• The Wall Street Journal

Kanada steht vor stürmischen Zeiten

TORONTO – Kanada hat sich von der Finanzkrise schneller als die USA und die meisten anderen Industrieländer erholt. Doch jetzt bekommt das Land heftigen Gegenwind zu spüren, insbesondere durch sinkende Rohstoffpreise und die hohe Verschuldung der Verbraucher. Die meisten Volkswirte glauben, dass Kanada heil durch diesen Sturm kommt. Aber während sich die Lage in den USA bessert, türmen sich die Probleme beim exportabhängigen Nachbarn auf.

Weil die Bilanzen der kanadischen Banken in Ordnung waren, haben sie auch während der Finanzkrise den Kunden kräftig Geld geliehen und so den Konsum gestützt. Die gute Kreditversorgung wiederum hat zu einem Immobilienboom geführt. Zusammen mit steigenden Rohstoffpreisen hat das die Wirtschaft angekurbelt.

Reuters

Toronto im April 2009: Der Immobilienmarkt hat in den vergangenen Jahren in Kanada einen Höhenflug absolviert. Doch jetzt zeigen sich auch hier erste Probleme.

Nun geben die weltweiten Rohstoffpreise allerdings nach. Der starke kanadische Dollar macht einigen Teilen der Industrie das Leben schwer. Gleichzeitig sinken die Häuserpreise in den begehrtesten kanadischen Märkten. Die Kreditversorgung der Verbraucher ist nach Jahren extrem niedriger Zinsen dagegen weiter hoch. Seit September 2010 liegt der Leitzins der kanadischen Zentralbank bei einem Prozent. „Während im Rest der Welt das Geld knapp wurde", sagt Tim Quinlan, Volkswirt bei Wells Fargo, „haben die Kanadier einen Gang höher geschaltet".

All das macht sich jetzt bei den Wirtschaftsdaten bemerkbar. Im Oktober musste Kanada seine Wachstumsprognose von 2,4 Prozent auf 2 Prozent korrigieren. Finanzminister Jim Flaherty musste zudem das Ziel, einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen, um ein Jahr auf 2017 verschieben. Als Grund nannte er die niedrigeren Rohstoffpreise, die das Steueraufkommen vermindern.

Ganz anders dagegen ist die Stimmung südlich der Grenze. Das Verbrauchervertrauen ist in den USA so hoch wie seit Mitte 2007 nicht mehr, während es in Kanada im November zum zweiten Mal gesunken ist. Von 2008 bis Ende 2011 wuchs die kanadische Wirtschaft inflationsbereinigt noch um 2,8 Prozent, die der USA dagegen nur um 1,16 Prozent. Jetzt erwartet die Weltbank, dass das kanadische BIP 2013 um 2,2 Prozent wächst, die amerikanische Wirtschaftsleitung soll dagegen um 2,4 Prozent zulegen. Und auch Kanada könnte gemeinsam mit den USA über die Fiskalklippe gehen, weil 70 Prozent der kanadischen Exporte an den südlichen Nachbarn gehen.

Die Achillesferse des Landes ist und bleibt die Abhängigkeit von den enormen Rohstoffreserven. Nach Zahlen von Moody's Investors Service trugen Öl- und Gasexporte sowie Investitionen in diesem Bereich in den vergangenen beiden Jahren zu einem Fünftel des kanadischen Wachstums bei. In Zeiten steigender Preise war das noch ein Plus. Aber die aktuelle Schwäche am Rohstoffmarkt macht sich jetzt bemerkbar. Viele Unternehmen der Branchen kürzen Kosten und streichen geplante Investitionen.

Auch der Immobiliensektor hatte Kanada durch die Krise geholfen. Am Wachstum des Jahres 2011 hatte der Sektor einen Anteil von 16,5 Prozent, 2011 waren es noch 4,7 Prozent. Die Preise für Eigenheime liegen etwa 125 Prozent höher als im Jahr 2000. In den USA sind es nur 40 Prozent, wie aus Zahlen von Wells Fargo hervorgeht. Und das, obwohl in Kanada im Gegensatz zu den USA Hypothekenzinsen nicht steuerlich absetzbar sind. Doch in einigen kanadischen Märkten stagnieren oder fallen die Preise, in Vancouver etwa um mehr als 11 Prozent seit April, zeigen Daten des kanadischen Immobilienverbands.

Volkswirte glauben zwar nicht an einen lauten Knall wie beim Platzen der Blase in den USA. Aber durch den Immobilienboom sind die Kanadier hoch verschuldet. Im Schnitt liegt die Verschuldung der Haushalte aktuell bei 163,4 Prozent des verfügbaren Einkommens. Auf dem Höhepunkt der US-Krise waren die Zahlen ähnlich. In Kanada sind die Bedingungen bei der Kreditvergabe zudem strenger, was sich unter anderem in kürzen Tilgungszeiträumen niederschlägt.

Nach Ansicht der Ökonomen ist aber nicht die Höhe der Schulden entscheidend, sondern die Fähigkeit, diese zurückzuzahlen. Nur 1,22 Prozent aller Verbraucherkredite, Hypotheken ausgenommen, waren Ende September faul, so wenig wie zuletzt vor der Finanzkrise, meldet die Wirtschaftsauskunftei Equifax.

Aber die Zentralbank hat wiederholt vor diesem Ungleichgewicht gewarnt. Wenn verschuldete Verbraucher weniger ausgeben, gefährdet das die Wirtschaft massiv: Immerhin macht der Konsum fast zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Bank of Canada nennt die Verschuldung daher „die größte hausgemachte Gefahr" für die Wirtschaft.

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