• The Wall Street Journal

Gründen in Deutschland: Plädoyer für eine neue Risikokultur

Den Deutschen fehlt der Mut: Jeder Zweite schreckt vor einer eigenen Unternehmung zurück, weil er ein Scheitern fürchtet. Doch eine Pleite bedeutet längst nicht mehr das Aus - auch in Deutschland nicht. Ermutigende Beispiele gibt es genug.

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Roman Hänsler trägt Truckermütze und Vollbart. Das lässt ihn ein paar Jahre älter aussehen als er ist. Als Roman Hänsler mit ein paar Kommilitonen an der Universität der Künste im Jahr 2006 in Berlin Aka-aki gründete, war er erst 26 Jahre alt. Facebook gab es damals zwar schon, aber noch nicht auf Deutsch. Es gab auch noch keine Smartphones, und Apps schon gar nicht. Die meisten Menschen telefonierten damals noch mit einem Nokia -Handy.

An all das muss man sich erinnern, um zu verstehen, wie früh Hänsler dran war mit seiner Idee. Aka-aki war ein soziales Netzwerk, das Handy-Nutzern erst über Bluetooth und später über GPRS anzeigte, welche ihrer Freunde gerade in ihrer Nähe waren. Wenn denn die Verbindung klappte. Aka-aki ist ein Beispiel für eine gute Idee zur falschen Zeit. Seit 2011 gibt es das Unternehmen nicht mehr. Und Roman Hänsler hält inzwischen Vorträge darüber, wie es ist, mit einer Firma in die Pleite zu rauschen.

Hänsler ist längst nicht der einzige, der ganz gern den Mantel des Schweigens lüftet, wenn es ums Scheitern geht. Der sagt, dass er eine Menge gelernt habe damals, dass er heute nicht derselbe wäre ohne die Pleiteerfahrung. Auch Sascha Schubert sagt das so, der einst mit einem sozialen Netzwerk nur für Frauen baden ging und heute mit der Spendenplattform Spendino erfolgreich ist. „Die Gründung eines Unternehmens ist nun mal ein ökonomisches Experiment, dabei Fehler zu machen und daran möglicherweise zu scheitern, ist inklusive", sagt Schubert, der übermorgen in der Berliner Jerusalemkirche die FailCon veranstaltet, die nichts anderes zum Thema hat als eine neue Kultur des Scheiterns.

Angst vor der Pleite in Deutschland sehr ausgeprägt

Wie geht das zusammen in einem Land, in dem Menschen angeblich nur ungern über Geld reden und erst Recht nicht über eine Pleite oder über Schulden? In dem Schulden vor allem etwas mit Schuld zu tun haben und die Angst vor der Pleite noch immer so mächtig ist, dass sie jeden zweiten potenziellen Gründer davon abhalten zu gründen, wie es die Verfasser des Global Entrepreneurship Monitor herausgefunden haben wollen. Die Angst zu scheitern sei nur in Spanien, Griechenland und Polen höher als in Deutschland.

Es ist die Endlosschleife vom Klagelied, dass wir Menschen, die vergeblich versucht haben, etwas zu unternehmen, die zweite Chance verwehren, dass dieses eingebrannte Label des Gescheiterten Innovation hemmt. Doch bei genauerer Betrachtung zeichnet sich ein Bild, dass Menschen in Deutschland sehr wohl scheitern dürfen. Und dass sie auch wieder auf die Beine kommen. Sowohl Gesetzgeber als auch öffentliche Meinung geben Gescheiterten gerne eine zweite Chance. Und wer wie bei der Umfrage des Global Entrepreneurship Monitor gleich am Anfang aus Furcht vor dem Ende kneift, der sollte das Unternehmertum sowieso besser sein lassen.

Natürlich scheitern eine Menge Jung-Unternehmen ziemlich früh. Jedes dritte, um genau zu sein, innerhalb von drei Jahren, hat die KfW in ihrem Gründungsmonitor herausgefunden. Und je jünger die Gründer, desto höher die Quote. „Es aber deshalb nicht zu probieren, ist der größte Fehler, den man machen kann", sagt Schubert.

