Von BEN WORTHEN
Die schlechten Nachrichten für den US-Computerhersteller Hewlett-Packard reißen nicht ab. Das Unternehmen aus dem kalifornischen Palo Alto musste am Dienstag einen Quartalsverlust von fast 7 Milliarden US-Dollar verkünden. Schuld war vor allem der britische Softwarehersteller Autonomy, den HP 2011 für 10 Milliarden Dollar übernommen hatte. Jetzt sind Unregelmäßigkeiten in den Büchern aufgetaucht.
Es war die zweite massive Abschreibung in Folge bei HP. Diesmal betrug die Quittung 8,8 Milliarden Dollar. Die ohnehin schwache Aktie des Unternehmens stürzte im frühen US-Handel um 12 Prozent ab.
HP-Chefin Meg Whitman erklärte, eine interne Untersuchung habe „ernsthafte Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung" und „eindeutige Verdrehungen von Tatsachen" bei Autonomy aufgedeckt. Die Briten hätten vor dem Kauf durch HP margenschwache Hardwareabsätze als Softwareverkäufe deklariert und einige Geschäfte unter Umsatz verbucht, obwohl es gar nicht zum Abschluss gekommen war.
Kaum noch Glaubwürdigkeit
Whitman sagte, das Unternehmen habe die Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien informiert und darum gebeten, ein Strafverfahren aufzunehmen. Auch zivilrechtlich wolle man gegen Autonomy vorgehen, auch wenn sich dies über Jahre hinziehen könne. Von den 8,8 Milliarden Dollar an Abschreibungen seinen mehr als 5 Milliarden den Problemen bei der Buchhaltung geschuldet.
Das vierte Fiskalquartal von HP, das am 31. Oktober endete, hat dem PC-Hersteller einen Verlust von 6,9 Milliarden Dollar eingebracht. Die Umsätze fielen um 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit geht es bei HP seit fünf Quartalen bergab – und Whitman kündigte an, dass zunächst keine Besserung in Sicht sei. In allen wichtigen Geschäftsfeldern sinken die Einnahmen.
Erst im zweiten Halbjahr des neuen Fiskaljahres könne der Trend gebrochen werden. Auch deswegen wurden am Dienstag an der Börse HP-Aktien verkauft. „Ich halte das für ziemlich optimistisch", sagte Rob Cihra, Analyst bei Evercore Partners . „Die Glaubwürdigkeit des Managements ist nicht sehr hoch. Wenn sie eine Erholung für die zweite Jahreshälfte ankündigen, muss man das mit großer Vorsicht genießen. Es läuft einfach immer schlechter, nicht besser."
Die Geschichte von HP
HP ist ein Urgestein des Silicon Valley. Mit dem Kerngeschäft, dem Verkauf von PCs und Druckern sowie Firmendienstleistungen stieg das Unternehmen nach Umsatz zum größten Technologieproduzenten der Welt auf. Aber viele Wechsel in der Führungsetage, eine schwächere Nachfrage nach bestimmten Produkten und ein höher werdender Schuldenberg belasten HP. Und jetzt kommt auch noch Autonomy dazu.
Schon vor der Übernahme durch HP gab es Gerüchte, dass Autonomy sein Wachstum auch durch Buchhaltungstricks erzielte. Der damalige Chef Mike Lynch wies das aber immer von sich. Lynch hat HP im Mai verlassen. In einer E-Mail erklärt sein Sprecher, die ehemalige Autonomy-Führung sei geschockt über diese Ankündigung und weise „diese falschen Anschuldigungen kategorisch zurück." HP habe Autonomy vor dem Ankauf detailliert von den Wirtschaftsprüfern von KPMG durchleuchten lassen, auch sei die HP-Führung intensiv involviert gewesen. „Es hat zehn Jahre gebraucht, um Autonomys branchenführende Technologie aufzubauen. Es ist traurig zu sehen, wie sie seit der Übernahme durch HP heruntergewirtschaftet wird."
Apotheker: "Bin schockiert und enttäuscht"
Wie mit dem Vorgang vertraute Personen berichten, waren HP die Gerüchte über Autonomy zum Zeitpunkt des Zukaufs bekannt. Viele Anleger machten sich sorgen, dass das Geschäft für HP zu teuer wurde. Rivale Oracle erklärte sogar öffentlich, man habe die Chance gehabt, Autonomy zu kaufen, man habe den Preis aber für zu hoch gehalten. Wie die Insider berichten, habe HP zwischenzeitlich auch nach Gründen gesucht, den Deal rückgängig zu machen. Die Kalifornier hätten aber in den Bilanzen keine belastenden Fehler gefunden.
Whitman sagte am Dienstag, HP habe sich auf die Wirtschaftsprüfer sowohl von Deloitte als auch von KPMG verlassen, die keine größeren Probleme gefunden hatten. Die internen Untersuchungen seien aufgenommen worden, nachdem ein hochrangiger Autonomy-Manager im Mai an die HP-Führung herangetreten war.
Whitman saß im Aufsichtsrat, als der Autonomy-Deal beschlossen wurde. Sie sieht die Schuld jetzt bei ihrem Vorgänger, dem Deutschen Léo Apotheker, und dem ehemaligen Strategievorstand Shane Robinson. „Die beiden Personen, die man zur Verantwortung hätte ziehen müssen, sind nicht mehr da."
Léo Apotheker erklärte, er sei „schockiert und enttäuscht" von den Anschuldigungen. Die Prüfung des Geschäfts sei strikt durchgeführt worden. „Daran waren zwei der weltgrößten und am meisten respektieren Buchhaltungsfirmen im Auftrag von HP beteiligt." Er werde jedoch dem Unternehmen und den Behörden dabei helfen, „der Sache auf den Grund zu gehen."
Die Entscheidung im vergangenen August, Autonomy zu kaufen, war Teil von Apothekers massivem Umbauprogramm. Dabei sollte auch das PC-Geschäft abgespalten oder verkauft werden. Nur wenige Wochen später wurde Apotheker gefeuert. Seine Nachfolgerin Whitman entschloss sich, die PC-Sparte zu behalten.
PC-Umsätze fallen
Zum Zeitpunkt des Kaufs war Autonomy das größte britische Unternehmen und in Europa die Nummer zwei hinter SAP . Zu den Kunden zählten Geheimdienste, Großkonzerne, Baken und Anwaltskanzleien.
Die Programme von Autonomy können unstrukturierte Informationen wie E-Mails, Kurznachrichten, Telefonmitschnitte und Videobilder durchsuchen und bestimmte Informationen heraussuchen. Geheimdienste analysieren damit abgefangene Mitteilungen. Auch die Verluste, die Jérôme Kerviel bei der Société Générale einfuhr, flogen durch Autonomy-Software auf.
Doch das ist nicht der einzige Grund für die Misere bei HP. Der Umsatz im PC-Geschäft fiel im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent auf 8,7 Milliarden Dollar. Besonders die Absätze bei den Privatverbrauchern litten dabei. Da die Kunden vermehrt zu Tablets und Smartphones greifen, schrumpft der Markt. Wie das Marktforschungsunternehmen IDC erklärt, sanken die PC-Absätze im dritten Quartal 2012 um mehr als 8 Prozent - der größte Einbruch seit über zehn Jahren.
—Mitarbeit: Ian Sherr, Drew Fitzgerald und Paul SonneKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de









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