• The Wall Street Journal

Foxconn-Arbeiter bangen um ihre Überstunden

SHENZHEN — Netze, die Selbstmörder auffangen sollen, hängen noch immer von den Gebäuden der Hon Hai Precision Industry Co. Zwei Jahre, nachdem sich mehrere Mitarbeiter des Apple-Zulieferers hier das Leben nahmen, will das Unternehmen die Arbeitsbedingungen verbessern – doch viele Angestellte hoffen, dass alles beim Alten bleibt.

Im März erklärte Hon Hai, dass eine amerikanische Organisation für Sicherheit am Arbeitsplatz bei einer Überprüfung zahlreiche Verstöße gegen chinesische Arbeitsgesetze sowie Richtlinien von Apple aufgedeckt habe. Unter anderem habe die Gruppe festgestellt, dass die Arbeiter in drei Fabriken exzessiv viele Überstunden machen.

Reuters

Foxconn hat vor zwei Jahren nach einer Serie von Selbstmorden überall auf dem Werksgelände Sicherheitsnetze aufgespannt.

Hon Hai versprach daraufhin, seine Regelung für Überstunden bis zum nächsten Jahr an das chinesische Gesetz anzupassen. Danach dürften Arbeiter höchstens noch neun Überstunden pro Woche ansammeln. Das taiwanesische Unternehmen, das auch als Foxconn bekannt ist, will außerdem die Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen in seinen Fabriken verbessern.

Über 15 Arbeiter der Fabrik in Shenzhen sagten bei Interviews, dass sie mehr als die erlaubte Zahl an Überstunden arbeiteten. Die meisten sagten, dass sie pro Woche zehn bis 15 Überstunden machten und am liebsten noch länger arbeiten würden. Alle haben sie ihre weit entfernte Heimat verlassen, um hier in der Fabrik an der Grenze zu Hongkong Geld zu verdienen.

„Ich glaube, dass viele erfahrene Leute aus der Technologieproduktion gehen würden", sagt ein Arbeiter für den Fall voraus, dass die Zahl der Überstunden begrenzt wird. Er will, dass hier nur sein Nachname, Ma, erwähnt wird. „Wir wissen nicht, wie sehr unsere Gehälter steigen werden. Doch ich bin jetzt drei Jahre hier und habe kaum Grund zu bleiben, da mein Gehalt wahrscheinlich nicht stark steigen wird."

Ma hat inklusive Überstunden monatlich etwa 3.400 Yuan (415 Euro) im Monat verdient, als er vor drei Jahren bei Foxconn anfing. Heute verdiene er 5.000 Yuan im Monat. Das Grundgehalt ohne Überstunden liegt in der Shenzhen-Longhua-Fabrik bei 2.200 Yuan. Um sich noch etwas extra zu verdienen, kauft der 26-Jährige im Internet billig gebrauchte Autoteile und verkauft sie für mehr Geld weiter.

Arbeitskosten bei Hon Hai werden weiter steigen

Für Hon Hai wird es immer schwieriger, die 1,5 Millionen chinesischen Angestellten wie Ma zufriedenzustellen und gleichzeitig zu wettbewerbsfähigen Preisen komplexe Unterhaltungselektronikprodukte herzustellen. Die Arbeitskosten werden durch die neuen Arbeitsplatzrichtlinien um 1,4 Milliarden Dollar steigen, schätzt Bernstein Research. Seit dem zweiten Quartal 2010 ist die Umsatzrendite des Unternehmens aufgrund steigender Gehälter gesunken. Im dritten Quartal dieses Jahres ist die Umsatzrendite dann auf 3,4 Prozent gestiegen, von 2,2 Prozent im Vorjahreszeitraum, weil das Unternehmen auch seinen Kunden mehr berechnet hat, sagen Analysten.

