• The Wall Street Journal

Mikrowellen sollen dem Aktienhandel einheizen

In kaum einem anderen Geschäft kommt es so sehr auf Millisekunden an wie im Wertpapierhandel. Drei der größten Börsenbetreiber weltweit wollen deshalb in ultraschnelle Mikrowellenverbindungen investieren, mit denen Händlern Handelsdaten so schnell wie nie zuvor bekommen sollen.

Die CME Group und die Nasdaq OMX Group planen derzeit ein Joint Venture, mit dem sie Preise und andere Marktinformationen schneller zwischen New York und Chicago übertragen könnten als mit den existierenden Glasfaserkabeln unter der Erde. Die NYSE Euronext will währenddessen mit einer schnelleren Verbindung zwischen London und Frankfurt Geld verdienen.

Einige der großen Handelsfirmen haben bereits ihre eigenen Hochgeschwindigkeitsverbindungen zwischen den wichtigen Finanzmetropolen aufgebaut. Dass jetzt auch Börsenbetreiber in dieses Geschäft einsteigen wollen, zeigt, dass sie alternative Umsatzquellen zu dem schwachen Handelsgeschäft suchen.

„Die meisten Börsen ziehen Investitionen in diesen Bereich derzeit in Erwägung", sagt Ian Jack, der Leiter für globale Infrastruktur bei der Technologieabteilung der NYSE Euronext.

Private Antennen auf dem Dach

Die transatlantische Handelsgruppe bietet Finanzfirmen Platz auf dem Dach ihres britischen Datencenters an, um dort Antennen aufzustellen und so schnellstmöglich Kursinformationen aus Deutschland zu erhalten. Die erste Handelsfirma hat dort eine Antenne zum Ende des vergangenen Sommers montiert, sagt Jack.

©John Webster/www.i2iart.com

Die Mikrowellentechnologie zur Informationsübermittlung gibt es schon seit Jahrzehnten. Doch erst in den vergangenen 18 Monaten hat die Finanzwelt sie sich zu Eigen gemacht. Und sie hat auch Nachteile: Bei Regen und Schnee kann es zum Beispiel zu Störungen bei der Übertragung kommen, auch können weit weniger Informationen übertragen werden als mit unterirdisch verlegten Kabeln.

Befürworter der Technik heben allerdings die hohe Geschwindigkeit der Übertragung und den vergleichsweise günstigen Preis für einen Antennenplatz auf dem Dach einer Börse hervor. Die Antennen sind auf Funktürmen ausgerichtet, die Informationen hin und her schicken.

Auf der ganzen Welt finde gerade ein Wettrennen um die richtigen Frequenzen und die besten Dächer für Antennen statt, sagt Patrick Lastennet, Direktor des Finanzdienstleistungsbereichs für Interxion Holding. Die Firma betreibt Datenzentren in ganz Europa.

Die schnellste Verbindung nur einigen Kunden zu geben, kann aber ein teures Vergnügen werden. Diese Erfahrung machte im September der Betreiber NYSE Euronext, dem die US Börsenaufsicht SEC eine Geldstrafe von fünf Millionen Dollar aufbrummte, weil das Unternehmen einigen wenigen Kunden schnellere Kursinformationen zur Verfügung gestellt hatte als dem breiteren Markt.

Mikrowelle noch schneller als Glasfaser

Telekomfirmen und Kabelspezialisten haben gerade Milliarden in neue Glasfaserkabel zwischen den großen Finanzmetropolen investiert. Einige Verbindungen durch den Atlantik und in Asien werden derzeit gebaut.

Zwischen New York und Chicago – eine Entfernung von 1147 Kilometer Luftlinie – werden so viele Handelsinformationen verschickt wie nirgends sonst in der westlichen Welt, berichtet Interxion. Auch zwischen New York, London und Frankfurt werden große Datenvolumen übermittelt, damit Handelsfirmen mit komplexen Programmen den günstigsten Zeitraum errechnen, wann sie Aktien und Derivate kaufen oder verkaufen sollten.

Die Firma Spread Networks stellte 2010 eine Glasfaserverbindung fertig, die Branchenexperten für die schnellste zwischen New York und Chicago hielten. Informationen können mit ihr innerhalb von 12,98 Millisekunden verschickt werden.

Doch Funkverbindungen im Frequenzbereich der Mikrowelle dürften deutlich schneller arbeiten als die Glasfaserkabel. Mikrowellen sind elektromagnetische Wellen, die kürzer sind als Radiowellen, aber noch unterhalb des infraroten Bereichs des optischen Spektrums liegen. Genutzt werden sie bei Radaranlagen, Mikrowellenherden, bei WLAN und im Mobilfunk.

Die Firma Epsilon Networks hat ein Mikrowellendatennetzwerk entwickelt, das Anfang 2013 seinen Betrieb aufnehmen soll. Damit sollen Informationen in 8,5 Millisekunden einmal hin- und wieder zurückgeschickt werden können. Vorerst sollen zwar nur Handelsinformationen und keine Kauf- oder Verkaufsorders damit übertragen werden, doch schon der Informationsvorsprung von wenigen Millisekunden kann automatisierten Handelscomputern helfen. Epsilon will Handelsfirmen für jährlich eine halbe Million Dollar Zugang zu ihrem Mikrowellennetz geben, sagt die Firma.

Börsen könnten neue Umsatzquellen erschließen

Nasdaq und CME lassen von der Aite Group ermitteln, ob Händler an einem gemeinsamen Mikrowellenkorridor zwischen ihren Datenzentren in Carteret (New Jersey) und Chicago interessiert wären. Und auch die NYSE Euronext sei mit Technologiefirmen im Gespräch, die ein Mikrowellennetz zwischen den beiden Finanzmetropolen aufbauen könnten, sagt ihr IT-Chef Jack.

Für Händler ist es attraktiv, wenn die Börsenbetreiber die Kosten für den Aufbau und den Unterhalt der Mikrowellennetze tragen, da sie selbst schon mit sinkenden Handelsvolumen zu kämpfen haben. Börsenbetreiber können mit Hilfe der neuen Technologien zusätzlich Geld mit ihren Kursinformationen sowie mit Platz in und auf ihren Datenzentren verdienen, die teils hunderte Millionen Dollar gekostet haben.

Die Nasdaq will bald ein Mikrowellennetz für die Region New York in Betrieb nehmen, das zusätzlich zu den existierenden Glasfaserkabeln Kursinformationen verschicken soll. Derzeit wartet der Börsenbetreiber noch auf die Genehmigung der Börsenaufsicht für diesen Service.

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