Von BEATE PREUSCHOFF
BERLIN – „Die Bahn macht mobil": diesen Slogan der Bundesbahn könnte jetzt Siemens zu spüren bekommen. Nachdem Siemens die Auslieferung der neuen ICE-3-Züge erneut wegen technischer Probleme verschoben hat, mobilisiert die Bahn jetzt gegen den Konzern. Siemens muss sich auf Entschädigungsforderungen einstellen und zudem damit rechnen, dass die Bahn künftig nicht mehr allein auf Siemens als Lieferanten setzen wird. Die Stimmung zwischen den beiden Aushängeschildern der deutschen Unternehmenslandschaft scheint auf dem Gefrierpunkt.
„Unsere Kunden fühlen sich von Siemens im Stich gelassen", fasst Berthold Huber, Vorstandsvorsitzender der Bahntochter DB Fernverkehr, den Ärger der Bahn einen Tag nach der Hiobsbotschaft zusammen. Man habe fest damit gerechnet, im bevorstehenden Winter die neuen Züge als Reserveflotte zur Verfügung zu haben für den Fall, dass bei extremer Witterung fahrplanmäßige Züge ausfallen.
Die Bahn hatte acht der insgesamt 16 bestellten und bereits bezahlten neuen Fernverkehrszüge ab 9. Dezember im Deutschlandverkehr eingeplant. Diese Reserve fehle jetzt. Huber warnte vor Zugausfällen und Zugverspätungen. Die Verantwortung dafür schrieb er Siemens zu. „Man muss sich vor Augen führen, dass die Züge im Dezember 2008 bestellt wurden und uns ursprünglich bereits im letzten Dezember versprochen waren", ereiferte sich Huber. Eigentlich sollten die neuen ICEs am Freitag zugelassen werden. Siemens-Chef Peter Löscher hatte das selbst zugesagt.
Bahn will Konsequenzen ziehen
Siemens zeigte sich reumütig über die weitere Auslieferungsverspätung. Nachdem die Pressemitteilung am Vorabend möglichst unauffällig ohne Betreffzeile per Mail versandt worden war, gab sich ein Sprecher am Tag danach kleinmütig. Dass es Verzögerungen gebe, „tut uns natürlich leid, wir bedauern die Verzögerungen ausdrücklich", sagte ein Siemens-Sprecher dem Wall Street Journal Deutschland. Beide Seiten hätten damit gerechnet, die Zulassung rechtzeitig zu bekommen. Beide Seiten hätten aber auch gewusst, „dass der Zeitplan eng werden würde". Siemens arbeite mit der Bahn auf allen Ebenen eng zusammen, um die Probleme zu lösen, so der Siemens-Sprecher weiter.
Entschuldigungen und Versprechungen dieser Art werden der Bahn allerdings nicht reichen. Der Geduldsfaden ist gerissen, daran ließ Bahn-Technikvorstand Volker Kefer keinen Zweifel. Dass Siemens Entschädigung wird leisten müssen, „davon können Sie ausgehen", sagte Kefer dem Wall Street Journal Deutschland. Ursprünglichen sei 2011 als Auslieferungsdatum vertraglich vereinbart gewesen. „Das Datum haben wir jetzt schon seit längerer Zeit gerissen und allein daraus entstehen Forderungen von unserer Seite, die man auch beziffern kann", sagte Kefer, ohne Details nennen zu wollen.
Noch nicht abzuschätzen sei, wie hoch die Forderungen sein dürften, die aus dem erneuten Verzug entstünden. Klar sei aber, dass die Bahn ihre „Ansprüche natürlich geltend machen werde", notfalls auch auf dem Klageweg. „Aber wir haben schon ein Interesse, dass wir das unter uns regeln können und nicht vor Gericht gehen müssen", sagte Kefer dem Wall Street Journal Deutschland. Gespräche mit Siemens über dieses Thema liefen bereits.