In den USA, heißt es, gilt erst der als echter Unternehmer, der zweimal pleite war. Dort gibt es sogar Failure-Partys, auf denen Pleitiers feiern und gefeiert werden. Brauchen wir solche Feste auch hierzulande? Nicht unbedingt. Ein Helden-Epos wie das von Steve Jobs, der aus der Versenkung wiederkehrte und Apple zum wertvollsten Unternehmen der Welt machte, hat Deutschland nicht zu bieten. Aber eigentlich kann man auch hier inzwischen ziemlich gut scheitern.

Neue Chancen für gescheiterte Gründer

Das beweisen nicht nur Sascha Schubert, oder auch Roman Hänsler, der inzwischen eine erfolgreiche Kommunikationsberatung aufgebaut hat. Lars Hinrichs etwa hat mit einem Partner vor der Gründung des Business-Netzwerks Xing 1,5 Millionen Euro Risikokapital mit einer anderen Firma in den Sand gesetzt. Und Doo-Gründer Frank Thelen war mit 18 so hoch verschuldet, dass er fast Privatinsolvenz anmelden musste.

Aber selbst einen Pleitier, der Insolvenz beantragen muss, begleitet der Makel des Scheiterns längst nicht mehr ein Leben lang. Unternehmer können ihre Haftung zum Beispiel über eine GmbH beschränken. Und wer in die Insolvenz geht, dessen Grundeinkommen und notwendigste Besitztümer sind vom Gesetz geschützt. Während der Restschuldbefreiungsphase müsste ein kinderloser Single mit einem Nettoeinkommen von 2000 Euro 679 Euro pfänden lassen. Das ist durchaus zumutbar, zumal die Restschuldbefreiungsphase ab 2013 sogar auf drei Jahre verkürzt werden kann und die weit verbreitete Angst, man dürfe in dieser Zeit kein neues Unternehmen gründen, eine Mär ist.

Schaut man weit zurück in die Geschichte, weiß man den Schutz des zahlungsunfähigen Schuldners erst richtig zu schätzen: Im antiken Rom hat man ihn noch zerstückelt, im alten England wanderte er ins Gefängnis. Und heute? Heute liegt die Liquidationsquote für den Gläubiger im Insolvenzverfahren irgendwo zwischen sechs und 15 Prozent.

Start-up-Themen auf Twitter

Eine neue Kultur des Scheiterns ist also längst erblüht, während es immer noch zum guten Ton gehört, ihr Fehlen zu beklagen. Das ändert nichts daran, dass Gründer Mut brauchen, erst recht, wenn ihrer Unternehmung eine Idee zugrunde liegt, die vor ihnen noch keiner hatte. Dieses Risiko zumindest in Teilen selbst zu tragen, kann dem Unternehmer keiner abnehmen. Es wäre auch falsch, Kreditgeber noch stärker in die Haftung zu nehmen. Und so ist es auch logisch, dass die wenigsten Startups auf Pump finanziert sind - denn Kreditgeber scheuen ein unüberschaubares Risiko.

Deshalb setzen Startups auf Risikokapital, auf die unternehmerische Beteiligung eines Investors. Also auf Menschen, die ihrerseits bereit sind, gemeinsam mit jungen Unternehmen an einer Idee zu experimentieren, weil sie die Chance erkennen, dass daraus ein erfolgreiches Geschäftsmodell werden könnte. Es mangelt in Deutschland nicht an einer neuen Kultur des Scheiterns, sondern an einer neuen Risikokultur - immer noch.

[image] Deanna Raso/Wall Street Journal

Marcus Pfeil ist freier Journalist in Berlin. Für das Wall Street Journal Deutschland beobachtet er die Entwicklung der Startup-Szene in der Hauptstadt und berichtet darüber alle zwei Wochen in der Kolumne "Gründerjahre".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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