• The Wall Street Journal

Anleger wetten auf Athens Anleiherückkauf

dapd

Inhaber griechischer Staatsanleihen bei Protesten vor der griechischen Zentralbank in Thessaloniki. Im bald sechsten Jahr der Rezession mit einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent gehören wütende Demonstrationen gegen das Sparen inzwischen zum Alltag.

Griechische Staatsanleihen bringen gerade so wenig Rendite ein, wie seit dem Schuldenschnitt Anfang des Jahres nicht mehr. Grund: Börsenhändler und Investoren spekulieren darauf, dass die Regierung in Athen bald Anleihen von privaten Investoren zurückkaufen wird, um ihre erdrückende Schuldenlast zu senken. Ihre Nachfrage bescherte den Papieren am Donnerstag eine Kursrally.

Der Kursanstieg aber bringt neue Probleme mit sich. Sollte Griechenland tatsächlich eine Rückkaufaktion starten, müsste das Land Investoren möglicherweise eine Prämie zahlen, damit der Plan aufgeht. Die gestiegenen Preise aber würden dann ein Rückkaufabkommen für die Gläubiger der Eurozone verteuern. Das Land würde mit demselben finanziellen Einsatz weniger Anleihen zurückkaufen können, also auch seine Schuldenlast weniger stark senken.

Am Mittwoch hatte Deutschland signalisiert, dass es bereit sei, Griechenland für eine solche Rückkaufaktion zusätzlich 10 Milliarden Euro zu leihen. Daraufhin begann die Rally an den Märkten.

Die Idee des Anleiherückkaufs kursiert schon seit rund einem Monat bei den Politikern und Marktteilnehmern, aber die große Frage war, wie das klamme Griechenland die Aktion finanzieren sollte. In Marathongesprächen mit anderen Vertretern der Eurozone räumte Deutschland in dieser Woche aber erstmals ein, dass Griechenland durchaus noch mehr Geld aus dem Euro-Rettungsfonds ziehen könnte, um Anleihen zurückzukaufen.

Es war ein Friedensangebot an den Internationalen Währungsfonds (IWF), der Deutschland und andere sich sträubende Euro-Staaten zuvor aggressiv bedrängt hatte. Sie sollten endlich neue Ideen vorlegen, wie die griechische Staatsverschuldung bis 2020 auf 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zu senken sei.

Anleger haben mehr Vertrauen

Viele halten die jüngste Kursrally bei den Staatsanleihen für ein gutes Zeichen. Anleger vertrauten mehr und mehr darauf, dass die EU-Regierungen das verschuldete Griechenland wieder auf die Füße bekommen, heißt es – obwohl die Gläubigergespräche zwischen den Euro-Finanzministern und dem IWF zum zweiten Mal in zwei Wochen geplatzt sind.

Am Donnerstag sank die Rendite auf zehnjährige griechische Staatsanleihen, die sich gegenläufig zu den Kursen entwickeln, auf 16,05 Prozent – ein Unterschied von mehr als 0,5 Prozentpunkten im Vergleich zum Vortagesschlusskurs. Schon am Mittwoch waren die Renditen um 0,4 Prozentpunkte gefallen. Der Kurs liegt damit jetzt bei 35 Prozent des Nennwerts.

Griechische Schuldtitel mit Fälligkeit im Jahr 2040, die beim Schuldenschnitt für private Investoren im März aufgelegt wurden, werden jetzt zu 26 Prozent gehandelt. Anfang November lag der Kurs noch unter 20. Am Donnerstag fiel deren Rendite um 0,63 Prozentpunkte auf 13,53 Prozent.

Bei der großen Umschuldung im März tauschten private Investoren ihre Anleihen gegen neue Papiere mit einem nur noch halb so hohen Nennwert, geringeren Kupons und längeren Laufzeiten. Rund 105 Milliarden Euro an griechischen Schulden wurden auf diese Weise abgeschrieben. Die neuen Titel laufen nun zwischen 11 und 30 Jahren und bringen mit zunehmender Laufzeit höhere Zinsen ein: bis 2015 sind es 2 Prozent; zwischen 2016 und 2020 gibt es 3 Prozent; 2021 sind es 3,65 Prozent und darüberhinaus werden bis 2042 jährlich 4,3 Prozent gezahlt.

Vor allem Händler treiben die Preise

Aktuell sind griechische Staatspapiere im Wert von etwa 130 Milliarden Euro im Umlauf. Private Anleger halten davon nach Angaben der ING Bank rund 63 Milliarden Euro, bei der Europäischen Zentralbank liegen rund 40 Milliarden Euro.

Wenn die Regierung in Athen jetzt tatsächlich einen Teil ihrer Schuldtitel zurückkaufen würde, könnten sich einige Anleger bequem aus diesem Geschäft mit griechischen Staatsanleihen zurückziehen. Der Markt ist klein und die Handelsvolumina normalerweise gering – zum Leidwesen von Investoren, die auf den Papieren sitzen geblieben sind und nicht einfach verkaufen können, ohne große Preisschwankungen auszulösen.

