• The Wall Street Journal

Telekom bewegt sich beim Netzausbau auf Wettbewerber zu

Lennart Preiss/dapd

Die Telekom geht auf Kuschelkurs: Um im Geschäft mit besonders schnellen Internetverbindungen nicht den Anschluss zu verlieren, wollen sich die Bonner auf ihre Wettbewerber zubewegen.

Um im Geschäft mit besonders schnellen Internetverbindungen gegenüber den Kabelnetzbetreibern nicht den Anschluss zu verlieren, geht die Deutsche Telekom auf Kuschelkurs zu ihren Wettbewerbern. Im Streit um die technische Aufrüstung der letzten Meile bietet die Telekom ihren Rivalen an, die veralteten Kupferadern auch selbst aufrüsten zu können. Die Bonner wollen damit der Kritik vieler Wettbewerber und regulatorischen Bedenken den Wind aus den Segeln nehmen.

Im immer wichtiger werdenden Markt mit dem superschnellen Internet sind die letzten Meter das Nadelöhr. Um den Kampf um Bandbreite mit den enteilten Kabelbetreibern aufzunehmen, will die Telekom die Surf-Geschwindigkeit der letzten Meile mit einer neuartigen Technik namens Vectoring verdoppeln. Das Unternehmen steht unter Druck, da es die immer begehrter werdenden Übertragungsraten von über 50 Mbit bislang kaum im Programm hat.

Konkurrenten immer stärker

Ein rege Nachfrage verzeichnen dafür die beiden Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland und Unitymedia KabelBW. Sie können direkt bis ins Wohnzimmer der Kunden Kapazitäten von über 100 Mbit bieten. Das ist praktisch, wenn man zu Hause schnell surfen oder sich Filme direkt über das Internet ansehen will. Ihren Anteil am Breitbandmarkt dürften die beiden Unternehmen dadurch nach Angaben des Telekommunikationsverbandes VATM 2012 auf 13 Prozent fast verdoppeln.

Um das Wachstum der Kabelrivalen zu bremsen, zeigt sich die Telekom nun kompromissbereit. "Wir können uns vorstellen, dass unsere Rivalen bei ihren erschlossenen Kabelkästen auch selber Vectoring anwenden können", sagte Markus Isermann, Regulierungsexperte beim Dax-Konzern. Diese Möglichkeit soll auch für Verteilerkästen gelten, die deutschlandweit auf den Fußwegen stehen und die Haushalte mit den Netzautobahnen verbinden, die von den Rivalen erst künftig erschlossen werden. "Allerdings müssen sie sich dabei auf Regionen konzentrieren und dort geballt Kabelverzweiger erschließen", erklärte Isermann. Ähnlich wie es der Anbieter EWE Tel in Niedersachsen vorgemacht habe. "Die vereinzelte Erschließung lehnen wir ab", fügte er hinzu.

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Damit entkräftet die Deutsche Telekom die Kritik seiner Rivalen in den wesentlichen Punkten. Die hatten zuvor befürchtet, von der neuen Technologie ausgeschlossen zu werden. "Vectoring wird nur dann einen wirkungsvollen Beitrag zum Breitbandausbau leisten, wenn alle investierenden Unternehmen in gleicher Weise davon profitieren können", sagte der Präsident des Bundesverbands Breitbandkommunikation (Breko), Ralf Kleint. Zu den Wettbewerbern der Telekom gehören Vodafone und 1&1 sowie zahlreiche regionale Anbieter, die ebenfalls auf die letzte Meile Kupferkabel der Bonner angewiesen sind.

Bei dem Upgrade ihrer Kupferadern, die die deutschen Haushalte an das superschnelle Glasfasernetz der Bonner anschließen, will sich der Konzern zunächst vor allem auf Regionen konzentrieren, in denen Kabel Deutschland und Unitymedia KabelBW ihren Kunden bereits Übertragungsraten von 100 Mbit anbieten. Das sind rund 60 Prozent aller deutschen Haushalte. Erst im zweiten Schritt will die Telekom auch Städte mit weniger als 5.000 Einwohnern erschließen und die Abdeckung auf 80 Prozent der Haushalte erhöhen. "Dafür brauchen wir dann aber staatliche Zuschüsse", sagte Niek Jan van Damme.

