• The Wall Street Journal

China glaubt an Amerika – mehr als die Amerikaner

NYC EDC

Das Mega-Bauprojekt Hunter's Point in San Francisco. US-Banken wollten die milliardenschwere Finanzierung nicht stemmen. Jetzt kommt die China Development Bank zum Zug.

Vor sechs Generationen wurden Chinesen als billige Arbeitskräfte nach San Francisco gebracht. Als Tagelöhner sollten sie in Goldminen schuften und Eisenbahntrassen bauen. Jetzt kehren die Chinesen in die USA zurück, doch dieses Mal als Kapitalgeber.

Eine der spannendsten Wirtschaftsgeschichten des Monats findet gerade in San Francisco statt, wo eine Gruppe von US-Bauunternehmern das größte Immobilienprojekt seit dem Erdbeben von 1906 plant. Die Finanzierung kommt nicht von einer amerikanischen Bank, sondern von einer chinesischen.

Die staatliche China Development Bank (CDB), die schon alles von Sozialwohnungen bis zum Drei-Schluchten-Staudamm finanziert hat, stellt für das Projekt in San Francisco jetzt 1,7 Milliarden Dollar zur Verfügung.

Die CDB hat jedoch eine Bedingung an ihre Großzügigkeit geknüpft. Die China Railway Construction Corp., ein staatliches Infrastruktur-Bauunternehmen mit Wurzeln im Militär, soll an dem Projekt teilhaben, bei dem bis zu 20.000 neue Wohnhäuser gebaut werden sollen.

Geht es der chinesischen Bank um chinesische Arbeitsplätze?

Dieses Arrangement verletzt den Stolz vieler Amerikaner. Was kostet die CDB dieses staatlich subventionierte Kapital? Und was ist der Sinn der Sache – soll dabei profitabel Geld verliehen werden oder geht es vorrangig um neue chinesische Jobs? Die CDB reagierte nicht auf Fragen.

Die Forderungen der CDB entfachen unweigerlich wieder die Ängste darüber, wie amerikanisches Know-How nach China gelangt. Langfristig wird es auch für die amerikanische Wirtschaft von Vorteil sein, wenn die Chinesen lernen, Kinos zu betreiben oder Städte zu gliedern. Doch fortgeschrittene Technologien wie die Genomik oder leistungsfähige Batterien wollen die Amerikaner eher schützen.

Viele amerikanische Pensionsfonds und Banken sind noch von den verlustreichen Immobiliengeschäften geprägt, die sie vor der Finanzkrise eingegangen sind, und waren einfach nicht bereit, so große Kredite zu vergeben wie die Chinesen, erklärt eine mit den Verhandlungen vertraute Person. Außerdem dauerten die Projekte vielen potenziellen Investoren zu lange, sagt diese Person, da sich der Bau über zwei Jahrzehnte erstrecken soll.

„Wenn man für ein so attraktives Projekt keine heimischen Investoren findet, dann für was sonst? Es ist kriminell, dass man dafür nach China gehen muss", sagt diese Person.

Das deckt sich mit dem Verhalten, das andere amerikanische Firmen an den Tag legen. Sie sparen bei den Investitionen und kaufen dafür Aktien zurück.

US-Unternehmen kaufen lieber Aktien zurück, als zu investieren

Die Ratingagentur S&P schätzt, dass US-Firmen zwischen 2009 und 2011 ihre Investitionen um etwa 175 Milliarden Dollar zurückgefahren haben. 2012 haben sich die Investitionen zwar etwas erholt, doch es gibt immer noch ein großes Ausgabenloch, das nicht gefüllt ist. „Unternehmen können Instandhaltung und neue Anschaffungen nur begrenzte Zeit aufschieben, bevor sie das künftige Wachstum schädigen", sagt S&P-Analyst Andrew Chang.

Und wenn Unternehmen einmal Bares übrig haben, geben sie es oft lieber für eigene Aktien aus als für technische Verbesserungen oder Forschung. Insgesamt haben sie in den zwölf Monaten bis September etwa 274 Milliarden Dollar mehr Aktien gekauft als sie auf den Markt gegeben haben

General-Electric-Chef Jeff Immelt hat diese Woche verkündet, dass es im vierten Quartal bei den Kunden eine „Investmentpause" gegeben habe. Richard Dreiling, Chef der Discounter-Kette Dollar General, beschreibt seine Kunden als „erschöpft und verängstigt. Jedes Mal, wenn sie den Fernseher einschalten, sehen sie einen Haufen Männer im Anzug, die böse dreinschauen und ihnen sagen, dass die Welt von der Fiskalklippe stürzen wird."

Die Vorsicht und die Angst scheinen heute noch so stark zu sein wie zum Beginn der „Subprime-Krise" im Jahr 2007. Was würden die chinesischen Tagelöhner und die Wall-Street-Männer aus den 1850er-Jahren denken, wenn sie die USA so sähen? Was würden sie von einem Amerika halten, an das die Chinesen mehr glauben als die Amerikaner selbst?

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 22. Mai

    In Serbien steht ein Haus mitten in einem Fluss, im Senegal hangelt sich ein Mann am Bungeeseil in einen tiefen Brunnenschacht und in den USA hebt ein Schweizer mit einem Solarflugzeug ab. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Tornados hinterlassen einen Pfad der Zerstörung

    Mit enormer Wucht haben Tornados in der Nacht zu Dienstag Städte und Dörfer im US-Bundesstaat Oklahoma getroffen, darunter auch eine Grundschule. Jetzt beginnen die Aufräumarbeiten. Dabei wird das enorme Ausmaß der Naturkatastrophe deutlich.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 21. Mai

    In Sri Lanka fertigt ein Schneider eine kunterbunte Buddha-Fahne, in China hat sich wieder ein riesiger Straßenkrater aufgetan und beim Radrennen Giro d'Italia kämpften sich die Teilnehmer durch die Alpen. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Im Luxusreich der Teenager

    Damit sich ihre Kinder gern zu Hause aufhalten, lassen wohlhabende Eltern für sie luxuriöse Wohnbereiche mit Karaokeanlagen, Billardtischen und riesigen Computern gestalten. Einige treiben es dabei auf die Spitze.

  • [image]

    Die Krise erreicht die Stierkampf-Arena

    Die Jahrhunderte alte spanische Stierkampf-Tradition steht vor dem Aus. Regionaler Nationalismus und Tierschützer setzen ihr schon seit Jahren zu. Die Rezession droht dem blutigen Spektakel aber den Gnadenstoß zu versetzen.

  • [image]

    Otto – ein deutsches Einkaufsimperium

    Die Otto Gruppe besteht nicht nur aus dem gleichnamigen Versand. Gegründet 1946, ist Otto heute in mehr als 20 Ländern aktiv - mit 123 Konzerngesellschaften wie SportScheck, Manufactum, Mirapodo oder Hermes. Überrascht? Wir zeigen, was noch alles zum Imperium gehört.