„Der Markt scheint stark von einem Rückkauf auszugehen", sagt Sohail Malik, Portfoliomanager bei der Londoner Vermögensverwaltung ECM. Allerdings würden momentan vor allem Händler die Preise hochtreiben, weil sie einen höheren Rückkaufpreis erwarten, sagt er.

Marktteilnehmer rechnen damit, dass die griechische Regierung einen Preis über dem derzeitigen Marktniveau anbieten muss. Nur dann hätten viele private Anleihebesitzer einen Anreiz, ihre Schuldentitel zu verkaufen und nicht bis zum Ende der Laufzeit zu halten. Einige Anleger dürften es vorziehen, jetzt die kleine Prämie einzustecken und dafür nicht den sicher noch heftigen Kursschwankungen bis zur Fälligkeit ausgesetzt zu sein.

Anleihekurse könnten noch weiter steigen

Griechenland werde im Schnitt mehr als 30 Prozent bieten müssen, „um eine ordentliche Beteiligung beim Anleiherückkauf sicherzustellen", sagt Gabriel Sterne, Volkswirt bei der Investmentbank Exotix, die sich auf illiquide Anleihen wie die griechischen spezialisiert hat. „Jeder Anleihebesitzer fragt sich gerade, ob es sinnvoll ist, am Schuldentausch teilzunehmen oder noch weiter abzuwarten", sagt Sterne. Sein Kalkül: Wenn nach dem Rückkauf nur noch einige wenige Investoren übrig bleiben, sinke die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls erheblich. Dann könnte der Anleihekurs noch weiter steigen, spekuliert Sterne.

Dass es auf dem Markt für griechische Anleihen in den vergangenen Tagen so hoch her ging, weist allerdings mitnichten darauf hin, dass sich Griechenlands wirtschaftliche Zukunft verbessert hätte. Das Land steckt nach wie vor in einer schweren Rezession, die sich auch 2013 fortsetzen dürfte. Das wäre das sechste Jahr in Folge, und die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland liegt inzwischen bei mehr als 50 Prozent. Wütende Volksproteste gegen die Sparmaßnahmen der Regierung gehören in Athen inzwischen zum Alltag.

Marktkenner Malik warnt deshalb vor überzogenen Erwartungen: „Ich kann in den Fundamentaldaten nichts erkennen, was den Kauf griechischer Schulden rechtfertigen würde", sagt er. „Man muss schon sehr überzeugt sein, dass Griechenland eine hohe Prämie zahlt, um die Anleihen zurückzukaufen – aber das ist reine Spekulation."

Rückkauf soll Schuldenlast mindern

Griechenland wartet immer noch sehnsüchtig darauf, dass sich die internationalen Gläubiger in der Schuldenfrage einigen und beschließen, die schon lange versprochene nächste Kredittranche von 31,5 Milliarden Euro auszuzahlen. Der IWF und selbst einige Mitglieder der Eurozone finden, es sei an der Zeit, dem Land einen erheblichen Schuldenerlass zu gewähren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble aber hielten am Mittwoch an ihrer harten Linie fest. Sie fänden es besser, wenn Griechenland neues Geld aus dem Rettungsfonds der Eurozone bekäme, damit Athen seine Schuldenpapiere von privaten Anlegern zurückkaufen könnte, sagten sie im Bundestag.

Ein Rückkauf gäbe Griechenland die Möglichkeit, Staatsanleihen mit einem Preisabschlag zurückzukaufen und abzuschreiben. Das würde es dem Land erleichtern, seine Schuldenquote bis 2020 auf 120 Prozent zu drücken, so wie es der IWF als Gegenleistung für neue Hilfen fordert.

Die Europäische Kommission rechnet vor, dass die Schuldenquote Griechenlands in diesem Jahr wohl bei 176,7 Prozent liegen wird und im nächsten Jahr sogar bei 188,4 Prozent. Liefe das Rettungsprogramm unverändert so weiter wie bisher, würde Griechenland nach Berechnungen der EU und des IWF selbst im Jahr 2020 noch eine viel zu hohe Verschuldung von 144 Prozent der Wirtschaftsleistung aufweisen.

Rückkauf könnte teurer als erwartet werden

Aber die Idee mit dem Rückkauf könnte ins Leere laufen, wenn es mit der Kursrally bei den griechischen Staatsanleihen so weiter gehen sollte. Denn je höher die Anleihekurse steigen, desto mehr muss Athen zahlen, damit private Gläubiger ihre Papiere verkaufen.

Damit der Rückkauf letztlich gelingt und tatsächlich zum Abbau des griechischen Schuldenbergs beiträgt, müsste wirklich ein Großteil der Anleihebesitzer zum Verkauf bereit sein. Es droht die Gefahr, dass zu viele Gläubiger an ihren Papieren festhalten, weil sie glauben, dass die Preise noch weiter steigen.

Die Analysten der Commerzbank glauben jedoch, dass die Rally sowieso nicht lange anhalten werde. „Wie viel besser kann es denn noch werden?" fragen sie und verweisen auf die hohen Kurse sowohl bei kürzer wie auch länger laufenden Anleihen. Große Investoren, „die ihre Bestände noch nicht reduziert haben, sollten darüber nachdenken, ihre Positionen abzubauen", schreiben sie.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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