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Zwei Pünktchen erhitzen die russischen Gemüter

MOSKAU – Als Alexander Scheweljow Anfang des Jahres die Geburt seines Sohnes amtlich melden wollte, bereiteten ihm zwei kleine Punkte ein großes Problem. Im Pass seiner Frau wird der Nachname der Familie in der letzten Silbe mit einem kyrillischen ëёgeschrieben, in Scheweljows Pass mit einem e ohne Punkte. Da die Namen nicht gleich geschrieben werden, konnte er sich nicht als Vater seines Sohnes melden.

Die zwei Punkte bedeuten im Russischen, dass der Vokal wie ein ‚jo' ausgesprochen wird anstatt als ‚je'. Obwohl das ë streng gesehen ein eigener Buchstabe ist, hat es im kyrillischen Alphabet nie die gleiche Bedeutung erlangt wie andere Buchstaben. Oft werden die Punkte einfach weggelassen, da für russische Muttersprachler meistens offensichtlich ist, wie der Buchstabe in seinem Zusammenhang ausgesprochen wird. Deshalb nennen die Russen Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow, während sein Name beispielsweise in englischsprachigen Ländern wie „Chruschtschew" ausgesprochen wird.

James Marson/The Wall Street Journal

Der 80-jährige Viktor Tschumakow kämpfte für den vernachlässigten Buchstaben.

Die zwei unauffälligen Punkte quälen seit Jahrzehnten Beamte und verwirren Schüler, die die Sprache lernen. Doch das Problem könnte bald eine Lösung finden: Scheweljow hat im Juli an den russischen Bildungsminister Dmitri Liwanow geschrieben, um sich zu beschweren, und der hat tatsächlich reagiert.

„Wir müssen dieses Problem unbedingt lösen. Millionen leiden darunter", sagte Liwanow im September. Er versprach, die rechtliche Situation zu untersuchen, um womöglich den Gebrauch der beiden Punkte verpflichtend zu machen. Das Ministerium erklärt jedoch nicht, wie genau es das anstellen will.

Russland ist nicht das einzige Land, wo solche Debatten um die Rechtschreibung stattfinden. Nach der deutschen Rechtschreibreform von 1996 boykottierten anfangs einige Zeitungen die Reformen – zum Beispiel ging es um den korrekten Gebrauch des Buchstaben ß.

Doch in Russland geht die Debatte um dasёë über die Rechtschreibung hinaus. Die Gemüter erhitzen sich in dem Zusammenhang sogar über die Geschichte und die Verteidigung des Mutterlandes.

Einige Puristen missbilligten den Buchstaben lange Zeit, nachdem er im 18. Jahrhundert eingeführt wurde, um die umgangssprachliche Aussprache zu reflektieren. Stalin förderte den Gebrauch des Buchstaben in der Zeitung der Kommunistischen Partei und machte seinen Gebrauch in Schulen verpflichtend.

Die Fans des Buchstaben nennen sich „Jofikatoren", Verfechter des ëё, und bestehen darauf, dass die Punkte überall dort genutzt werden, wo ein Buchstabe ‚jo' gesprochen wird. Ihre Gegner halten die Punkte für optional und halten die Jofikatoren für Amateure und Pedanten.

Sprachwächter halten Jo-Leidenschaft für übertrieben

Viktor Tschumakow, der selbsternannte Chef-Jofikator, führte seit zwei Jahrzehnten von seiner Moskauer Wohnung aus einen abenteuerlichen Kampf gegen die „Faulheit" der Schreibenden. Der mittlerweile im Alter von 80 Jahren verstorbene Ingenieur sagte, diese Faulheit sei der Kern dessen, was seit dem Tod Stalins mit Russland nicht mehr stimme. „Seit Stalins Tod verschwindet die Disziplin immer mehr. Die russische Schlampigkeit und Nachlässigkeit gewinnen die Oberhand", sagt er.

Er schickte Beschwerdebriefe an Zeitungsredakteure und Werbetexter, forderte den Kreml wiederholt auf, das Schild an einem Regierungsbüro zu verbessern, und änderte in einem Supermarkt kurzerhand ein Schild mit einem Filzstift. In einem Album sammelte er alle Etiketten und Verpackungen, auf denen die Schreibweise wegen seiner Beschwerden geändert wurde.

Doch seine größten Feinde waren für ihn die Akademiker im Institut der Russischen Sprache. Das staatliche Institut lehrt, dass der Gebrauch der Punkte freiwillig ist und nur dort sein muss, wo die Bedeutung eines Wortes nicht eindeutig ist, oder in einem Eigennamen.

Tschumakow jedoch glaubte, dass das Institut in ein Komplott des US-Geheimdienstes CIA verwickelt ist, durch das Russland geschwächt werden soll. „In allen Ländern ist das Alphabet ein Instrument, mit dem Ordnung geschaffen wird", sagte er. „Wenn das nicht respektiert wird, zerfällt alles."

Die Sprachwächter hielten Tschumakows Leidenschaft für das ё für übertrieben. „Die Jofikatoren schaffen künstlich Aufmerksamkeit für den Buchstaben", sagt dessen stellvertretende Direktorin, Maria Kalentschuk. „Das ist wie eine Parodie. Manche Leute sammeln Briefmarken, andere mögen den Buchstaben ë."

In Markennamen wird der Buchstabe gern verwendet, da er für Aufmerksamkeit sorgt. Der russische Präsident Wladimir Putin hat vergangenes Jahr angedeutet, dass der Erfolg des Hybridwagens „Jo-Mobil" womöglich teilweise dem Namen zu verdanken ist. Das Unternehmen hat erklärt, dass es den Buchstaben als Symbol für das Kulturerbe Russlands sieht.

Scheweljow, dessen Beschwerde beim Bildungsministerium die Debatte um das ë neu entfacht hat, hält das Thema weder für einen Witz noch für ein Hobby. „Ich kann nachvollziehen, wenn man sein Land und seine Sprache liebt. Aber ein Buchstabe?", sagt er. „Ich wünsche mir einfach nur, dass sie das Problem mit den Dokumenten lösen."

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