• The Wall Street Journal

London, Hauptstadt der Skandale

Reuters

Trügt der schöne Schein am Finanzplatz London? Immer neue Skandale erschüttern die britische Hauptstadt und wecken Zweifel an der Verlässlichkeit ihrer Banker, Börsenhändler und Bilanzprüfer.

Da dachte man gerade, der Ruf des Finanzplatzes London könnte nicht noch schlechter werden – und dann das: Mit Hewlett Packards Vorwürfen vom Dienstag, dass es beim britischen Softwarehersteller Autonomy „ernsthafte Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung, Falschdarstellungen und Versäumnisse bei der Mitteilungspflicht" gab, um „die zugrundeliegenden Finanzkennziffern des Unternehmens vor der Übernahme durch HP aufzublähen", geht für den englischen Finanzbezirk ein schreckliches Jahr zu Ende.

Just am selben Tag kam die Nachricht heraus, dass der ehemalige Börsenhändler der Großbank UBS, Kweku Adoboli, wegen Betrugs für sieben Jahre hinter Gitter muss . Er ist dem Urteil zufolge für einen Verlust von 2,3 Milliarden US-Dollar im Londoner Büro der Bank mitverantwortlich.

In den vergangenen Monaten mussten britische Banken für eine ganze Reihe von Vergehen Hunderte Millionen Dollar Strafe an US-Aufseher zahlen. Es ging um Zinsmanipulation, Geldwäsche und den Bruch von Sanktionen. Darüber hinaus mussten sie Milliarden von Pfund an die Opfer verschiedener Skandale zahlen, denen dubiose Anlagen angedreht wurden. Und mit jedem weiteren Skandal vertieft sich der Eindruck, dass in Großbritannien der Wilde Westen der Finanzbranche tobt.

HP will vor Gericht „aggressiv" auf eine Entschädigung pochen und beruft sich dabei auf den Vorwurf, dass Autonomy Verkaufszahlen und Margen bei der amerikanischen Marktaufsicht SEC und der britischen Anti-Betrugsbehörde Serious Fraud Office falsch angegeben habe. Für die Rechnungsprüfer von Deloitte, die damals Autonomys Bilanzen abgesegnet hatten, wird das im besten Fall peinlich.

Dann ist da noch die lange Liste an Beratern auf beiden Seiten der Übernahme mit Namen wie Qatalyst Partners, J.P. Morgan, UBS, Goldman Sachs, Barclays, Citigroup, Parella Weinberg und Bank of America Merrill Lynch. Keiner von denen hat offensichtlich etwas von den angeblichen Unregelmäßigkeiten gemerkt. Keiner der Konzerne wollte sich zu der Sache äußern. Der frühere Autonomy-Konzernchef Mike Lynch streitet nach Auskunft seines PR-Vertreters die Vorwürfe ab.

Auf jeden Fall aber werfen die Anschuldigungen von HP neue Fragen zur Beraterbranche in Großbritannien auf. Viele Investoren glauben schon seit längerem, dass die Berater zu eng mit Konzernmanagern verbandelt sind. Anfang des Jahres gab es während des Libor-Zinsskandals bereits ernsthafte Bedenken an der Qualität der Buchführung bei der Barclays Bank. Vielleicht wird die 8,8-Milliarden-Dollar-Abschreibung, die HP gerade auf den 10-Milliarden-Dollar-Kauf von Autonomy vorgenommen hat, nun den Weg ebnen für eine radikale Reform der Kultur und Ethik in der Branche der Bilanzprüfer – so wie es der Libor-Skandal für die Bankenbranche getan hat.

Sollte das so sein, wäre das der Augenblick, in dem man neues Vertrauen in die Inegrität der Londoner Märkte setzen kann.

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