• The Wall Street Journal

Ängstliche Banken tragen Billionen zu den Notenbanken

Die größten Banken der Euro-Zone bunkern nach wie vor mehr Geld bei den Zentralbanken – ein Zeichen, dass sie sich trotz der jüngsten Entspannungssignale weiter vor einem Zusammenbruch des Finanzsystems fürchten.

Ende September hatten die zwölf größten europäischen Banken zusammen 1,43 Billionen Dollar (umgerechnet rund 1,12 Billionen Euro) bei den Notenbanken hinterlegt, wie eine Analyse der Finanzberichte der Institute für das dritte Quartal zeigt.

Damit haben die Banken ihre Sicherheitseinlagen seit mindestens sechs Quartalen stetig erhöht. Seit Ende 2010 ist die Lagerhaltung des Geldes bei den Notenbanken um 84 Prozent nach oben gesprungen.

Agence France-Presse/Getty Images

Das große Euro-Zeichen vor der EZB-Zentrale in Frankfurt. Der Run der Banken auf die Notenbanken ist ungebrochen: Immer größere Summen werden hier geparkt.

Die französische Société Générale hatte Ende September 81 Milliarden Euro bei Notenbanken hinterlegt. Drei Monate zuvor waren es nur 57 Millionen Euro gewesen, ein Jahr früher weniger als die Hälfte.

Für Regulierer und Investoren seien große Geldsummen, die bei den Zentralbanken geparkt seien, eine „wunderbare Beruhigung", sagte Société-Générale-Chef Frédéric Oudéa. „Ich denke, das hat mit dem drohenden Stress im System zu tun."

Mehr Sicherheit in den Bilanzen

Indem sie zunehmend Liquidität bunkern, sorgen die Banken für mehr Sicherheit in ihren Bilanzen. Allerdings bedeutet es gleichzeitig, dass sie das Geld nicht dafür nutzen, Kredite zu vergeben, die Europas schwächelnden Volkswirtschaften einen Schub geben könnten.

Immerhin scheint sich der Trend abzuschwächen. Im dritten Quartal wuchsen die Notenbankeinlagen der zwölf Top-Banken im Vergleich zu den drei Vormonaten nur noch um drei Prozent. Im zweiten Quartal war das Wachstum noch doppelt so hoch gewesen. Erstmals seitdem sich die europäische Finanzkrise im Jahr 2010 verschärft hat, zogen einige Banken zudem einen Teil ihrer Geldreserven wieder ab, die sie bei den Zentralbanken angehäuft haben.

Geld-Bunker

Eine Abkehr von der Bunkerpraxis wäre ein weiteres Signal, dass zumindest einige Banken finanziell wieder Halt gefunden haben. In den vergangenen Monaten haben sich die Institute auf Zehenspitzen zurück auf den Kapitalmarkt getraut, haben Aktien ausgegeben und Anleihen an Investoren verkauft, die sich bis vor kurzem geweigert hatten, irgendetwas anzufassen, das mit europäischen Banken zu tun haben könnte.

So konnte die portugiesische Banco Espirito Santo Anfang November eine vorrangige, unbesicherte Anleihe am Markt unterbringen – laut Fitch Rating ist das seit Frühjahr 2010 keiner portugiesischen Bank mehr gelungen.

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Doch die hohen Summen, die die Banken nach wie vor wegschließen, mahnen zur Vorsicht. Sie sind eine Erinnerung an die Herausforderungen, vor denen Europas Finanzsystem immer noch steht.

Dreijahrestender der EZB setzen Fehlanreize

Ende 2011 und Anfang dieses Jahres hat die Europäische Zentralbank mehr als eine Billion Euro an billigen Dreijahreskrediten in das Finanzsystem gepumpt und damit europaweit Hunderte Banken gestützt. Teils war dies ein Versucht, die Kreditvergabe an Unternehmen, Privatleute und andere Finanzinstitute anzustoßen.

