• The Wall Street Journal

Die Toten mit den Schwefelhölzern

PEKING—Fünf Kinderleichen in einem Müllcontainer sorgen für Aufruhr unter der chinesischen Internetgemeinde. Der Fund in der vergangenen Woche rückt erneut die Wohlstandskluft im Land in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte.

Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete am Dienstag, dass die Identitäten der Kinder mittlerweile feststünden. Es handele sich bei den Toten um fünf Jungen im Alter zwischen neun und 13 Jahren – um Straßenkinder. Die Körper der Kinder waren am Freitag in einem Müllcontainer in der bezirksfreien Stadt Bijie im Westen der chinesischen Provinz Guizhou gefunden worden. Guizhou gilt als eine der ärmsten Regionen Chinas.

Sina Weibo

In diesem Müllcontainer wurden die fünf Jungen gefunden. Das Bild ist ein Screenshot von einem Foto, das auf Sina Weibo gepostet wurde.

Die Jungen trugen alle den Nachnamen Tao. Sie starben vermutlich an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Laut Polizeiangaben hatten sie ein Feuer innerhalb des Containers entzündet und waren anschließend hineingeklettert, um sich vor der Kälte zu schützen. Die Todesfälle sorgen nicht nur deshalb für große Aufmerksamkeit bei vielen Chinesen, weil gleichzeitig auf dem Parteitag der Kommunistischen Partei eine neue Führung gewählt wurde. Viele fühlten sich auch an ein Märchen von Hans Christian Andersen erinnert, das den Horror des Kapitalismus thematisiert und früher in chinesischen Grundschulbücher zu finden war. In „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" versucht ein armes dänisches Mädchen zu Silvester Streichhölzer auf der Straße zu verkaufen und erfriert am Ende.

Laut Xinhua waren die Jungen Söhne von drei Brüdern. Zwei von ihnen hatten ihre Heimat verlassen, um als Müllmänner in der Küstenstadt Shenzhen zu arbeiten. Der zurückgebliebene Bruder Tao Jinyou erzählt, dass die Jungen kaum beaufsichtigt worden seien. Vier der fünf Jungen seien nicht mehr zur Schule gegangen. „Manchmal sind sie nicht mal nachts nach Hause gekommen", wird er zitiert.

Sechs Beamte wurden beurlaubt oder entlassen

Tao berichtete Xinhua weiter, dass die Jungen vor drei Wochen zum Spielen weggegangen und nicht mehr zurückgekommen seien. Die Behörden vor Ort haben Ermittlungen aufgenommen und sechs Beamte vorläufig beurlaubt oder entlassen.

Die Stadt, in der die Kinder lebten, ist reich an Kohlevorkommen. Doch ansonsten herrschen in Bijie Armut und Korruption. Darum wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Rufe nach Unterstützung aus Peking laut. Immer mehr Einwohner haben die Stadt verlassen, um sich anderswo Arbeit zu suchen. Zurück blieben die Kinder, bei Großeltern oder Verwandten.

Nachrichten über den Tod der fünf Jungen haben Chinas Internet-Nutzer in den vergangenen Tagen umgetrieben. Beim populären Mikroblogging-Dienst Weibo und beim marktführenden Suchmaschinenanbieter Baidu gehören Meldungen über das Unglück zu den meistgesuchten Geschichten. Und das hat durchaus Tradition.

Ein-Kind-Politik und Werte der Familie

Meldungen über notleidende Kinder hinterlassen in einem Land, in dem eine Ein-Kind-Politik herrscht und der Wert der Familie als größtes Gut zählt, eine tiefen Eindruck. In diesem speziellen Fall kommen aber noch die Parallelen mit dem bekannten Märchen von Hans Christian Andersen hinzu. „Ich dachte, so etwas passiert nur in kapitalistischen Ländern", schreibt eine Weibo-Nutzerin. „Warum sind wir von der Überlegenheit unseres Systems so überzeugt?"

Nachrichten über den Tod der Kinder machten nur kurze Zeit nach dem Ende des Parteikongresses in Peking die Runde. Dort hatten sich die Parteispitzen in Reden und landesweit ausgestrahlten TV-Sendungen stundenlang zu den Vorzügen „des Sozialismus mit chinesischen Einflüssen" ausgelassen. „Dank des über 90 Jahre währenden Kampfes ist unsere Partei erfolgreich. Wir haben Menschen aller ethnischen Gruppen angeführt und das arme und rückständige alte China in ein immer wohlhabenderes und mächtigeres neues China verwandelt", sagte das abtretende Staatsoberhaupt Hu Jintao in seiner Eröffnungsrede.

Einige Nutzer der sozialen Medien wiesen auf den starken Kontrast zwischen diesen Worten und dem Unglück in Guizhou hin. „Zu einem Zeitpunkt, an dem wir den Aufstieg der Nation und die Kreativität einer modernen Gesellschaft im Land feiern, wirkt der Tod von fünf Jungen auf der Suche nach Wärme in einem Müllcontainer seltsam bizarr", schreibt Cao Lin auf seinem Mikroblog. Cao arbeitet als Kolumnist für die staatlich kontrollierte China Youth Daily.

Die Kluft zwischen Arm und Reich steht an der Spitze einer langen Liste von Aufgaben, denen sich Chinas neue Führungsriege unter Leitung des neu ernannten Parteichefs Xi Jinping stellen muss. Als das Land 1978 die ersten Wirtschaftsreformen anstieß, befanden sich die meisten chinesischen Familien finanziell auf dem gleichen Niveau. Heute vereint das bestverdienendste Zehntel 56 Prozent des Gesamteinkommens auf sich. Das ergab eine kürzlich durchgeführte Untersuchung von Gan Li, einem Professor der Texas A&M University. Mit diesem Verhältnis liegt China sogar noch hinter einigen afrikanischen Ländern. In der vergangenen Woche erhielt Xi viel Zustimmung bei den Internetnutzern für seine Antrittsrede. Darin erklärte der Politiker, die Partei müsse stärker daran arbeiten, das Leben der Menschen zu verbessern.

Und längst nicht alle suchen die Schuldigen für die Todesfälle bei der Regierung. Einige blicken stattdessen auf die Familien der Kinder. Sie fragen, warum die Eltern nicht mehr für den Schutz ihrer Jungen getan haben. Dennoch richtet sich die meiste Kritik an die Politiker. „In einer Situation, in der sich die Parteiführung als erstes aus dem Staub macht, wenn es schlecht läuft, wer denkt da an die Armen, die Obdachlosen, die Waisen?", schrieb ein Mikroblogger in einem Beitrag, der später gelöscht wurde.

—Mitarbeit: Yang Jie

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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