• The Wall Street Journal

Aktienrückkauf: US-Unternehmen kaufen sich selbst

Dank voller Kassen haben die größten US-Unternehmen in diesem Jahr Milliarden an Dollar in die Hand genommen. Allerdings nicht für neue Werke, sondern für Aktienrückkäufe.

Bis Ende September haben amerikanische Firmen 274 Milliarden Dollar mehr an Aktien zurückgekauft, als sie ausgegeben haben. Das hat Ed Yardeni von der Beraterfirma Yardeni Research errechnet. Und der Kaufrausch geht weiter. Das deutet darauf hin, dass die Unternehmen weiter über hohe Barreserven verfügen, sie aber nicht dafür einsetzen, ihr Geschäft auszubauen oder Arbeitsplätze zu schaffen.

Reuters

Die Supermarktkette Safeway ist eines der Unternehmen, die massiv eigene Aktien kaufen.

In der vergangenen Woche kündigte General Electric an, in den kommenden drei Jahren 10 Milliarden Dollar an Aktien zurückzukaufen. Auch United Technologies wird 2013 bis zu einer Milliarde zurückkaufen, Boeing sogar doppelt so viel. Bei der Verkündung eines Zukaufs über 1 Milliarde Dollar erklärte auch der Farbenhersteller PPG Industries, im kommenden Jahr zwischen 500 und 750 Millionen Dollar für eigene Aktien auszugeben.

Diese Programme werfen ein neues Licht auf die politische Debatte um die Fiskalklippe in den USA. Bei ihrem Besuch in Washington hatten Unternehmensmanager kürzlich von Demokraten und Republikanern gefordert, die Verschuldung abzubauen und die Körperschaftssteuer zu senken, um Investitionen zu fördern. Zurück in ihren Firmenzentralen geben sie ihr Geld aber zuallererst den Aktionären.

„In das existierende Geschäft zu investieren kommt an erster Stelle", sagt Mike Jackson, Chef der größten amerikanischen Autohaus-Kette Autonation . „Aber man kann einen großen Wert schaffen, wenn man bei Verschiebungen im Markt Aktien kauft." Im vergangenen Jahr kaufte Autonation für fast 750 Millionen Dollar Aktien zurück. Dadurch wurden 23 Millionen Aktien vom Markt genommen, die im Umlauf befindlichen Anteile wurden um 15 Prozent reduziert.

Dieser Schritt fraß zwar Geld auf, ließ aber auch den Gewinn je Aktie in die Höhe schnellen. Das ist für Anleger einer der wichtigsten Indikatoren. Für die neun Monate, die im September endete, stieg der Profit bei Autonation um 10 Prozent auf 233,2 Millionen Dollar. Der Gewinn je Aktie legte jedoch um 30 Prozent auf 1,84 Dollar zu.

In einigen Fällen handelt es sich nur um einen Finanztrick: Die Zinsen für Kredite sind aktuell günstiger als die Auszahlung von Dividenden. Daher nehmen Unternehmen lieber Schulden auf, um Aktien aus dem Verkehr zu ziehen. Aber es ist auch eine Methode, um die Gewinne je Aktie zu steigern, ohne neue Produktionskapazitäten oder Arbeitsplätze zu schaffen. Das zeigt, dass viele Manager in der aktuellen globalen Wirtschaftslage keine neuen Risiken eingehen wollen.

Mike Jackson von Autonation sagt, die Rückkäufe gingen nicht auf Kosten von Investitionen in das laufende Geschäft. In den ersten neun Monaten des Jahres stiegen die Kapitalausgaben des Unternehmens um 8 Prozent auf 123 Millionen. Anfang Dezember wurden sechs Autohändler in Texas gekauft, die zusammen einen Jahresumsatz von 575 Millionen erzielen.

Das Unternehmen habe auch so viele Anteile zurückgekauft, weil der Markt wenig zuversichtlich für die Aussichten der US-Autobranche sei, sagt Jackson. „Wir hielten unsere Aktie für unterbewertet. Daher haben wir aggressiv gekauft, was sich ausgezahlt hat."

Tatsächlich sind die einzigen Nettokäufer von US-Aktien in diesem Jahr die Unternehmen selbst, sagt Anlageberater Yardeni. Er hat Daten der Notenbank Fed ausgewertet und festgestellt, dass Kleinanleger und Fonds unter dem Strich Aktien verkauft haben. „Wer hat denn Aktien gekauft?", fragt Yardeni. „Es sind die Konzerne, die ihre Anteile direkt zurückerworben haben."

Safeway ist ein besonders drastisches Beispiel. Die zweitgrößte amerikanische Supermarktkette hat bis zum 8. September innerhalb eines Jahres mehr als 2 Milliarden Dollar für eigene Aktien ausgegeben. Die im Umlauf befindlichen Aktien wurden so um 29 Prozent reduziert. Bezahlt wurde das Programm auch mit Krediten, und zwar über 700 Millionen Dollar. Auf die Bilanz des Unternehmens hat sich das eindrucksvoll ausgewirkt. Obwohl der Nettogewinn nur um 17 Prozent wuchs, stieg der Gewinn je Aktie um satte 65 Prozent. „Wir geben trotzdem noch Geld für Investitionen aus und werden auch in unsere Mitarbeiter investieren", sagte eine Sprecherin von Safeway.

In diesem Jahr will die Supermarktkette für 900 Millionen Dollar neue Filialen eröffnen und ältere Läden renovieren. 2011 gab das Unternehmen dafür 1,1 Milliarden aus.

Die Kapitalausgaben durch die S&P-500-Unternehmen sind nach aktuellem Stand in diesem Jahr zwar noch höher als im Vorjahr. Im dritten Quartal habe das Tempo aber nachgelassen, erklärt das US-Handelsministerium. US-Firmen außerhalb der Finanzbranche verfügen über Barreserven von mehr als 1,7 Billionen Dollar, zeigen Daten der Federal Reserve. Wegen trüber Aussichten in wichtigen Märkten wie China und Europa halten sie sich aber mit Investitionen in Vermögenswerte wie Gebäude, Ausrüstung und Software zurück.

Das Konglomerat Honeywell International erwartet im kommenden Jahr nur ein bereinigtes Umsatzwachstum von 1 bis 3 Prozent. Finanzchef Dave Andersson beschreibt das wirtschaftliche Umfeld als „herausfordernd und ungewiss". Der Hersteller von Flugzeugteilen und Turboladern besetzt deshalb nur eine von vier freiwerdenden Stellen neu. Trotzdem wurde unlängst die Dividende erhöht, im vierten Quartal sollen zudem fünf Millionen Aktien zurückgekauft werden.

Computerriese IBM hat eines der größten Rückkaufprogramme der USA aufgelegt. Über fünf Jahre sollen eigene Anteile im Wert von 50 Milliarden Dollar vom Markt genommen werden. Innerhalb eines Jahres wurden die im Umlauf befindlichen Aktien bereits um 4,9 Prozent reduziert.

Gleichzeitig hat IBM durch eine Reihe kleiner Übernahmen sein Softwaregeschäft ausgebaut und seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöht. „Organisches Wachstum ist das oberste Ziel"; sagt Jim Russell, Aktienstratege beim Vermögensverwalter U.S. Bank. „Aber angesichts des langsamen Wachstums und der Unsicherheit in Washington ist das nicht immer möglich."

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