• The Wall Street Journal

In Russland tobt der Krieg um die Zahlen

Wieviel Geld fließt jedes Jahr aus Russland heraus? Bei dieser Frage sind die Beobachter uneins. Die dortige Zentralbank berichtet jedes Jahr von alarmierend hohen Zahlen. Ein staatlicher Investmentfonds behauptet jetzt, die Summe werde falsch berechnet.

Wieviel Kapital jedes Jahr abfließt, ist eine brisante Frage in dem Land, das sehr abhängig von seinen Öl- und Gasexporten ist. Im Wahlkampf im vergangenen Jahr haben Kreml-Kritiker behauptet, eine repressive Regierung und die weit verbreitete Korruption würden die Investoren aus dem Land treiben.

In den vergangenen vier Jahren sind nach der derzeitigen Berechnungsmethode umgerechnet 231 Milliarden Euro aus Russland ins Ausland abgewandert. Im laufenden Jahr dürfte die Zentralbank auf etwa 51 Milliarden Euro kommen. Aber die Behörde rechnet falsch, und kommt so zu überhöhten Zahlen – das sagt ein Bericht des Staatsfonds Russian Direct Investment Fund, der Unternehmensberatung Ernst & Young und einer Denkfabrik der Staatlichen Universität Moskau.

dapd

Die Mauer des Kreml in Moskau - die russische Regierung plädiert für eine neue Art, den Kapitalabfluss zu berechnen.

Aufkäufe von russischen Unternehmen im Ausland und Umsätze von exportorientierten russischen Firmen, die nicht in Rubel umgerechnet werden, zählt die Zentralbank bisher als Abflüsse. Bei den Zahlen „hat bisher die Fantasie die Oberhand", kommentiert Russlands stellvertretender Wirtschaftsminister Sergej Beljakow den Bericht. Der russischen Regierung kommt die Sichtweise, die die Probleme etwas weicher zeichnet, naturgemäß gelegen: „Die Studie ist sehr wertvoll für uns", so Beljakow. „Wir planen, die Abflüsse stärker zu begrenzen."

Der Bericht schlägt vor, nach den Methoden der Weltbank zu gehen, die nur privates Kapital berücksichtigt. Er bemängelt am jetzigen System auch, dass es Schuldenkürzungen, Dividendenzahlungen an Aktienbesitzer aus dem Ausland und das Kaufen von Fremdwährungen im Ausland berücksichtigt.

Die Zahl von 61 Milliarden Euro an Nettoabflüssen für das Jahr 2011 sei ein „Mythos", sagt der Report. Tatsächlich liege die Zahl eher bei 25 Milliarden Euro – auf die Zahl kommt auch die Weltbank, die den Wert für 187 Länder berechnet.

Russlands stellvertretender Finanzminister Alexei Moisejew ist voll des Lobes für den Bericht, der in seinen Augen die Berechnungen Russlands zu den Kapitalabflüssen auf einen Nenner mit internationalen Standards bringt. „Zur Zeit vergleichen wir Äpfel mit Birnen – wir brauchen auch Äpfel", sagte er.

Andere kritisieren die Rechenspiele. Jewgenij Nadorschin, Chefökonom beim russischen Konglomerat Sistema, erkennt zwar den Sinn aus der Perspektive des Staatsfonds: So könnten die Fondsmanager die Geldflucht von den natürlichen Abflüssen trennen. „Aber die neue Methode wird keine negative Tendenz in eine positive verwandeln."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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