Statt das Geld in Form von Krediten weiter zu verteilen, haben die Banken es weitgehend zur EZB oder anderen Notenbanken zurückgebracht und es dort auf Konten geparkt, berichten Analysten und Ökonomen. „Es ist nicht als Darlehen in der Realwirtschaft angekommen", sagt etwa Jon Peace, Wertpapieranalyst bei Nomura.

Die Strategie, liquid Mittel bei den Zentralbanken zu parken, mag sicher sein – profitabel ist sie nicht. Die meisten Notenbanken zahlen weniger als ein Prozent Zinsen auf Einlagen der Geschäftsbanken. Das ist weniger, als Banken zahlen müssen, um sich Geld direkt an der Quelle zu leihen.

Allerdings gibt es andere Anreize für die Banken, vorsichtig zu sein. In vielen Ländern drängen Regulierer sie, ihre Kapitalpolster zu stärken; Einlagen bei den Notenbanken gelten ihnen als Inbegriff der Sicherheit.

Die französische BNP Paribas hat ihre Notenbankeinlagen in jedem Quartal seit Mitte 2011 erhöht. Im dritten Quartal hat sie zusätzlich 34 Milliarden Euro bei Seite geschafft, das waren 37 Prozent mehr als im Vorquartal. Ein Großteil davon – insgesamt 44 Milliarden Dollar – hat sie bei der Federal Reserve Bank in New York hinterlegt.

„Unser Ansatz ist vorsichtig. Wir bauen unsere Kapitalpuffer in Erwartung bevorstehender Liquiditätsregeln auf, die noch nicht verabschiedet sind", sagte ein BNP-Sprecher mit Verweis auf die internationalen Kapitalregeln für Banken, die noch in Arbeit sind.

Citigroup -Analyst Kinner Lakhani erwartet, dass die Banken aufhören Geld zu horten, sobald sie von den Aufsichtsbehörden grünes Licht mit Blick auf die Liquiditätsregeln bekommen. Dies könnte seiner nach Einschätzung Anfang nächsten Jahres der Fall sein.

Britische Banken gehen mehr Risiken ein

Auf der britischen Insel fahren die Banken eine umgekehrte Strategie. Drei der vier größten Banken Großbritanniens haben ihre Einlagen bei der Notenbank im dritten Quartal zurückgefahren. Branchenvertreter erklären das zum Teil damit, dass die britische Finanzaufsicht ihre Liquiditätsvorschriften leicht entschärft habe, um Banken zu ermutigen, großzügiger Kredite zu vergeben.

Lloyds Banking Group, die Nummer vier auf der Insel, hat ihre Zentralbankeinlagen seit Ende 2010 in sechs aufeinanderfolgenden Quartalen kontinuierlich aufgestockt. Von 38 Milliarden Pfund (47,5 Milliarden Euro) stieg die Summe bis zum 30. Juni dieses Jahres auf 88 Milliarden Pfund. Im dritten Quartal entnahm Lloyds seinem Geldspeicher dann allerdings sechs Milliarden Pfund.

Die Bank habe mehr als genug Liquidität, sagt ein Firmeninsider, der mit der Strategie von Lloyds vertraut ist. Sie habe im dritten Quartal einen Teil ihrer Zentralbankeinlagen aufgelöst, um eigene Schulden zurückzukaufen – ein Manöver, mit dem die Bank ihre Kreditkosten senken und so ihre Gewinnmargen steigern konnte.

Die zweitgrößte britische Bank Barclays fuhr ihr Liquiditätspolster im dritten Quartal um 19 Prozent auf 104 Milliarden Pfund zurück. Das Institut sucht nach Wegen, um sein Vermögen gewinnbringender anzulegen. Einen Teil des Geldes, das zuvor bei Zentralbanken lag, habe Barclays etwa in Staatsanleihen von Top-Schuldnern mit „AAA"-Rating gesteckt, hieß es aus Unternehmenskreisen.

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