• The Wall Street Journal

Fiskalklippe? Welche Fiskalklippe?

Die USA steuern auf die Fiskalklippe zu – trotzdem kaufen die Anleger an den US-Börsen weiter kräftig Aktien. In der vergangenen Woche ist der Dow-Jones-Index auf seinen höchsten Stand seit fast zwei Monaten geklettert. Seit Mitte November hat er 4,7 Prozent dazugewonnen und steht jetzt bei 13135,01 Zählern.

Zuletzt scheint in die Debatte um die Fiskalklippe Bewegung gekommen zu sein. Der Sprecher der Republikaner im Repräsentantenhaus, John Boehner, hat erstmalig eine höhere Besteuerung von Amerikanern mit Einkommen über einer Million Dollar ins Spiel gebracht. Doch das ist immer noch weit entfernt vom Vorschlag des Präsidenten Barack Obama. Der will die Steuern schon ab einem Verdienst von einer Viertelmillion heraufsetzen.

Associated Press

Es deutet sich ein Fortschritt im Streit der US-Parteien um die Fiskalklippe an - sicher ist die Einigung aber noch längst nicht.

Eine Lösung ist also noch längst nicht gefunden. Und einige Investoren warnen, dass die Risiken am Aktienmarkt jeden Tag steigen, an dem die US-Regierung in Washington keine Einigung findet im Streit um die Klippe – also die fatale Mischung aus Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen, die ab Januar anstehen. Wenn dieser Cocktail tatsächlich kommt, weil die Parteien keinen Kompromiss hinbekommen, dann dürften die USA zurück in die Rezession gleiten.

Doch diese Bedrohung ist in den letzten Wochen in den Hintergrund geraten. Die Anleger scheinen zuversichtlich, dass sich die Demokraten und Republikaner in letzter Sekunde einigen – und es sich bei den Debatten zwischen den Parteien nur um politisches Theater und Taktieren handelt. So kauften Investoren in der vergangenen Woche wieder kräftig zu, nachdem die US-Notenbank Federal Reserve weitere Geldspritzen angekündigt hatte. US-Staatsanleihen lassen die Anleger in ihrer Risikolust dagegen liegen – die Rendite, die steigt wenn die Nachfrage fällt, ist in der vergangenen Woche erneut geklettert und liegt jetzt bei 1,709 Prozent.

Diese Männer führten die USA an den finanziellen Abgrund

Auch in Europa steigen die Kurse seit Wochen, Fiskalklippe hin oder her. Der Dax ist am Montagvormittag um 0,3 Prozent gestiegen. Auch die Hoffnung auf eine Einigung zwischen Demokraten und Republikanern, angefacht durch die konziliante Äußerung des republikanischen Sprechers des Repräsentantenhauses Boehner, dürfte dabei eine Rolle gespielt haben.

Doch die Hoffnungen könnten sich als riskant erweisen. Bei einer derartigen Unsicherheit „könnte der Markt schnell um 1.000 Punkte steigen oder fallen", glaubt Hank Smith, Anlagechef bei Haverford Trust, einer Investmentgesellschaft, die mehr als sechs Milliarden US-Dollar verwaltet. John Manley, der bei der Fonds-Tochter Advantage Funds des Investmenthauses Wells Fargo der Chefanleger ist, schätzt, dass Aktien um zehn Prozent fallen könnten, wenn die Parteien keine Einigung finden.

Peter Tuz, der beim Vermögensverwalter Chase Investment Counsel Portfoliomanager ist, sagt, er sei überrascht darüber, wie wenig die Märkte nachgegeben haben. Er glaubt, dass die Kurse um fünf bis zehn Prozent nachgeben könnten, wenn die Gespräche scheitern. Für institutionelle Investoren – die oft ihr gesamtes Geld in Aktien investiert haben wollen – steckt er das Kapital in verhältnismäßig sichere Unternehmenspapiere, wie Pharmafirmen. Für Privatanleger verkauft er Aktien, und lässt Geld im Depot.

Und diese Möglichkeit gibt es, immer noch: Laut einer mit den Verhandlungen vertrauten Person ist den Demokraten der Zugewinn durch die von Boehner vorgeschlagene Steuererhöhung nicht hoch genug. Zudem werde in dem Vorschlag die Verlängerung von auslaufenden Arbeitslosenbeihilfen nicht erwähnt. Das Konzept kann auch immer noch von konservativen Republikanern abgelehnt werden, die die Steuern nicht erhöhen wollen.

Wenn sich der Kompromiss in Luft auflösen und sich Enttäuschung ausbreiten würde, dann dürften nicht nur die amerikanischen, sondern auch die deutschen und europäischen Anleger leiden. Die Analysten von Seydler Research warnen in ihrem Bericht vom Montag an den deutschen Märkten vor einer höheren Volatilität durch die Fiskalklippe. Auch die Analysten der WGZ Bank machen in ihrem Bericht auf die Verbindung der Märkte aufmerksam: Die Vergangenheit habe gezeigt, „dass ein Ablösen von der Wall Street auf Dauer nicht möglich ist", schreiben sie in ihrem letzten Bericht.

—Mitarbeit: Benjamin Krieger, Ralf Zerback und Florian Bamberg

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