• The Wall Street Journal

Jagd auf kriminelle Banker bringt nur wenige Erfolge

Es war ein kleiner Sieg für die amerikanische Regierung im Kampf gegen die Finanzkriminalität, als Jerry Williams im August ins Gefängnis kam. Der 52-jährige Williams leitete 20 Jahre lang die Orion Bank und ihre Vorgängerin in Naples, einer Stadt im Süden des Bundesstaats Florida. Während des Immobilienbooms in den USA stiegen die Vermögenswerte der Bank um mehr als das Doppelte. Williams flog die Manager der Bank im Firmenjet durch Florida.

dapd

Ein Polizeiwagen vor der New Yorker Börse. Seit 2008 sind in den USA fast 500 Banken zusammengebrochen. Doch auf der Suche nach Schuldigen der Finanzkrise können die Behörden kaum Erfolge vermelden.

Aber im Jahr 2009 schlugen die Aufsichtsbehörden zu. Zwei Jahre später wurde der Bankchef angeklagt. 13 Straftaten legte man ihm zur Last, unter anderem sollte er Bilanzen gefälscht haben. In diesem Jahr wurde Williams dann zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt. „Er hat sich einfach übernommen", sagt Vincent Borelli, ein Orion-Kunde und Bauunternehmer, der ein 850 Quadratmeter großes Haus für Williams errichtet hat. Das steht nun für 3,5 Millionen US-Dollar zum Verkauf.

Seit 2008 sind 463 Banken in den USA zusammengebrochen, die meisten fielen der schlechten Wirtschaftslage, faulen Krediten oder schlechtem Management zum Opfer – oder allen drei Faktoren. Die Zahl der Führungskräfte, die nun wegen in diesen Banken begangenen Straftaten im Knast sitzt, ist wesentlich geringer: Nach Angaben des Einlagensicherungsfonds FDIC sind es etwa 17. Und dabei handelt es sich nicht um bekannte Namen. Niemand von ihnen hat Finanzunternehmen wie Washington Mutual geleitet, das die Schlagzeilen während und nach dem Bankensterben dominierte.

Stattdessen kamen die meisten der Inhaftierten von kleinen Banken, die erst boomten und dann zusammenbrachen. Wie Williams wurden sie dabei erwischt, wie sie faule Kredite versteckten und die Regulierungsbehörde belogen.

Einige Politiker sind der Meinung, dass zu wenig Banker verurteilt worden sind. Sie kritisieren, dass die Strafverfolger nicht hart genug mit den Führungskräften, die die Finanzinstitute in den Ruin getrieben haben, umgegangen seien. Es sei oftmals schwer, ihnen kriminelles Verhalten nachzuweisen, wenn sie lediglich einen übertriebenen Optimismus und ein schlechtes Urteilvermögen an den Tag gelegt hätten, sagen Vertreter der US-Regierung.

Scott McIntyre for The Wall Street Journal

Patrick Miller war führender Manager bei der Orion Bank und hat 16 Jahre mit Jerry Williams zusammengearbeitet.

„Die Kleinbanken und ihre Chefs waren leichte Opfer", sagt Thomas Buchanan von der Kanzlei Winston & Strawn, der Williams vertritt. Sein Mandant habe lediglich gegen die Vorgaben der Aufsichtsbehörden verstoßen. Aber die Behörden stünden unter Druck, Schuldige in der Bankenbranche auszumachen.

Williams hatte 1987 gemeinsam mit einigen Investoren die First National Bank of the Florida Keys gekauft und sie 2002 mit einer anderen Bank, die er besaß, zur Orion Bank fusioniert. Die neue Bank expandierte gewaltig. Das Kreditportfolio wuchs von rund 760 Millionen Dollar im Jahr 2003 auf zwei Milliarden Dollar 2007. Williams wurde 2006 vom amerikanischen Finanzmagazin American Banker zum Community Banker of the Year erklärt und war Vorsitzender des Branchenverbands von Florida.

„Wir glaubten alle an den Erfolg der Bank und wollten daran teilhaben", sagt Monica Wurstle. Sie arbeitete sechs Jahre lang in der Marketing-Abteilung von Orion. Sie verlor mit ihren Anteilen etwa 100.000 Dollar – das sei aber immer noch weniger, als andere ehemaligen Angestellten verloren hätten.

Orion vergab viele Kredite an Bauunternehmen in Florida, die Häuser und Bürogebäude errichteten. Und die Bank expandierte weiter. Ehemalige Angestellte sagen, dass Williams immer fordernder wurde, je mehr die Bank wuchs. Die Zentrale in Naples nannten sie den „Turm des Terrors". Williams habe sie beschimpft, auf den Kopf geschlagen und mit abfälligen Namen bedacht, erinnern sich einige von ihnen. Er habe sich auch über übergewichtige Angestellte lustig gemacht.

