• The Wall Street Journal

Die Fiskalklippe trifft Durchschnittsbürger besonders hart

Noah Rabinowitz for The Wall Street Journal

Todd Sardini, Inhaber einer kleinen Baufirma, müsste geplante Investitionen streichen, wenn die Fiskalklippe kommt.

Bis zum Jahresende müssen die US-Regierung und der Kongress ihre Budget-Streitigkeiten beigelegt haben. Sonst treten am 2. Januar automatisch Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen in Kraft. Von dieser so genannten Fiskalklippe wären fast alle amerikanischen Haushalte betroffen. Und Familien mit niedrigem Einkommen würden finanziell am schlimmsten in Mitleidenschaft gezogen.

Gelingt den Kontrahenten die Einigung nicht, wartet manch böse Überraschung auf die amerikanischen Steuerzahler. Hatte ein verheiratetes Paar mit einem Einkommen von 20.000 bis 30.000 Dollar im Jahr bisher im Schnitt eine Steuergutschrift von 15 Dollar erhalten, müsste es ab dem kommenden Jahr den Finanzbehörden 1.408 Dollar überweisen, ergaben Berechnungen des Tax Policy Center, eines Gemeinschaftsunternehmens der Brookings Institution und des Urban Institute.

Damit wäre das Ehepaar nicht alleine. Nach Schätzungen des Tax Policy Center sähen sich rund 90 Prozent aller amerikanischen Haushalte im kommenden Jahr mit höheren Steuerbescheiden konfrontiert, wenn es Washington nicht gelingt, ein Programm zur Defizitreduzierung zu entwerfen, das die Fiskalklippe aus dem Weg räumen würde. Scheitern die zerstrittenen Parteien, schlägt die Fiskalfalle zu. Dann treten 2013 Steuererhöhungen über insgesamt 400 Milliarden Dollar und Ausgabenkürzungen über 100 Milliarden Dollar in Kraft. Denn unterschiedliche Steuerkürzungen und andere steuerliche Maßnahmen, die jeweils nur befristet genehmigt worden waren, laufen zum Jahresende aus.

Einschnitte bei der Arbeitslosenhilfe

Der Großteil der Erhöhungen ergibt sich aus dem Erlöschen von Steuerminderungen aus der Ära von US-Präsident George W. Bush, wodurch die Grenzsteuersätze steigen würden. Gleichzeitig laufen verschiedene vorübergehende Steuervergünstigungen aus, die US-Präsident Obama nach der Finanzkrise durchgesetzt hatte. Außerdem würde die Lohnsteuer, die die Arbeitnehmer zahlen, von 4,2 Prozent auf 6,2 Prozent angehoben. Davon wären die meisten amerikanischen Haushalte – nämlich insgesamt 121 Millionen – betroffen.

Zum Jahresende wäre zudem Schluss mit einer Vorkehrung, mit der sich die so genannte „Heiratsstrafe" abmildern lässt. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Vorschriften, denen zufolge viele Ehepaare höhere Steuern zahlen müssen, wenn sie ihre Steuererklärung gemeinsam abfassen. Und die Einkommen Millionen weiterer Familien würden dann der so genannten „Alternative Minimum Tax", kurz AMT, unterliegen. Eigentlich war dieses separate Steuerbemessungssystem eingeführt worden, um Steuerschlupflöcher für die äußerst Wohlhabenden zu schließen. Die AMT würde jetzt allerdings auch Haushalten der Mittelschicht drohen, wenn die politisch Verantwortlichen eine Regelung, die im vergangen Jahr auslief, nicht erneuern.

Erschwerend kommt hinzu, dass im kommenden Jahr die erweiterte Arbeitslosenunterstützung der Bundesregierung für bis zu fünf Millionen Amerikaner flach fiele. Viele weitere Angestellte könnten ihre Arbeitsplätze verlieren oder beurlaubt werden, wenn Einschnitte bei den Ausgaben des Bundes staatliche Behörden oder Auftragnehmer dazu veranlassen, ihre Belegschaft zu reduzieren.

