Von MAX COLCHESTER
Die von mehreren Skandalen erschütterte britische Bankenwelt blickt mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung auf ein kaum bekanntes schwedisches Kreditinstitut und sein Geschäftsmodell. Die Svenska Handelsbanken AB begann in Großbritannien vor rund einem Jahrzehnt und exportierte ihre einzigartige Strategie gleich mit: Die Schweden setzen auf Dezentralisierung, statt auf eine teure, übermächtige Zentrale. Die Filialleiter vor Ort dürfen bei Handelsbanken viel mehr Entscheidungen treffen als bei ihren Wettbewerbern. Sie erhalten auch keine Boni, müssen aber für notleidende Kredite geradestehen.
Handelsbanken ist weitgehend ungeschoren durch die Finanzkrise gekommen und ist eine der am schnellsten expandierenden Filialbanken in Großbritannien. Alle zehn Tage wird eine neue Niederlassung eröffnet. Gleichzeitig gehören die Schweden zu den profitabelsten ihrer Branche. Auch dank der britischen Tochter erwirtschaftet Handelsbanken eine Rendite von 13,7 Prozent.
"Ihr Geschäftsmodell ist faszinierend in seiner Ausrichtung", sagte jüngst der Direktor für Finanzstabilität der britischen Notenbank, Andrew Haldane. "Für die Bankenbranche ist das ein Weg zurück in die Zukunft." Haldane ist nur einer von mehreren britischen Regulierern, der in den vergangenen Monaten voller Bewunderung über diese Bank sprach.
Das Interesse am Modell von Handelsbanken kommt zu einer Zeit auf, in der die europäischen Geldhäuser ihre Geschäfte neu verorten. Sie wollen sich stärker den heimischen Filialkunden zuwenden und ihre angeschlagene Reputation verbessern.
Das Investmentbanking unterliegt inzwischen immer strengeren Auflagen. Auf diese Sparte könnten sich Finanzinstitute nicht mehr verlassen, um Wachstum zu erzielen, sagt Bankenanalyst Cormac Leech von Liberum Capital. Stattdessen müssten sie traditionelle Kunden zurückgewinnen. "Noch bis zum Jahr 2007 sahen Banken ihre Kunden als potenzielle Opfer und als Zielgrößen für Verkaufsaktionen und Produkte, die sie gar nicht benötigen", erklärt Leech. "Jetzt merken die Banken: Dieses Modell ist desaströs."
Handelsbanken ist - gemessen an der Marktkapitalisierung von knapp 145 Milliarden schwedischen Kronen oder umgerechnet 16,8 Milliarden Euro - die zweitgrößte Bank Schwedens. Sie will das Scheitern des alten Modells für eigene Zwecke nutzen und auf ihre Kundenfreundlichkeit bauen.
Wie schwer sich die britischen Banken mit der Vergangenheit tun, illustrieren ihre horrenden Rückstellungen. Die Institute von der Insel haben mehrere Milliarden britische Pfund zurückgelegt, um geprellten Kunden ihren Schaden zu erstatten. Manche Kunden hatten sich wegen Fehlberatungen unsinnige Versicherungsprodukte zugelegt. "Britische Banken haben sich in ihrer geschäftlichen Herangehensweise kaum unterschieden", sagt der britische Handelsbanken-Chef Anders Bouvin und ergänzt: "Die meisten Kunden sind ziemlich verärgert über ihre Kreditinstitute."
Großbritannien Wachstumstreiber
Trotz flauer Wirtschaft ist Großbritannien laut Bouvin der größte Wachstumstreiber für Handelsbanken. Das Geldhaus begann hier ursprünglich, um vor allem für seine schwedischen Kunden da zu sein. Das ist inzwischen Geschichte: Jetzt stehen die Briten im Vordergrund. Handelsbanken kommt inzwischen auf 140 britische Filialen. Während ihre einheimischen Wettbewerber reihenweise Niederlassungen schließen und die Kreditvergabe reduzieren, steigert Handelsbanken in Großbritannien seine ausgeteilten Darlehen um rund 25 Prozent jährlich.
Einige britische Banken wollen jetzt beim erfolgreichen Vorbild abkupfern. Lloyds Banking Group PLC kündigte jüngst ein Pilotprogramm an, um neue Anreizpakete für sein Personal zu testen. Die Belegschaft soll nicht mehr dafür belohnt werden, Finanzprodukte an den Mann zu bringen. Die Zielvorgabe lautet stattdessen in 80 Testfilialen: Kunden halten. Barclays PLC will bis zum Jahresende die Verkaufsziele für sein Filialpersonal komplett eindampfen.
Aber um die Strategie von Handelsbanken komplett zu übernehmen, müssten die Finanzhäuser sich radikal wandeln. Handelsbanken sei der Überzeugung, Filialleiter vor Ort kennen ihre Kunden besser als die Zentrale, könnten Kreditrisiken akkurater einschätzen und besseren Service bieten, sagt Bouvin. Die schwedische Bank gibt nur eine Zielgröße vor: Die Rendite sollte im Durchschnitt höher liegen als die der Wettbewerber. Alle Handelsbanken-Filialen werden miteinander verglichen. Trotzdem bekommt niemand für seine Kreditentscheidungen einen Bonus. Dies würde zu riskanten Geschäften verleiten, befürchtet das Management. Stattdessen werden bis zu einem Drittel der über der Zielrendite liegenden Gewinne zu gleichen Teilen unter den Mitarbeitern aufgeteilt. Diese Gewinnbeteiligung wird hauptsächlich in Handelsbanken-Aktien angelegt und kann nur angezapft werden, sobald der Angestellte 60 Jahre alt wird.
Für Neueinsteiger kaum kopierbar
Das Modell, mit dem Handelsbanken in Großbritannien prosperierte, dürfte für Neueinsteiger allerdings kaum kopierbar sein. Die britische Tochter erhält den Großteil ihrer Finanzierung vom schwedischen Mutterkonzern, der wegen seiner Größe und der Stärke der schwedischen Wirtschaft an den Finanzmärkten sehr günstig an Kapital kommt. Das bedeutet: Handelsbanken Großbritannien muss nicht verzweifelt Einlagekunden gewinnen oder eigene Schuldscheine ausgeben. Das ist ein Vorteil gegenüber lokalen Banken.
Unklar ist auch, ob die Verkaufsstrategie von Handelsbanken für ein Massenpublikum in Frage käme. "Derzeit schöpfen sie die Sahne ab. Sie bieten den besten 20 Prozent aller Kunden einfach besseren Service", sagt Analyst Gary Greenwood von Shore Capital. Handelsbanken gibt nicht an und auch nicht vor, wie teuer ihre Finanzprodukte - etwa Kredite - genau sind. Jeder Filialleiter trifft die Entscheidung je nach Einzelfall. Diese fehlende Transparenz sorgt für höhere Margen, aber im Gegenzug verlangen die Kunden eine sehr persönliche Beratung.
Durch den Wegfall ganzer Ebenen im mittleren Management verringere Handelsbanken die Kosten deutlich, argumentiert Bouvin. Dadurch ließen sich immer neue Geschäftsstellen eröffnen, ohne dass die Margen unter Druck gerieten. Handelsbanken schielt derzeit auf 316 Filialen der Royal Bank of Scotland, die zum Verkauf stehen, nachdem die spanische Santander aus dem geplanten Geschäft wieder ausgestiegen war. "Unsere Wachstumsgeschwindigkeit beschleunigt sich, und das wird anhalten", erklärt Bouvin.
—Mitarbeit: Gustav SandstromKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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