„Ich habe vom Erfolg der Bank profitiert", sagt Patrick Miller, der ab 1993 mit Williams zusammengearbeitet hat und führender Bankmanager war. „Aber das gab ihm kein Recht, uns so zu behandeln." Miller schätzt, dass er durch die Insolvenz 3,4 Millionen Dollar verloren hat. Bei der Verurteilung von Williams im Juni sprach er stellvertretend für die ehemaligen Angestellten der Bank und erzählte, dass der Ex-Chef oftmals zu ihnen gesagt habe, auch ein Affe könne ihre Arbeit erledigen.

Williams streitet alles ab. Er habe keine Angestellten bloßgestellt oder sich über Übergewichtige lustig gemacht hat, richteten seine Anwälte aus. „Jerry hat eine starke Persönlichkeit und verlangte viel von seinen Angestellten und von sich selbst", sagte ein Anwalt. Wenn jemand sich nicht wohlgefühlt habe, hätte er gehen können. „Es gab viele Jobmöglichkeiten bei regionalen Banken."

Die Aufsichtsbehörden wurden 2007 auf Orion aufmerksam, als der Immobilienmarkt in Florida die ersten Anzeichen von Schwäche zeigte. Sie sahen die Kapitalreserven der Bank als kritisch an und kritisierten das Kreditprüfungsprogramm. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Entscheidungen des Verwaltungsrats „vom CEO dominiert wurden, der den Verwaltungsrat als Hindernis ansah", hieß es in einem Bericht, den die Notenbank in Florida nach dem Zusammenbruch der Bank erstellte.

Die Behörden gaben Orion vor, das Eigenkapital zu erhöhen, um sich vor möglichen Kreditausfällen zu schützen. 2008 setzten sie das mit Zwangsmitteln durch. Die Bank durfte auch keine Dividenden mehr zahlen. Bis dahin hatte Williams laut Gerichtsunterlagen jedes Quartal 300.000 bis 400.000 Dollar an Dividenden erhalten, zusätzlich zu einem Jahresgehalt von etwa 575.000 Dollar.

Als die Aufsichtsbehörden die Bank warnten, dass sie mehr Kapital brauche um zu überleben, fälschte Williams die „Bücher und Bilanzen, gab falsche Berichte bei der Federal Reserve ab, stufte faule Kredite als gute Kredite ein und belog wiederholte die Aufsichtsbehörden", schrieben die Staatsanwälte später in einem Bericht.

Die Aufsichtsbehörden von Florida und des Bundes kritisierten Anfang 2009, dass die Probleme der kriselnden Bank nicht behoben worden seien. Vertreter der Bank versprachen, 75 Millionen Dollar an frischem Kapital aufzubringen. Im Sommer sagte Williams, dass Orion 25 Millionen Dollar beschafft habe. Die Behörden wussten zu dem Zeitpunkt nicht, dass die Bank die 75 Millionen Dollar beinahe zusammen hatte, wie es in Berichten des Gerichts heißt. Alles deutet darauf hin, dass man die Bank nicht hätte schließen müssen, wenn die Behörden darüber informiert worden wären.

Die Notenbank veranlasste am 9. November 2009, dass Williams als Verwaltungsratsvorsitzender, Präsident und CEO der Bank abgesetzt wurde. Vier Tage später schlossen die Behörden die Bank und verkauften alle Einlagen und die meisten Vermögenswerte an die Iberiabank im Bundesstaat Louisiana. Die Schließung kostete den Einlagensicherungsfonds FDIC 650 Millionen Dollar.

Übereifrige Aufsichtsbehörden seien Schuld an dem Kollaps gewesen, befand Williams. Er hielt 24 Prozent der Anteile und war der größte Anteilseigner, als die Bank zusammenbrach. „Wir brauchten keine Rettungsgelder, aber sie hätten es uns nicht so schwer machen dürfen", sagte er in einem Telefoninterview, bevor er im August ins Gefängnis kam. „Wenn überhaupt, dann war sein größter Fehler, dass er zu sehr dafür gekämpft hat, die Bank am Leben zu halten", fügte sein Anwalt hinzu.

Williams sitzt seine Strafe in einem Gefängnis in Montgomery, Alabama, ab. Er hat sich den Ort ausgesucht, weil er nah bei seiner Familie sein wollte. Die hatte Florida verlassen, nachdem die Bank kollabiert war.

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