Wie stark die einzelnen Haushalte betroffen sind, wenn Amerika von der Fiskalklippe fällt, hängt von einer Reihe unterschiedlicher Faktoren ab. Dafür sorgt die Komplexität der US-Abgabenordnung. Zu berücksichtigen sind dabei die Höhe des Einkommens, der Familienstand, die Zahl der Kinder und andere Merkmale.

Haushalte mit niedrigem Einkommen hätten besonders darunter zu leiden, wenn Regelungen aus dem 2009 erlassenen Gesetz zur Wirtschaftserholung ersatzlos wegfielen. Dazu gehören etwa die erweiterte Verfügbarkeit von Steuergutschriften auf Erwerbseinkommen, Kinderfreibeträge und Steuerentlastungen bei Ausgaben für die College-Ausbildung.

Haushalte mit mittlerem Einkommen würden hart getroffen

„Das ist eine ernste Sache für mich", sagt Traci Petty über die Fiskalklippe. Die 42-jährige Alleinerziehende studiert in Danville im US-Bundestaat Virginia Betriebswirtschaft in einem Master-Studiengang. Sie arbeitet halbtags bei einer gemeinnützigen Organisation und verdient rund 30.000 Dollar im Jahr.

Petty wäre gleich dreifach gestraft, wenn der Kinderfreibetrag von 1.000 Dollar auf 500 Dollar sinkt, höhere Lohnsummensteuern zu entrichten sind und die Steuerklasse von zehn Prozent, die noch aus den Zeiten von Bush stammt, gestrichen wird. Normalerweise waren ihr jedes Jahr Steuern über rund 4.000 Dollar zurückerstattet worden. Auf das Geld hatte sie immer gesetzt, um damit offene Rechnungen zu bezahlt. Jetzt müsste sie sich allerdings darauf einstellen, insgesamt mindestens 1.500 Dollar weniger vom Finanzamt zurückzuerhalten.

Der Wegfall der Arbeitslosenunterstützung würde für die 54-jährige Lis De Bats aus dem kalifornischen Agoura Hills „bedeuten, dass ich mein Haus verliere". Sie hatte bei einer Immobilienfirma im Verkauf gearbeitet und Anfang des Jahres ihre Stelle verloren. Daraufhin hatte sie sich für die Aufnahme in ein staatliches Programm qualifiziert, das neun Monate lang ihre Hypothekenzahlungen übernahm. Doch damit ist es nun bald vorbei. Wenn ihr im Dezember auch noch die Arbeitslosenhilfe gekappt wird, werde sie nicht mehr in der Lage dazu sein, mit ihrer Bank neue Konditionen für ihren Kredit auszuhandeln, befürchtet sie.

Haushalte mit mittlerem Einkommen würden besonders stark von den höheren Einkommensteuersätzen, dem Verlust von Erleichterungen bei der Heiratsstrafe und den reduzierten Kinderfreibeträgen beeinträchtigt. Eine Familie mit einem Jahreseinkommen von 40.000 bis 65.000 Dollar müsste im Schnitt eine zusätzliche Steuerlast von 2.000 Dollar schultern, schätzt das Tax Policy Center.

Pensionierter Kinderarzt arbeitet wieder

Mary Schoenbach ist 20 Jahre alt und studiert Biologie an der University of Chicago. Sie fürchtet den automatisch in Kraft tretenden Wegfall der Steuervergünstigungen für Ausgaben der höheren Bildung. Das würde ihre Eltern mehrere tausend Dollar kosten. Ihre Mutter, die als Seelsorgerin in einem Krankenhaus arbeitet, müsste ihren Eintritt in die Rente dann vielleicht verschieben. „Das ist wirklich wichtig", sagt sie zu den Steuervergünstigungen für die Ausbildung. „Wie sollen wir das denn machen, wenn es die nicht mehr gibt?"

Angel Valentin for The Wall Street Journal

Kinderarzt Michael Lapkin arbeitet seit der Finanzkrise wieder halbtags.

