich.

Noch ist unklar, ob das neue Führungsduo langfristig an der Spitze stehen wird, oder ob der Konzern auf die Suche nach einem externen Ersatz für Sinofsky gehen wird.

Larson-Green kam 1993 zu Microsoft

Die 48-jährige Julie Larson-Green kam 1993 zu Microsoft. Einen Ruf machte sie sich als Verantwortliche für das Aussehen und das „Feeling" von zwei Schlüsselprodukten des Unternehmens: Windows und die Office-Programme. Dabei arbeitete sie zum ersten Mal mit Sinofsky zusammen.

Wie Microsoft mit seinen Produkten Computergeschichte schrieb

dapd

microsoft

Einige der Veränderungen, die sie durchsetzte, wurden kontrovers diskutiert. Kritik gab es zum Beispiel für die mit Office 2007 vorgestellte neue Benutzeroberfläche. Mit ihr sollte die traditionell große Anzahl an Menüs für spezielle Funktionen wie Text fetten reduziert werden. Einigen eingeschworenen Office-Fans gefielen die Änderungen nicht. Larson-Green erzählte dem Magazin Newsweek 2006 in einem Interview: „Den Nutzern fehlt ein Gefühl der Macht über das Produkt. Sie wissen nicht, was es alles kann. Sie wissen nicht, wie sie die Funktionen effizient einsetzen können."

Larson-Green kam zur Windows-Gruppe, als Sinofsky bereits Leiter der Abteilung war. Sie war für das veränderte Design von Windows 7 und Windows 8 verantwortlich, das auf gemischte Kritiken stieß. Vor einigen Monaten wiederholte sie in einem Interview mit der Technikwebseite Gizmodo, womit ihr damaliger Chef das Aufpolieren einer weltweit verwendeten Microsoft-Software immer verglichen hatte: Es sei genauso schwierig, „Pizza für eine Milliarde Menschen zu bestellen".

Nokia und Microsoft stellen neue Smartphones vor

Patrick Moorhead ist Präsident der Firma Moor Insights & Strategy. Er lobt Larson-Green. Sie habe einen „absolut beeindruckenden Job" gemacht und das Vertrauen der Menschen in Windows 8 nur durch ihre öffentliche Präsenz gestärkt. Moorhead glaubt, Larson-Green sei der alleinige Kopf hinter Windows gewesen.

Analysten und Branchengrößen sind überzeugt, dass Larson-Green weg muss vom dreijährigen Rhythmus, in dem neue Windows-Versionen vorgestellt werden. Stattdessen müsse man sich auf eine schnellere Frequenz einstellen – ähnlich der Updates, die es bei Smartphone-Software gibt. Zum Vergleich: Apple stellt etwa einmal im Jahr eine große neue Version des mobilen Betriebssystems iOS vor.

Empfangsdame mit Mathematikabschluss

Tami Reller kam 2001 anlässlich der Übernahme von Great Plains Software, einer Firma für Unternehmensprogramme, zu Microsoft. Die in North Dakota geborene Reller begann in den 1980er Jahren bei Great Plains zunächst als Empfangsdame in Teilzeit und machte während dieser Zeit ihren Abschluss in Mathematik an der nahegelegenen Minnesota State University Moorhead.

Reller war bei Microsoft dafür verantwortlich, Software an Unternehmen zu verkaufen, mit der diese ihr Accounting und Controlling regeln und überwachen können – ein relativ kleiner Teil von Microsofts Geschäft. Zu Windows und ins Team von Sinofsky stieß sie 2007.

Mit der Beförderung von Reller und Larson-Green wird ein erfolgreiches Jahr für Frauen in Führungspositionen bei Technologieunternehmen gekrönt. In den zurückliegenden Monaten haben mit Meg Whitman als CEO von Hewlett-Packard, Marissa Mayer als neue Chefin von Yahoo und Sheryl Sandberg als Chief Operating Officer bei Facebook Schlüsselpositionen ihr ihren Firmen innegehabt.