Falls alles glatt läuft, könnten die Bonner ihren Kunden im ersten Halbjahr 2014 Übertragungsraten von bis zu 100 Mbit pro Sekunde anbieten. Ohne größere Widerstände von Wettbewerbern dürfte das Genehmigungsverfahren bei der Bundesnetzagentur zwischen fünf und sechs Monate dauern. Anschließend bräuchten die Bonner drei Monate für die Planung und sechs Monate, um den ersten Haushalten die schnelleren Leitungen zur Verfügung zu stellen, wie der deutsche Technik-Chef der Telekom, Bruno Jacobfeuerborn, kalkuliert.

Allerdings muss der Telekomriese dafür zunächst noch ein paar Brocken aus dem Weg räumen. „Wir führen bereits mit Wettbewerbern Gespräche und wollen unseren Antrag noch in diesem Jahr einreichen", sagte Deutschland-Chef Niek Jan van Damme. Allerdings gibt es dabei offenbar noch Widerstände zu überwinden. „Ein paar unserer Wettbewerber haben die Gespräche abgebrochen", sagte Niek Jan van Damme.

Beschwerden der Kritiker könnten das Prüfungsverfahren bei der Bundesnetzagentur in die Länge ziehen. Deshalb versucht der Dax-Konzern vor Antragsstellung möglichst viele Kontrahenten einzubinden und so die Chance auf schnelles Okay der Aufsichtsbehörde zu erhöhen.

Kritik aus München

Zu den Kritikern gehört unter anderem das Münchner Unternehmen M-net. Es hat in Bayern bereits zehntausende von Haushalten direkt an das Glasfasernetz angebunden und kann seinen Kunden somit ähnlich wie die Kabelnetzbetreiber schon heute Surf-Geschwindigkeiten von 100 Mbit anbieten. Durch die mit Vectoring getunten Leitungen sieht der Telekom-Rivale nun seine Investitionen bedroht. Insgesamt befürworten die Münchner die neue Technologie jedoch.

Auch hier zeigt sich die Telekom kompromissbereit. "Regionen, die bereits von Wettbewerbern mit Glasfaser erschlossen sind, sind für uns unattraktiv", sagte Telekom-Regulierungsexperte Isermann. "Dort wäre es für uns nur sehr schwer möglich, mit schnellen Internetverbindungen Geld zu verdienen", fügte er hinzu.

Ein Kompromiss zwischen der Telekom und ihren Wettbewerbern könnte sich schon Anfang Dezember abzeichnen. Am 10. Dezember treffen sich die Rivalen im sogenannten NGA-Forum. Die Telekom will bis dahin die Grundzüge einer möglichen Einigung im Vectoring-Streit erreicht haben.

Für die Telekom hat Vectoring unterdessen noch einen ganz anderen - besonders wichtigen - Vorteil. Die Technik ist eine vergleichsweise günstige Möglichkeit, die Netze aufzurüsten. Nach Schätzung der japanischen Bank Nomura dürften sich die gesamten Investitionen auf rund vier Milliarden Euro belaufen und damit deutlich unter den Kosten für den flächendeckenden Glasfaserausbau liegen. Die werden insgesamt auf rund 80 Milliarden Euro geschätzt.

Ersetzen kann die neuartige Technologie den Glasfaserausbau jedoch nicht. "Vectoring ist eine Überbrückungstechnologie. An dem flächendeckenden Glasfaserausbau führt kein Weg vorbei", sagte der Deutschland-Chef der Telekom, Niek Jan van Damme.

Die vergleichsweise deutlich geringeren Investitionen kommen der Telekom sehr gelegen. Der Bonner Konzern benötigt nicht nur für den teuren Ausbau der Netze Milliardensummen. Einen größeren finanziellen Spielraum könnte das Unternehmen für Investitionen in innovative Produkte oder auch zur Zahlung einer stabilen Dividende nutzen. Zuletzt wurde spekuliert, dass die Zeiten üppiger Dividenden möglicherweise bald vorbei seien. Die Deutsche Telekom hatte daraufhin wiederholt erklärt, erst im Dezember über die Ausschüttung reden zu wollen.

—Mitarbeit: Archibald Preuschat

Kontakt zum Autor: hans.bielefeld@dowjones.com

Berichtigung
Der Präsident des Bundesverbands Breitbandkommunikation heißt korrekt Ralf Kleint.

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