• The Wall Street Journal

US-Börsen NYSE und ICE fusionieren

Reuters

Händler an der New Yorker Börse. DIE NYSE könnte von der Derivatebörse ICE geschluckt werden.

Die New Yorker Börse hat auf dem Heimatmarkt einen neuen Fusionspartner gefunden: Der frühere Wunschpartner der Deutschen Börse lässt sich nun von der auf den Derivatehandel spezialisierten IntercontinentalExchange (ICE) übernehmen. Rund 8,2 Milliarden US-Dollar will die nach Marktbewertung deutlich größere ICE für die NYSE Euronext auf den Tisch legen, gut zwei Drittel davon in eigenen Aktien und ein Drittel in bar.

ICE-CEO Jeffrey Sprecher und NYSE-Euronext-Chef Duncan Niederauer zeigten sich am Donnerstag optimistisch, dass die Wettbewerbshüter der Transaktion grünes Licht geben. Beide Börsenbetreiber waren zuvor mit größeren Fusionsplänen am Widerstand der Aufsichtsbehörden gescheitert. Nun aber haben sich die Konzernchefs im Vorfeld mit mindestens fünf Regulieren getroffen, insbesondere in Europa, und der Fusionsplan sei "gut aufgenommen" worden, sagte ICE-Chef Sprecher. "Es ist offensichtlich, dass die Geschäfte, die wir haben, einander ergänzen und nicht mit einander konkurrieren", sagte CEO Sprecher in einer Telefonkonferenz mit Analysten.

Das Angebot bewertet den Betreiber der New Yorker Börse mit 33,12 Dollar je Aktie, das ist ein Aufschlag von 38 Prozent auf den Schlusskurs vom Mittwoch.

Sowohl bei der erst im Jahr 2000 gegründeten Derivatebörse als auch bei der NYSE handelt es sich um Schwergewichte am Aktienmarkt. Die ICE kommt auf eine Marktkapitalisierung von 9,3 Milliarden US-Dollar. Die NYSE kann da nicht mithalten, sie wurde vor der Offerte mit 5,8 Milliarden Dollar bewertet. Während die ICE durch das Wachstum beim Rohstoffhandel zuletzt zulegen konnte, kämpft die NYSE mit Rückgängen im klassischen Aktienhandel und im Handel mit Finanzderivaten.

Die Rohstoff- und Energiebörse ICE könnte ihr Geschäftsprofil mit der Übernahme stark erweitern und von einem auf Energie fokussierten Futures-Markt zu einer vollständig diversifizierten Börse mit Aktien-, Optionen- und Futurehandel sowie Clearing-Diensten auf beiden Seiten des Atlantiks werden. Damit wäre die ICE auch ein beachtlicher Wettbewerber des größeren, aber weniger breit aufgestellten heimischen Wettbewerbers CME und der Deutschen Börse.

Auf die Börsenlandschaft in Europa könnte die Transaktion große Auswirkungen haben. Der einst gefeierte Zusammenschluss des europäischen Börsenbetreibers Euronext mit der New Yorker Börse könnte wieder rückgängig gemacht werden. Die Euronext soll möglicherweise über einen Börsengang ausgegliedert werden. Der Gang aufs Parkett könne innerhalb eines Jahres nach Abschluss der Transaktion über die Bühne gehen, sagte ICE-Finanzvorstand Scott Hill.

Die Euronext betreibt vier Börsen in Europa, in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Portugal. Sollte die ICE die Euronext nicht an die Börse bringen sondern verkaufen, würde dies auf großes Interesse von Wettbewerbern stoßen, etwa der Deutschen oder der Londoner Börse. Für die aufstrebenden Handelsplätze Hongkong und Singapur böte sich sogar die Chance, einen Fuß auf den europäischen Kontinent zu setzen, sagen Analysten.

Das neue Unternehmen aus ICE und NYSE erhofft sich aus der Transaktion Effizenzsteigerungen und Kostensynergien im Volumen von 450 Millionen Dollar, wie Niederauer sagte.

Gemeinsam mit der Nasdaq OMX hatte die ICE im Jahr 2011 versucht, die damals geplante Fusion der NYSE mit der Deutschen Börse zu torpedieren. Die in Atlanta ansässige ICE wollte das Derivate-Geschäft der NYSE kaufen, die Nasdaq hatte das Aktienmarkt-Geschäft im Visier. Die beiden Börsen zogen ihre feindliche Offerte später aber zurück, nachdem klar wurde, dass die Nasdaq keine kartellrechtliche Erlaubnis für eine Fusion erhalten würde. Der Zusammenschluss von NYSE und Deutsche Börse scheiterte ebenfalls an wettbewerbsrechtlichen Bedenken.

Die Deutsche Börse hatte nach der gescheiterten Fusion Pläne für größere Übernahmen und Fusionen ad acta gelegt. Börsenchef Reto Francioni setzt stattdessen auf Partnerschaften, vor allem in Asien will die Deutsche Börse wachsen.

—Mitarbeit: Ulrike Dauer, Anupreeta Das und Jenny Strasburg

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

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