• The Wall Street Journal

Kantig, ehrlich, Struck

dapd

Der ehemalige Bundesverteidigungsminister Peter Struck ist am Mittwoch gestorben. Der SPD-Veteran galt als Raubein mit Herz - kauzig und bärbeißig, aber stets liebenswert.

Sein wichtigstes Bier hat er im Sommer 2002 bei Gerhard Schröder in seinem Hannoveraner Reihenhaus getrunken. „Du musst es machen", habe der Kanzler damals auf ihn eingeredet, erzählt Peter Struck Jahre später. Danach war klar, Struck löst den glücklosen Rudolf Scharping als Verteidigungsminister ab. Unter seiner Führung beteiligte sich die Bundeswehr am ISAF-Einsatz in Afghanistan.

In Erinnerung bleibt nicht nur sein Satz: „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird am Hindukusch verteidigt." Am Mittwoch starb Struck nach einem schweren Herzinfarkt in einem Berliner Krankenhaus. Noch am Montag war er zum Vorsitzenden der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung wiedergewählt worden. Struck wurde 69 Jahre alt.

Kauzig und bärbeißig, aber stets liebenswert - so wird Peter Struck seinen Weggefährten in Erinnerung bleiben. 29 Jahre war der studierte Jurist Mitglied im Bundestag, ehe er 2009 ausschied. Struck war parlamentarischer Geschäftsführer und Fraktionsvorsitzender. Er galt als der große Strippenzieher und Mehrheitsbeschaffer für die rot-grüne Bundesregierung unter Schröder. So organisierte Struck gegen heftigen Widerstand die Zustimmung der SPD zu der umstrittenen Arbeitsmarktreform Agenda 2010. Für Kanzler Schröder war er in den turbulenten Zeiten damit sein wichtigster Genosse.

Sich selbst nannte Struck einen Parteisoldaten. Er sei Abgeordneter, weil die SPD ihn aufgestellt und die Bürger gewählt hätten. „Hinten anstellen und in Ruhe arbeiten", sagte er zu seinem Werdegang. Offen bekannte sich Struck auch dazu, „seinem" Kanzler 2005 bei der Entscheidung zur vorgezogenen und später knapp verlorenen Neuwahl die Zustimmung verweigert zu haben. Er selbst beschrieb sich als Mensch mit Ecken und Kanten, aber stets aufrichtig. Seinen Charme verbarg der Pfeife rauchende Struck gern hinter Wortkargheit.

Struck hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass die große Koalition für ihn nur eine Notlösung war. Sein Verhältnis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel war zumeist respektvoll, aber schwierig. Er selbst brachte es in seiner unverblümten Art auf folgenden Nenner: „Sie kann mich nicht leiden und ich sie auch nicht."

Mit seiner Kritik an der Regierungschefin hielt er auch in großkoalitionären Zeiten nie hinter dem Berg. Übel nahm er Merkel vor allem, dass sie sich in den Erfolgen der von Rot-Grün angestrengten Arbeitsmarktreformen gesonnt habe. Legendär war auch Strucks Satz „Die kann mich mal." Um Stress abzubauen, ging Struck immer wieder seiner großen Leidenschaft, dem Motorradfahren, nach.

Beim Amt des Verteidigungsministers sprach er von „Liebe auf den zweiten Blick". Der Zivilist Struck gab sich betont unmilitärisch und wurde dennoch von der Truppe geliebt. Auch öffentlich sprach er immer wieder von „meinen Soldaten" und besuchte sie mehrfach an Krisenschauplätzen in Afghanistan oder im Kosovo. Seine größte Angst, so hatte er kurz nach Amtsantritt gesagt, sei ein nächtlicher Anruf aus dem Lagezentrum und die Meldung über den Tod deutscher Soldaten. Diese Anrufe gab es mehrfach in seiner Amtszeit. 2005 musste

Struck das Amt in der großen Koalition für den CDU-Politiker Franz-Josef Jung freimachen und kehrte als Fraktionsvorsitzender in den Bundestag zurück.

Zusammen mit dem CDU-Mann Volker Kauder organisiert er dort hinter den Kulissen die Zusammenarbeit. Beide verbindet eine echte Männerfreundschaft, wie sie immer wieder betonten. Auf die Frage, was nach seinem Rückzug aus dem Bundestag verschwindet, sagte Struck einst lakonisch: „Mit Struck verschwindet Struck".

Kontakt zum Autor: susann.kreutzmann@dowjones.com

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