Von LOTHAR LOCHMAIER
Noch in der Wahlnacht versicherte der alte und neue US-Präsident, er werde seine Energiepolitik primär darauf ausrichten, die USA nach und nach von Ölimporten unabhängig zu machen. Die deutliche Zielformulierung muss wohl auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Förderung von erneuerbaren Energien und Klimaschutz in Barack Obamas Energiepolitik künftig wohl nur noch eine untergeordnete Rolle spielen werden.
Neue Fördertechnologien haben die USA in einen zweiten „Goldrausch" versetzt. Was bislang technisch schwierig und obendrei teuer war, ist mit dem Verfahren des „Fracking" jetzt möglich und rentabel: Mit Hochdruck und einem Gemisch aus Wasser und Chemikalien werden Öl und Gas aus Schiefergestein oder Sand herausgepresst.
Der enorm erfolgreiche Einsatz dieser Technik veranlasste die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem jährlichen Ausblick kürzlich zu der überraschenden Einschätzung, dass die USA in nur fünf Jahren Saudi-Arabien und Russland als weltgrößte Ölproduzenten ablösen werden. Spätestens im Jahr 2017 werde das Land dank der neuen Fördertechnologien die bisherigen Spitzenreiter überholen, schreiben die Experten in ihrem World Energy Outlook 2012.
Ein kleiner Rückblick: Zu Beginn seiner ersten Amtszeit 2008 schien Barack Obama das Ende des fossilen Energiezeitalters noch fest im Blick zu haben. Sein ehrgeiziges Umweltprogramm sah binnen zehn Jahren Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien und andere saubere Technologien vor. Um mehr als die Hälfte sollte sich parallel die Energieeffizienz in Gewerbe, Industrie und bei den Bürgern verbessern. Der CO2-Ausstoß sollte bis 2050 sogar um 80 Prozent reduziert werden.
Klimaschutzziele fallen der Wirtschaftslage zum Opfer
Am Ende der ersten Amtsperiode fällt die Zielkontrolle jedoch nüchtern aus. Die angekündigte Ökorevolution musste hinter den vielen staatlichen Konjunkturprogrammen zurückstehen, die zur Bewältigung der Finanzkrise aufgesetzt wurden – seine selbst gesteckten Ziele hat Amerika bei Weitem nicht erreicht. Der Anteil regenerativer Energiequellen an der gesamten Energieversorgung beträgt derzeit kaum mehr als ein Prozent.
Nach dem jüngsten Befund kann die Industrienation nun aufatmen. Die USA verfügen über derart gigantische Vorkommen fossiler Brennstoffe, dass sie den Amerikanern eine neue geopolitische Perspektive eröffnet. Umweltbedenken bei der nicht unumstrittenen Methode des Frackings treten da in den Hintergrund.
Warum sollte Obama die angepeilten Kostenfortschritte und Effizienzgewinne bei den erneuerbaren Energien also noch abwarten, wenn er mit Fracking seinem Ziel, die US-Energieversorgung von Gas- und Ölimporten unabhängig zu machen, so viel näher kommt? Erste Folgen des neuen Förderbooms zeigen sich bereits: In wenigen Jahren sind die Gas- und Strompreise in den USA um sagenhafte 75 Prozent gesunken.
Mit Beginn der zweiten Amtszeit Obama ist eine Energiewende in Amerika somit mehr als fraglich. Der Ausbau von alternativen Energien mag zwar auf niedrigem Niveau weitergehen, zumal in einigen Bundesstaaten neue Arbeitsplätze in der Solar- und Windenergiebranche entstanden sind.
Obama wird die Steuervergünstigungen und Investitionsanreize zur Förderung der Erneuerbaren Energien zwar nicht abschaffen. Doch das wird nicht reichen, sie zu einem wichtigen Bestandteil in der nationalen Energieversorgung auszubauen. Im Klartext: Gas und Öl werden Wind und Sonne als tragende Säulen der amerikanischen Energieversorgung noch lange in den Schatten stellen.
Lothar Lochmaier arbeitet als freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Reuters


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