Und noch eine Konsequenz will die Bahn aus den Problemen mit Siemens ziehen. Künftig will man Siemens nicht mehr als einzig denkbaren Lieferanten in Betracht ziehen. Der dabei geäußerte Vorwurf dürfte Siemens ins Mark treffen: „Um eine belastbare Einsatzplanung der Fahrzeugflotte zu machen, brauchen wir dringend mehr Verlässlichkeit bei der Herstellerindustrie", betonte der Bahn-Technikvorstand.
Auch internationaler Verkehr betroffen
Die Bahn werde den Wettbewerb fördern, damit es „schlichtweg mehr Anbieter gibt für die Produkte, die wir brauchen", sagte Kefer. Die Auftragsvergabe über 470 neue Züge mit einem Ordervolumen von 1,2 Milliarden Euro an den polnischen Zughersteller Pesa zeige das Bestreben, neue Anbieter einzubeziehen. Zwar müssten Wechsel gerade im Hochgeschwindigkeitssegment mit Augenmaß und Sorgfalt betrieben werden. „Aber den Weg gehen wir", sagte der Bahn-Technikvorstand.
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Von den aktuellen Lieferverzögerungen bei Siemens sei auch der Ausbau des internationalen Fernverkehrs betroffen, erklärte die Bahn. Verbindungen über Frankreich nach Belgien könnten nicht so früh wie geplant geschaffen werden. Diese seien jedoch Voraussetzung für die Anbindung nach London, die nach derzeitigem Stand deshalb nicht vor 2016 realisiert werden könne.
Die Gründe für die Auslieferungsverzögerung lagen nach Angaben von Kefer vor allem in Problemen bei der Leit- und Sicherungstechnik, bei der Kupplung von Zügen und in Problemen im Speisewagen. Auf Testfahrten Anfang November sei es zudem zu Problemen bei der Zugsteuerung gekommen, etwa in Form von ungewollten Zwangsbremsungen.
Komplexität überschätzt
Die Lieferung der 16 Züge der neuen Generation ist schon seit Jahren ein Streitthema zwischen Berlin und München. Vor gut vier Jahren hatte die Deutsche Bahn die Züge der neuen Generation, von denen jeder einen Wert von rund 35 Millionen Euro hat, bestellt und bezahlt. Neben der Modernisierung der eigenen Fahrzeugflotte sollte damit auch die dringend notwendigen Reserven geschaffen werden, um im Fernverkehr die alljährlichen Ausfälle bei scharfem Frost und winterlichen Bedingungen auffangen zu können. Mit der Verzögerung der Auslieferung über den Fahrplanwechsel im Dezember hinaus ist praktisch vorprogrammiert, dass es auch in diesem Winter zu Zugausfällen und Verspätungen kommen wird.
Noch im Oktober war die Deutsche Bahn davon ausgegangen, acht der neuen Züge noch Ende diesen Jahres geliefert zu bekommen. Dies habe ihm Siemens-Chef Peter Löscher „fest zugesagt" und er „setze auf das Wort" Löschers, hatte Bahn-Chef Rüdiger Grube in einem Interview Anfang Oktober gesagt. Die neuen Züge seien ein wichtiger Bestandteil bei der Strategie, die Bahn bis Ende 2014 „winterfest" zu machen. Dieser Zeitplan, für den die Bahn nach eigenen Angaben im Vorjahr einen dreistelligen und dieses Jahr noch einmal einen zweistelligen Millionenbetrag investiert hat, gerät jetzt in Gefahr.
Nach den Problemen mit den Netzanschlüssen für Windparks vor der deutschen Küste in der Nordsee, die den Münchener Konzern rund 600 Millionen Euro gekostet haben, sind die Verzögerungen bei der Auslieferung der Schnellzüge ein weiterer Fall, bei dem Siemens offenbar die Komplexität eines Auftrags unterschätzt hat. In den Büchern von Siemens haben die Probleme beim ICE-3 bereits Spuren hinterlassen. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2011/12 hatte Siemens wegen den Verzögerungen bereits knapp 70 Millionen Euro als Belastung gebucht. Ob wegen der neuerlichen Verzögerung weitere Belastungen anstehen, konnte Siemens auf Anfrage nicht sagen.
—Mitarbeit: Ursula QuassKontakt zum Autor: beate.preuschoff@dowjones.com







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