Vom Walkman zum iPad: Ikonen der Elektronik

Einige Analysten waren sich am Dienstag jedoch nicht sicher, ob der Führungswechsel bei Microsoft zur richtigen Zeit kam. Schließlich versucht das Unternehmen momentan, in Bereichen Fuß zu fassen, in denen Apple und andere Firmen mit ihren Tablets und Smartphones Microsoft in der Vergangenheit immer mehr den Rang abgelaufen haben. Und da die Sorgen überwiegen und Angst herrscht, Sinofskys Abgang könne mit schlechten Verkaufszahlen des neuen Windows 8 im Zusammenhang stehen, fiel die Aktie von Microsoft am Dienstag um 3,2 Prozent auf 27,09 US-Dollar.

Unabhängig von den Entwicklungen im Windows-Bereich erklärte Microsoft am Dienstag außerdem, dass Andy Lees Chef für Konzernentwicklung und Strategie wird. Lees hatte bis zum vergangenen Jahr die Entwicklung der Smartphone-Software beaufsichtigt. Nach seiner Ablösung war er zuletzt für die Kooperation von Microsoft mit dem US-Buchhändler Barnes & Noble zuständig gewesen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Blutige Spektakel

  • [image]

    Die Krise erreicht die Stierkampf-Arena

    Die Jahrhunderte alte spanische Stierkampf-Tradition steht vor dem Aus. Regionaler Nationalismus und Tierschützer setzen ihr schon seit Jahren zu. Die Rezession droht dem blutigen Spektakel aber den Gnadenstoß zu versetzen.

  • [image]

    Otto – ein deutsches Einkaufsimperium

    Die Otto Gruppe besteht nicht nur aus dem gleichnamigen Versand. Gegründet 1946, ist Otto heute in mehr als 20 Ländern aktiv - mit 123 Konzerngesellschaften wie SportScheck, Manufactum, Mirapodo oder Hermes. Überrascht? Wir zeigen, was noch alles zum Imperium gehört.

  • [image]

    Die SPD und ihre Gesichter

    In diesem Jahr feiert die SPD ihr 150 jähriges Bestehen. In der Geschichte der Bundesrepublik und des vereinigten Deutschlands hat sie die Politik entscheidend mitgeprägt. Wir zeigen einige der wichtigsten Politiker der altehrwürdigen Partei.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 19. Mai

    In Brasilien puderten sich Läufer mit Farbstaub ein, auf Sylt rangelten Reiter bei der Strandpolo-Weltmeisterschaft und beim Filmfestival in Cannes zupften Schauspieler ihre schwarzen Fliegen zurecht. Das und mehr waren die Foto-Highlights vom Wochenende - sehen Sie selbst!

  • [image]

    Die neue S-Klasse

    Vor 62 Jahren fing alles mit dem Mercedes 220 an, dem Urahnen der heutigen S-Klasse. Daimler hat in Hamburg die zehnte Generation seiner Oberklasselimousine vorgestellt und sie soll Mercedes wieder auf den Thron der Luxusfahrzeuge bringen - unter anderem mit Parfum und Hot-Stone-Massageeffekt.

  • [image]

    Wie Weltraumbarde Chris Hadfield die Erde sieht

    150 Tage verbrachte der kanadische Astronaut Chris Hadfield auf der Internationalen Raumstation ISS. Wir zeigen wunderschöne Fotos aus dem All, die der Kanadier mit liebevollen Kommentaren getwittert hat.

  • [image]

    Argentiniens versunkene Stadt taucht wieder auf

    Eine kleine Stadt in der Nähe von Buenos Aires versank nach einem Dammbruch vor 27 Jahren im Meer. Mehr als ein Vierteljahrhundert später erblickt die argentinische Geisterstadt Epecuén wieder das Licht.

Erwähnte Unternehmen