Von JOSHUA MITNICK, SAM DAGHER und MATT BRADLEY
TEL AVIV/KAIRO/GAZA—Nach über einer Woche schwerer Kämpfe zwischen Israel und der Hamas haben die Menschen im Gazastreifen am Mittwochabend das Inkrafttreten einer Waffenruhe gefeiert. Aber neben der Erleichterung über die Einigung herrschte in Israel Skepsis, wie lange die Feuerpause wohl halten mag.
Das Abkommen war unter internationalem Druck und mithilfe Ägyptens ausgehandelt worden. Der ägyptische Außenminister Mohammed Kamel Amr verkündete die Einigung bei einem gemeinsamen Auftritt mit US-Außenministerin Hillary Clinton in Kairo. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bestätigte die Übereinkunft, die ab 20 Uhr deutscher Zeit das Ende aller Angriffe auf beiden Seiten vorsah. Ägypten soll die Einhaltung der Waffenruhe garantieren.
Auf den zuvor menschenleeren Straßen in Gaza-Stadt fielen sich die Menschen vor Freude über das Ende der Bombardements in die Arme, „Gott ist groß" schallte es aus den Lautsprechern der Moscheen. Einige verteilten Süßigkeiten, andere schwenkten Fahnen der Hamas und feuerten Freudenschüsse in die Luft. Autos fuhren wieder und die Straßenlaternen, die während der israelischen Raketenangriffe gelöscht worden waren, leuchteten ebenfalls.
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„Das ist ein Sieg für alle Muslime, alle Araber und alle Menschen in Gaza", sagte Osama Rashid, ein Leutnant der von der Hamas geführten Polizei in Gaza, der den Freudentaumel auf den Straßen beobachtete. „Natürlich sind die Bedingungen des Abkommens gut, sie sind gut für die Widerstandsbewegung."
Analysten aber bezeichneten den Waffenstillstandsvertrag als bloße Übereinkunft, die zahlreiche kritische Fragen offen lässt. Unbeantwortet etwa bleibt ein Kernanliegen der Hamas, die ein Ende der israelischen Blockade im Gazastreifen und eine Öffnung der Grenzübergänge fordert. Mit diesen Fragen wolle man sich beschäftigen, wenn der Waffenstillstand 24 Stunden lang eingehalten würde, heißt es in dem offiziellen Text.
Fraglich, ob Waffenruhe ein paar Jahre hält
Die Waffenruhe werde „irgendwann zusammenbrechen, so wie jede Waffenruhe zusammenbricht, aber die Frage ist, wie lange es dauert, bis das passiert – ein paar Monate oder ein paar Jahre", sagt Schlomo Brom, Militärstratege an der Universität Tel Aviv. Wenn die Feuerpause ein paar Jahre halte, wäre das „ein großer Erfolg". Das hänge davon ab, „ob der Dämpfer, den die Hamas bekommen hat, stark genug war", um sie von einem Bruch des Waffenstillstands abzuhalten. „Wir wissen es noch nicht", sagt Brom.
Noch kurz vor der vereinbarten Feuerpause wurde ein Mensch im Gazastreifen bei einem israelischen Luftangriff getötet. Auch die Palästinenser setzten ihren Raketenangriffe auf südisraelische Gebiete bis kurz vor der Frist fort. Allerdings meldeten israelische Behörden, dass auch noch etwa ein Dutzend Raketen bis zu einer Stunde nach Inkrafttreten der Waffenruhe niedergegangen seien. Bei den Gefechten waren 170 Palästinenser getötet und mehr als 1.000 verletzt worden. In Israel kamen fünf Menschen ums Leben.
Blutiger Konflikt um Gaza
Das Waffenstillstandsabkommen beflügelt die militante islamistische Hamasbewegung, die den Gazastreifen seit 2007 kontrolliert. „Sie haben unser Volk abschrecken wollen, aber sie haben versagt, weil freie Menschen nicht abgeschreckt werden können", sagte Hamas-Führer Khaled Meschal in Kairo.
Die Hamas nutzte die Kämpfe, um den Palästinensern im Gazastreifen glaubhaft zu machen, dass sie regieren und einen bewaffneten Kampf gegen Israel führen kann – was bisher als Widerspruch galt. Zu beobachten bleibt, ob es der Hamas auch langfristig gelingen wird, sich als Machthaber in Gaza zu behaupten. Ein Test dürfte sein, ob es der Gruppe gelingt, ein Ende der israelischen Blockadepolitik durchzusetzen.
Auch Ägypten, das zuvor zwei Tage lang mit beiden Seiten verhandelte, scheint von der Einigung zu profitieren. Nach Ansicht von Analysten hat die regierende Muslimbruderschaft bewiesen, dass sie einerseits klar Position für die ihr ideologisch nahestehende Hamas-Bewegung beziehen und gleichzeitig ihre Friedensverpflichtung gegenüber Israel aufrechterhalten kann. Die ägyptische Regierung unter Muslimbruder Mohammed Mursi hatte an der Seite der USA die kritische Rolle des Mediators zwischen Irael und der Hamas übernommen.
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Beide Parteien haben strategische Interessen. Israel hätte gerne, dass Ägypten eine größere Verantwortung für die Sicherheit im Gazastreifen übernimmt. Die Hamas hofft auf eine spezielle Wirtschaftszone mit Ägypten, um die israelischen Einfuhrzölle von 15 Prozent auf Importe in den Gazastreifen zu umgehen, welche Israel später an die palästinensiche Autonomiebehörde in Ramallah auszahlt.
Der Hamas sei es egal, ob Israel die Grenze zum Gazastreifen öffnet, sagt Mkhaimar Abusada, Politikwissenschaftler an der Al-Azhar-Universität in Gaza. „Die Hamas will einen Handelsübergang nach Ägypten...wodurch die Hamas finanziell unabhängig würde", sagt Abusada.
—Mit Material von Jay Solomon und dapdKontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de



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