Hon Hai ist mit solchen Problemen nicht allein. Proteste gegen die Arbeitsbedingungen sowie die Bereitschaft, für mehr Gehalt den Arbeitgeber zu wechseln, haben die Elektronikhersteller gezwungen, in ganz China die Gehälter anzuheben. Hon Hai und andere Unternehmen haben einen Teil ihrer Produktion nach Vietnam und Mexiko verlegt, wo die Arbeitskosten oder die Transportkosten zu den Endmärkten niedriger sind.

Hon Hai hat sich bisher nicht dazu geäußert, wie man die Mitarbeiter binden werde, wenn die Überstundenregelung in Kraft tritt. Bernstein schätzt, dass das Unternehmen das Grundgehalt um 50 Prozent erhöhen muss, um die Arbeiter für die entgangenen Überstunden zu entschädigen.

„Wir nehmen die Entscheidung über die Überstundenregelung sehr ernst. Wir wollen den Gesetzen entsprechen, gleichzeitig aber mit den Angestellten einen Kompromiss finden", sagt Hon-Hai-Sprecher Louis Woo. Das Unternehmen habe die Beschwerden der Angestellten zur Überstundengrenze durchaus wahrgenommen.

In Shenzhen, zitiert Woo den Bürgermeister der Stadt, könnten die Gehälter in den nächsten drei Jahren um 80 Prozent steigen.

Zahl der Selbstmorde seit 2010 gesunken

Seit der Selbstmordserie von 2010 hat Hon Hai versucht, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Neben gestiegenen Gehältern können die Arbeiter jetzt beantragen, dass sie in den Wohnheimen mit Freunden untergebracht werden. Außerdem bietet Hon Hai jetzt neue Freizeiteinrichtungen auf dem Gelände sowie Fortbildungskurse.

Das Unternehmen sagt, dass die Anzahl der Selbstmorde gesunken sei, nannte jedoch keine Zahlen. In den Medien wurde seit 2010 über fünf Selbstmorde berichtet. 2010 waren es über ein Dutzend.

Hon Hai hat eine Praxis mit Psychologen eröffnet, die Angestellten in Shenzhen beistehen sollen. Ein Psychologe sagt, die Praxis erhalte täglich 1.200 Anrufe von Arbeitern, die Hilfe suchen. Auf dem Campus in Shenzhen arbeiten 200.000 Menschen. Im Beratungszimmer finden täglich zehn persönliche Sitzungen mit Psychologen statt, während vor dem einzigen Fenster im Raum ein „Selbstmordnetz" baumelt.

Die meisten rufen wegen Beziehungsproblemen an, an zweiter Stelle steht der Umgang mit den langen Arbeitszeiten, sagt der Psychologe. „Sie denken darüber nach, eine Familie zu gründen, und ob sie ein Arbeiter bleiben oder lieber nach Hause gehen sollten, um dort ein Unternehmen zu gründen."

Viele Arbeiter suchen den Absprung

Hon Hai hat sich in den vergangenen zwei Jahren in China immer weiter ausgebreitet und in den zentral gelegenen Städten Chengdu und Zhengzhou Fabriken gebaut, damit die Arbeiter näher bei ihren Familien sein können.

Doch in Shenzhen sind viele Arbeiter noch immer unzufrieden. Der 23-jährige Zhang, der nur seinen Nachnamen nennen will, studiert in seiner Freizeit Volkswirtschaftslehre. Die meisten seiner Kollegen hätten jedoch keine Zeit, um an den Fortbildungsprogrammen von Foxconn teilzunehmen. Mehrere seiner Freunde hätten ihre Stelle in den vergangenen Monaten aufgegeben, sagt er, doch er selbst wolle noch Geld sparen, bevor er wegzieht.

Ma, der seit drei Jahren in der Fabrik in Shenzhen arbeitet, sagt, er komme womöglich nicht mehr zurück, wenn er Anfang kommenden Jahres für die Feiertage nach Hause fährt. „Ich will das hier nicht ewig machen", sagt er.

—Mitarbeit: Lorraine Luk

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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