Steuerzahler mit einem höheren Einkommen, darunter viele Kleinunternehmer, müssten sich gegen höhere individuelle Einkommensteuersätze wappnen. Dazu kämen dann noch gestiegene Sätze auf Dividenden, Kapitalgewinne und andere Arten von Kapitaleinkünften. Ein Haushalt, der zwischen 200.000 und 500.000 Dollar im Jahr einnimmt, sähe sich einer durchschnittlichen Steuererhöhung von rund 15.000 Dollar ausgesetzt, rechnet das Tax Policy Center vor.

Höhere Steuersätze würden ihn und seine Familie im Jahr mindestens 4.000 bis 5.000 Euro kosten und sie so zu Ausgabenkürzungen zwingen, veranschlagt der 72-jährige Kinderarzt Michael Lapkin. Er hatte sich in Boca Raton in Florida zur Ruhe gesetzt, arbeitet aber jetzt wieder halbtags in einer Praxis mit. Nach der Finanzkrise hat er die Zahl seiner Arbeitsstunden erhöht, um seine Kapitalerträge aufzubessern. Auch seinen beiden erwachsenen Kindern griff er finanziell unter die Arme, als sie im Abschwung in den Strudel der Arbeitslosigkeit gerieten. Lapkin und seine Frau beziehen knapp über 200.000 Dollar im Jahr aus Altersvorsorgebezügen, Arbeitseinkommen, Sozialversicherungsleistungen und ihrer Pension.

Er kenne einige, die wie er selbst eigentlich schon in den Ruhestand gegangen waren und jetzt wieder angefangen haben, zu arbeiten. Viele seien aus der bewachten Wohnanlage weggezogen, in der er lebt, erzählt Dr. Lapkin. „Wenn die Steuern steigen, wird die Belastung noch größer", sagt er. Er habe ja direkt Glück, dass er überhaupt noch in der Lage ist, arbeiten zu gehen, fügt er hinzu.

Pentagon müsste 50 Milliarden im Jahr streichen

Der Bauunternehmer Ricardo Pradilla aus New Jersey rechnet damit, dass er allein wegen der AMT zusätzliche Steuerzahlungen von 2.200 Dollar leisten muss. Eigentlich wollte er sein Geschäft ausbauen. Aber diese Pläne habe er vorerst auf Eis gelegt, bis die Steuerproblematik geklärt sei, sagt er.

Video auf WSJ.com

Almost all American households would take a financial blow next year-and low-income families would be among the hardest hit-if the White House and Congress fail to solve the "fiscal cliff." Damian Paletta reports on Markets Hub.

Steueranhebungen dieser Größenordnung würden vor allem kleinere Firmen noch stärker in Bedrängnis bringen. Der 41-jährige Todd Sardini arbeitet als selbstständiger Wohnungsbauberater in Parsippany, New Jersey, und verdient im Jahr rund 75.000 Dollar. Ihm würden wahrscheinlich Steuererhöhungen über jährlich 2.000 bis 4.000 Dollar blühen. „Das ist eine enorme Summe für mich", sagt er. Einen Anreiz, sein Geschäft auszubauen, habe er dann kaum noch.

Auch Regierungsangestellte und staatliche Auftragnehmer stünden wegen den vorgesehenen Kürzungen bei den Staatsausgaben vor Einkommenseinbußen und möglicherweise vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze. Wie die Einschnitte sich genau auswirken, ließe sich allerdings erst dann sagen, wenn sie genauer präzisiert wurden.

Das Sockelbudget des Verteidigungsministeriums etwa würde im Verlauf von zehn Jahren um rund zehn Prozent zurückgefahren. Das entspräche mehr als 50 Milliarden Dollar im Jahr.

„Jeder ist ziemlich verkrampft und nervös deswegen", berichtet Dana Edsall. Der 54-Jährige arbeitet schon seit 25 Jahren als Kranfahrer in einer Panzerfabrik von BAE Systems in York im US-Bundesstaat Pennsylvania. Seine Frau arbeitet dort im Büro. Mit dem Geschäft der Firma dürfte es wohl abwärts gehen, wenn die geplanten Ausgabenkürzungen tatsächlich umgesetzt werden, klagt er. „Hoffentlich kriegen die da unten in Washington ihren Hintern hoch und bringen das wieder in Ordnung."

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