Von JENS HANSEGARD
BILLUND – Die Designer des Spielzeugherstellers Lego standen vor einer Herausforderung: Wie schafft man aus einer begrenzten Anzahl an Plastikbausteinen eine detaillierte Fantasiewelt? Der Hersteller der beliebtesten Bausteine der Welt wollten zum neuen Film von Peter Jackson, „Der Hobbit", passende Spielzeuge entwickeln. Hinter dem fertigen Produkt steht ein Team von 160 Lego-Fanatikern, das im Labor im Unternehmenssitz in Billund tagelang mit Bausteinen und winzigen architektonischen Elementen spielte.
„Es muss nicht nur echt aussehen, es muss den Kindern beim Bauen auch Spaß machen", sagt Nicholas Groves, der das Design der „Hobbit-Kollektion" betreute. Der 31-jährige Brite, der Tattoos auf den Fingerknöcheln und einen struppigen Bart trägt, sagt, es koste viele Monate Arbeit und endlose Änderungen im Design, bis alles passt.
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Groves' Vorgesetzter, der Lego-Chef Jørgen Vig Knudstorp, will nicht, dass seine Designer bei jeder Kollektion das Rad neu erfinden. Als Knudstorp 2004 die Unternehmensführung übernahm, erträumten die Designer ständig neue Ideen und bestellten all die Materialien, mit denen die Ideen zu verwirklichen waren. Doch ein solches Geschäftsmodell hätte für das Familienunternehmen irgendwann den Bankrott bedeutet.
„Organisiertes Chaos"
Sieben Jahre später konnte Lego einen Gewinn von über 700 Millionen Euro ausweisen. Für jeden Euro, den Verbraucher für Lego-Produkte ausgaben, behält die Firma 30 Cent. Um das zu erreichen, hat das Unternehmen die Anzahl der Bausteine und Materialien auf eine feste Kollektion von 2.700 Teilen reduziert, die heute das „Lego-Spielsystem" bilden.
Wie erschafft man einen Lego-Hobbit?
Lego war jahrelang mit dem Filmunternehmen Warner Bros im Gespräch, um an einem Hobbit-Projekt zusammenzuarbeiten. Doch die Designer nahmen ihre Arbeit daran erst vor etwa sechs Monaten auf. Für einige Designer ist dabei ein Traum wahrgeworden – viele von ihnen hatten bereits an den „Herr der Ringe"-Kollektionen mitgearbeitet. „Wenn von Oin, Gloin und Bombur die Rede ist, kratzen sich die Marketing-Leute am Kopf, aber wir Designer wissen genau, wer diese Figuren sind", sagt Groves.
Lego hat mit Warner etwa ein halbes Dutzend Figuren und Filmszenen ausgewählt, die zu Lego-Sätzen werden sollten. In einigen Fällen konnten die Lego-Designer Lesungen das Drehbuch einsehen, das Set besichtigen und Filmausschnitte sehen, bevor „Der Hobbit" in die Kinos kam.
Dann kehrten die Designer in ihr Labor zurück, um die Erfahrungen mit dem Spielsystem nachzubilden. „Wir greifen uns eine Handvoll Legosteine und legen los", sagt Groves. Den Prozess nennt er „organisiertes Chaos".
Die Designer durften keine Bilder aus dem Film behalten, um ihre Arbeit zu erleichtern, da alles Material bis zum Kinostart streng vertraulich war. „Wir wollen ja nicht, dass jemand heimlich ein Foto macht und das verbreitet", sagt Groves. „Also müssen wir in einem geschlossenen Raum sitzen, diese geheimen Fotos ansehen und darüber diskutieren – und dann gehen wir zurück und bauen das nach."
Psychologen und Kinder helfen mit
Die erste Version von Bilbo Beutlins Wohnhöhle war nach drei oder vier Tagen fertig. Doch darauf folgten hunderte Stunden Design-Änderungen, die sich über Monate verteilten. Das Team hat dabei mindestens fünf Mal von vorne angefangen. „Diese kleinen Änderungen sind für die meisten Menschen schwer zu erkennen, doch für einen Designer machen sie einen riesigen Unterschied", sagt Groves.
In den vergangenen 13 Jahren hat Lego eine ganze Reihe von Hollywood-Filmen nachempfunden, von Krieg der Sterne über den Herrn der Ringe bis hin zu Harry Potter. Dieser Bereich macht heute 25 Prozent des Unternehmensumsatzes von 3,5 Milliarden Dollar aus.
Die Anleitungen von Lego, die oft für ihre Verständlichkeit und ihren Einfallsreichtum bekannt sind, werden mithilfe von Schulpsychologen und hunderten von Kindern entwickelt, die die Spielzeuge testen. Lesen müssen die Kinder in den Anleitungen nichts.
Die Designer finden nicht immer die passenden Teile im Lego-Spielsystem. So hatten sie Schwierigkeiten, den Zwerg Bombur nachzubilden, der vor allem an seinem geflochtenen Bart zu erkennen ist. Also formte ein Designer den Bart aus Ton und brachte ihn in die Plastikgussfabrik. Der winzige Bart wurde dann voll in das Lego-System integriert, damit das Teil zu allen anderen Legosteinen passt, also zu den 30 Jahre alten und auch zu denen, die in 30 Jahren erst hergestellt werden.
Alle 28 Sekunden wird eine Schachtel verkauft
Kim Yde Larsen, der Chefdesigner bei Lego, nennt das Lego-Spielsystem „unser Juwel" und einen „heiligen Schrein, der zu schützen ist". Seit 15 Jahren arbeitet er beim Unternehmen und verbringt einen großen Teil seiner Zeit damit, die Designer zu zügeln, die neue Teile in das Lego-System einbringen wollen. „Wir müssen das System, das unser Fundament ist, schützen", sagt er.
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Doch für die Designer ist das nicht leicht. „Beim Hobbit hat man starke, ikonische Figuren, und denen will man gerecht werden", sagt Groves.
In der Vorweihnachtssaison wird alle 28 Sekunden eine Schachtel mit Lego-Bausätzen verkauft, sagt das Unternehmen. Die Hälfte des jährlichen Umsatzes macht Lego allein in dieser Zeit. Das Unternehmen ist nach Mattel und Hasbro der drittgrößte Spielzeughersteller der Welt.
Seitdem „Der Hobbit" in die Kinos kam, ist der Lego-Bausatz für Bilbo Beutlins Höhle – ein 652 Teile großes Paket, das 70 Dollar kostet – auf der US-Webseite von Lego bereits ausverkauft.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de



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Laerke Posselt for The Wall Street Journal



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